Die „erste Gruppe des politischen Islam“ betrifft mit der palästinensischen Opposition der Hamas eine Bewegung, die eine beachtliche Transformation hinter sich hat. Zwischen ihrer Gründung 1987 und der 2006 demokratisch legitimierten Machtübernahme in Palästina liegen gerade mal 19 Jahre.
Die Hamas kämpfte in den israelisch besetzten Gebieten jahrelang für die Errichtung eines islamischen Staates und weigerte sich vehement gegen die friedliche Verständigung mit Israel. Die Hamas kristallisierte sich in den Jahren ihrer Aktivitäten als direkte Opposition gegen die PLO und der Fatah-Bewegung heraus. Immer wieder geriet sie dabei ins Kreuzfeuer des kritischen öffentlichen Diskurs, da die Hamas mittels Selbstmordanschlägen in den 1990er Jahren versuchte gegen die israelischen Besatzungskräfte vorzugehen und erntete öfters den Begriff einer terroristischen Organisation (vgl. Baumgarten 2006 : 7).
Ein größerer Teil der Ausführungen dieser Arbeit wird sich im ersten Teil auf die Politikkonzeptionen und die Entwicklungen der Muslimbruderschaft außerhalb Ägyptens beziehen, da die Muslimbruderschaft als Mutterorganisation der Hamas angesehen werden kann, ebenso wie der Gründer der Bruderschaft al-Banna ein ernstzunehmender Akteur im politischen Diskurs darstellt. Im Rahmen dieser Arbeit kann nicht auf die Radikalisierung des politischen Islam und den Äußerungen Sayyid Qutb's eingegangen werden, da dies den Rahmen dieser Arbeit überschreiten würde. Der zeitliche Rahmen der Arbeit beschränkt sich von der Gründung der Muslimbruderschaft 1928 bis kurz nach den Osloer-Friedensverhandlungen 1994.
Ich möchte mittels einer konstruktivistischen Analyse nach Alexander Wendt der Fragestellung nachgehen, inwieweit der Strukturwechsel der Hamas von einer ideologisch eingespannten Bewegung zu einer politischen Organisation zu erklären ist und welche Akteure dabei eine Rolle gespielt haben. Dabei wird sich der öffentliche palästinensische Diskurs als einer der Initiatoren für den Strategiewechsel der palästinensischen Widerstandsbewegung herausstellen.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Theoretischer Rahmen – Der Konstruktivismus nach Alexander Wendt
III. Ideologische Ursprünge und die Entwicklung der Hamas
- der Einfluss der Muslimbruderschaft
IV. Der Wandel der politischen Positionen der Hamas
VI. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den strukturellen Wandel der Organisation Hamas seit ihrer Gründung bis zu den Osloer-Friedensverhandlungen. Mittels einer konstruktivistischen Analyse nach Alexander Wendt soll erklärt werden, wie sich die Hamas von einer ideologisch fixierten Bewegung zu einer politischen Organisation entwickelte und welche Akteure sowie Diskursveränderungen diesen Prozess maßgeblich beeinflussten.
- Konstruktivistische Theorie nach Alexander Wendt
- Ideologische Wurzeln und Einfluss der Muslimbruderschaft
- Entwicklung und politische Transformation der Hamas
- Rolle der Identitätskonstruktion und des öffentlichen Diskurses
- Interaktion zwischen internen Strukturen und externem Druck
Auszug aus dem Buch
II. Theoretischer Rahmen – Der Konstruktivismus nach Alexander Wendt
Als theoretischer Rahmen zur Bearbeitung der Fragestellung wird in dieser Arbeit der Konstruktivismus nach Alexander Wendt gewählt. Seine Grundannahmen und Methoden sollen im folgenden Abschnitt dargestellt werden.
Wendt definiert zunächst zwei Hauptgrundsätze des Konstruktivismus: (1) die Strukturen des menschlichen Zusammenlebens sind in erster Linie durch kollektives Wissen und gemeinsame Ideen anstatt materielle Kräfte ermittelt werden und (2) die Identitäten und Interessen der Akteure sind gezielt durch dieses kollektive Wissen und den gemeinsamen Ideen aufgebaut, anstatt sie rational als naturgegeben angesehen werden (vgl. Wendt 1999 : 1). Aufgrund dieser Annahmen geht Wendt davon aus, dass durch den „idealistischen“ und „sozialen“ Aspekt des ersten Grundsatzes, und des „holistischen“ und „strukturellen“ Aspekt des zweiten Grundsatzes, der Konstruktivismus als „individualistisch“ beschrieben werden kann (vgl. Wendt 1999 : 1). Seine Definition des Konstruktivismus - auch „struktureller Idealismus“ von ihm genannt - geht davon aus, dass soziale Strukturen letztendlich auf Individuen und deren Repräsentation der Wirklichkeit zurückzuführen sind und das die Realität als „sozial konstruiert“ beschrieben werden kann (vgl. Wendt 1999 : 1).
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die historische Ausgangslage der Hamas ein und formuliert das Ziel der Arbeit, den Wandel der Organisation durch eine konstruktivistische Brille zu betrachten.
II. Theoretischer Rahmen – Der Konstruktivismus nach Alexander Wendt: Hier werden die zentralen Annahmen Wendts erläutert, insbesondere die Bedeutung von sozial konstruierten Strukturen sowie kollektivem Wissen für das Handeln staatlicher und nicht-staatlicher Akteure.
III. Ideologische Ursprünge und die Entwicklung der Hamas: Dieses Kapitel beleuchtet die historischen Wurzeln der Bewegung im ägyptischen Kontext der Muslimbruderschaft und deren Einfluss auf die spätere ideologische Ausrichtung der Hamas.
IV. Der Wandel der politischen Positionen der Hamas: Die Analyse konzentriert sich auf die interne und externe Transformation der Hamas sowie deren Reaktion auf sich ändernde politische Rahmenbedingungen und den Druck durch die palästinensische Bevölkerung.
VI. Fazit: Das Fazit fasst die wesentlichen Erkenntnisse zusammen und bestätigt, dass die konstruktivistische Analyse erfolgreich aufzeigen konnte, wie Identitäten und soziale Strukturen den Wandel der Hamas beeinflussten.
Schlüsselwörter
Hamas, Konstruktivismus, Alexander Wendt, Muslimbruderschaft, Palästina, Ideologie, Politischer Wandel, Identität, Sozialer Prozess, Nahostkonflikt, Osloer-Friedensverhandlungen, Widerstand, Politische Organisation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert den Strategiewechsel der Hamas zwischen ihrer Gründung und den Osloer-Friedensverhandlungen unter Anwendung konstruktivistischer Theorien.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die ideologischen Ursprünge durch die Muslimbruderschaft, der Einfluss sozialer Strukturen sowie der Wandel der politischen Identität der Hamas.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, durch eine konstruktivistische Analyse nach Alexander Wendt zu erklären, welche Akteure und Diskursveränderungen den Wandel von einer ideologischen Bewegung hin zu einer politischen Organisation bewirkten.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine konstruktivistische Analyse nach dem Modell von Alexander Wendt verwendet, um soziale Prozesse, Identitätsbildung und die Rolle von Ideen im politischen Diskurs zu untersuchen.
Welche Schwerpunkte werden im Hauptteil gesetzt?
Der Hauptteil behandelt die theoretischen Grundlagen des Konstruktivismus, die historischen Wurzeln der Hamas und die konkrete Entwicklung der politischen Positionen unter externem und internem Druck.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Konstruktivismus, Hamas, Identitätswandel, Muslimbruderschaft und palästinensischer Widerstand beschreiben.
Wie bewertet die Arbeit den Einfluss der Muslimbruderschaft?
Die Muslimbruderschaft wird als ideologische Mutterorganisation betrachtet, deren konservative Auslegung des Islams und soziale Programme die frühe Hamas maßgeblich prägten.
Warum spielt die Erste Intifada eine so zentrale Rolle in der Analyse?
Die Intifada wird als Wendepunkt identifiziert, da sie die Hamas zwang, ihre Strategie anzupassen und ihre politischen Überzeugungen im öffentlichen palästinensischen Diskurs neu zu positionieren.
- Quote paper
- Lisa Quelle (Author), 2013, Der Strategiewechsel der Hamas, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/266511