Mit ihrer Veröffentlichung in den Jahren 2001 sowie 2003, erreichen Heinrich Bölls „Briefe aus dem Krieg“ und Willy Peter Reeses Tagebuch „Mir selber seltsam fremd“ eine am Krieg unbeteiligte Generation. Welche Rolle spielte der Einzelne am Kriegsgeschehen, wie involviert war er im nationalsozialistischen System und welche Strategien dienten dazu, den Kriegsalltag zu bewältigen?
In einem Feldpostbrief vom 31. März 1945 schreibt Böll an seine Frau: „Wie schrecklich schwer ist doch das Schicksal jedes einzelnen Soldaten in diesem grässlichen Krieg, und wie wenig wird an den unbekannten Soldaten gedacht.“ Zu welchen Taten indessen der „unbekannte Soldat“ unter den Kriegsumständen fähig war, veranschaulichen Reeses Schilderungen vom Winterkrieg an der Ostfront. Ungeschönt berichtet Reese vom Angriff auf russische Dörfer, der schleichenden Verrohung und den Verbrechen seiner Kampfeinheit.
Diese Arbeit untersucht eine Auswahl von Feldpostbriefen Heinrich Bölls aus den Jahren 1943 und 1944 und stellt sie dem Tagebuch Willy Peter Reeses der Jahre 1941 bis 1944 gegenüber. Wie unterscheiden sich die Textsorten Brief und Tagebuch voneinander? Wie schildern Böll und Reese ihre Kriegserfahrungen? Welche Funktion erfüllt das regelmäßige Schreiben für sie? Nach einem kurzen Überblick über den aktuellen Forschungsstand zur Brief- und Tagebuchforschung, untersucht die Arbeit die spezifischen Merkmale der Textsorten und geht im Hauptteil zur Analyse der Aufzeichnungen Bölls und Reeses über.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Forschungsstand
- Charakteristika der Textsorten Brief und Tagebuch
- Heinrich Böll und Willy Peter Reese im Vergleich
- Auf der Suche nach einem Sinn: Bölls Feldpostbriefe
- Schreiben um zu vergessen: Reeses Bekenntnisse
- Schluss
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Diese Arbeit analysiert Feldpostbriefe von Heinrich Böll und das Tagebuch von Willy Peter Reese, um die Kriegserfahrungen der beiden Autoren zu vergleichen und die Funktion des Schreibens im Kontext des Zweiten Weltkriegs zu untersuchen.
- Die Textsorten Brief und Tagebuch als Mittel der Selbstfindung und Bewältigung der Kriegserfahrungen
- Die Wirklichkeitswahrnehmung und die subjektiven Erfahrungen des Krieges aus der Sicht von Böll und Reese
- Die Rolle des Einzelnen im nationalsozialistischen System und die individuellen Strategien zur Bewältigung des Kriegsalltags
- Der Vergleich der Schreibweisen von Böll und Reese im Hinblick auf ihre Motive und Intentionen
- Der Beitrag der Brief- und Tagebuchforschung zur historischen Analyse des Zweiten Weltkriegs
Zusammenfassung der Kapitel
- Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der Brief- und Tagebuchforschung im Kontext des Zweiten Weltkriegs ein und stellt die Bedeutung dieser Quellen für die historische Forschung heraus. Sie verdeutlicht den Wert von Selbstzeugnissen für das Verständnis der Wirklichkeitswahrnehmung von Menschen, die aktiv am Krieg beteiligt waren.
- Forschungsstand: Dieses Kapitel bietet einen Überblick über die aktuelle Forschung zum Brief als wissenschaftshistorische Quelle. Es werden die unterschiedlichen Perspektiven und Ansätze zur Analyse von Briefen und Tagebüchern beleuchtet, wobei auch die Herausforderungen bei der Unterscheidung zwischen literarischen und nicht-literarischen Texten thematisiert werden.
- Charakteristika der Textsorten Brief und Tagebuch: Dieses Kapitel analysiert die spezifischen Merkmale der Textsorten Brief und Tagebuch, die für die vorliegende Arbeit relevant sind. Es werden die verschiedenen Funktionen und Ziele des Schreibens in diesen beiden Formaten beleuchtet.
- Heinrich Böll und Willy Peter Reese im Vergleich: Dieser Abschnitt stellt die ausgewählten Feldpostbriefe von Heinrich Böll und das Tagebuch von Willy Peter Reese vor. Er analysiert die Schreibweisen der beiden Autoren, ihre Kriegserfahrungen und die Rolle des Schreibens in ihrem Leben.
Schlüsselwörter
Der Fokus dieser Arbeit liegt auf den Schlüsselbegriffen Brief, Tagebuch, Kriegserfahrungen, Selbstzeugnisse, Wirklichkeitswahrnehmung, Zweiter Weltkrieg, Heinrich Böll, Willy Peter Reese, Textsorte, Kriegstrauma, nationalsozialistisches System, Kriegsalltag.
Häufig gestellte Fragen
Wie unterscheiden sich Feldpostbriefe von Kriegstagebüchern?
Briefe (wie die von Heinrich Böll) sind an einen Empfänger gerichtet und suchen oft Sinn und Verbindung, während Tagebücher (wie das von Willy Peter Reese) oft schonungsloser und privater der Selbstvergewisserung dienen.
Welche Funktion hatte das Schreiben für Soldaten im Zweiten Weltkrieg?
Es diente als Strategie zur Bewältigung des grausamen Kriegsalltags, zur Aufrechterhaltung der eigenen Identität und zum Versuch, das Erlebte geistig zu verarbeiten.
Wer war Willy Peter Reese?
Ein deutscher Soldat, dessen Tagebuch 'Mir selber seltsam fremd' ungeschönt von der Verrohung und den Verbrechen an der Ostfront berichtet.
Was thematisieren Heinrich Bölls 'Briefe aus dem Krieg'?
Böll schreibt vor allem an seine Frau über das schwere Schicksal des einzelnen Soldaten und die Sehnsucht nach Menschlichkeit inmitten des Schreckens.
Was ist 'Pauperismus' im historischen Kontext?
Es bezeichnet die Massenarmut des 19. Jahrhunderts, die oft als soziale Folge großer Umbrüche (wie der Agrarreformen) auftrat.
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- Bert Bobock (Author), 2013, Schreiben und (Er-)Leben, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/263661