In den 20er Jahren wird der junge sowjetische Architekt Iwan Leonidow weltberühmt. Seine Projekte besitzen eine faszinierende architektonische Poesie, die bis in unsere Tage fortwirkt. Experten gilt Leonidow heute als der Architekt des 20. Jahrhunderts schlechthin. Ausgehend von einer kurzen biographischen Skizze wird in dem vorliegenden Buch untersucht, worin die architektonische Poesie der Projekte Leonidows besteht und warum diese „Poesie der Zukunft“ in den 30er Jahren unter den Bedingungen der soziokulturellen und politökonomischen Umwälzungsprozesse in der Sowjetunion an einer architektonischen „Poesie der Gegenwart“ zersplitterte. *** In the 1920s the young architect from the Soviet Union, Ivan Leonidov, gained international recognition. The architectonic poetry of his projects continues to fascinate people to this day. Experts consider Leonidov to be the architect of the 20th century. After providing a brief biography, this contribution examines the features that contribute to the architectonic poetry of Leonidov’s projects. It then analyses how the dramatic sociocultural, political and economic changes in the Soviet Union led to the fragmentation of this poetry in the 1930s.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: Visionen, Bannflüche und Diagnosen
2. Poet: Der Architekt Iwan Iljitsch Leonidow
3. Prolog: Russisch-sowjetische Avantgarden
4. „Poesie der Zukunft“: Die dritte Revolution und ihre Architektur
4.1. Oktoberrevolution: Marxistische Theorie und leninistische Praxis
4.2. Kühne Entwürfe: WCHUTEMAS, fliegende Städte und schwebende Kugeln
4.3. Leonidow: „Lenin-Institut“ und „Volkskommissariat für Schwerindustrie“
5. „Poesie der Gegenwart“: Die vierte Revolution und ihre Architektur
5.1. Stalinsche Revolution von oben: Gordischer Knoten und „Leonidowerei“
5.2. Stalinsche Architektur: Formen und Poesie
5.3. Palastbau: Kugel-Verdrängung und Wettbewerbs-Entwürfe
6. „Poesie der Zukunft“ versus „Poesie der Gegenwart“: Ein architekturtechnischer Vergleich
6.1. Architekturtechnik: Architekturstile und Techniktypen
6.2. Vergleich: Ding-, Macht-, Bedeutungs- und Selbst-Techniken
6.3. Bilanz: Passungsprofile und Funktionalismus
6.4. Nachgeschichte: Alexanderplatz und Palastzerfall
7. „Poesien der Vergangenheit“: Berliner „Masterplan“-Debatte
8. Epilog: Leonidows „Sonnenstadt“-Projekt
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die architektonische Entwicklung und das Werk des sowjetischen Architekten Iwan Iljitsch Leonidow. Im Zentrum steht die Analyse des Spannungsfeldes zwischen den utopischen Entwürfen der frühen sowjetischen Avantgarde und der späteren, unter stalinistischem Einfluss stehenden Architektur, um die Frage zu beantworten, wie sich gesellschaftliche Transformationsprozesse in architektonischen Formen niederschlagen.
- Biografische Skizze und künstlerische Entwicklung Leonidows
- Analyse der russisch-sowjetischen Avantgarde als soziokulturelles Milieu
- Vergleich der „Poesie der Zukunft“ (Avantgarde) mit der „Poesie der Gegenwart“ (Stalinismus)
- Techniktheoretische Untersuchung der architektonischen Gestaltungsmittel (Ding-, Macht-, Bedeutungs- und Selbst-Techniken)
- Die Transformation von utopischen Architekturvisionen in der Nachgeschichte (Alexanderplatz, Berliner Masterplan-Debatte)
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung: Visionen, Bannflüche und Diagnosen
„Ist das ein Blick in den siebenten Höllenkreis Dantes?“, fragte sich Jeanneret in der Randnotiz einer Luftaufnahme von Paris und antwortete, „Nein, das ist die gräßliche Behausung von 100 000 Städtern.... Diese Gesamtansicht wirkt wie ein Keulenschlag. Folgen wir bei unseren Spaziergängen dem Labyrinth der Straßen, so entzücken sich unsere Augen an der malerischen Welt dieser verschnörkelten Szenarien, die die Geister der Vergangenheit beschwören ... Die Tuberkulose, Demoralisierung, Elend, Schande triumphieren in dieser Hölle.“
Für den in der Schweiz geborenen Architekten, der unter dem angenommenen Namen Le Corbusier bekannt wurde, wuchsen die Großstädte des angelaufenen 20. Jahrhunderts nicht, sondern verwucherten. „Die Unordnung, die sich in ihnen vervielfältigt, wirkt verletzend: ihre Entartung verwundet unsere Eigenliebe und kränkt unsere Würde. Sie sind des Zeitalters nicht würdig: Sie sind unserer nicht würdig“, appellierte Le Corbusier in der erstmals 1925 publizierten Schrift „Urbanisme“ an seine Zeitgenossen und forderte, diesem unhaltbaren Zustand endlich ein Ende zu setzen, und zwar mit radikalen Einschnitten in den todkranken Stadtorganismus.
Das „Zentrum der Großstadt“ und die „schmierigen Gürtel der Vorstädte“ müssten komplett niedergerissen werden, damit „all dies Gewimmel, das sich bisher wie eine starre Kruste am Erdboden festklammerte, nun abgekratzt, weggeschafft und durch reine Glaskristalle ersetzt wird, die 200 m in die Höhe steigen, weitab voneinander und an ihren Füßen umspielt von dem Laubwerk der Bäume“. So entstünde eine „Hochstadt, eine Stadt, die ihre auf dem Boden zermalmten Einzelteile zusammenrafft und sie fern vom Boden, in Licht und Luft, zu neuer Ordnung zusammenfügt“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Visionen, Bannflüche und Diagnosen: Einführung in die Thematik der Moderne und die kritische Auseinandersetzung mit der städtischen Unordnung.
2. Poet: Der Architekt Iwan Iljitsch Leonidow: Detaillierte biographische Darstellung des Werdegangs von Iwan Iljitsch Leonidow.
3. Prolog: Russisch-sowjetische Avantgarden: Kontextualisierung des soziokulturellen Milieus, in dem Leonidow wirkte.
4. „Poesie der Zukunft“: Die dritte Revolution und ihre Architektur: Untersuchung der marxistisch-leninistischen Grundlagen und ihrer architektonischen Ausprägungen.
5. „Poesie der Gegenwart“: Die vierte Revolution und ihre Architektur: Analyse der stalinistischen „Revolution von oben“ und ihres Einflusses auf die Architektur.
6. „Poesie der Zukunft“ versus „Poesie der Gegenwart“: Ein architekturtechnischer Vergleich: Systematischer Vergleich der Stile anhand von Foucaults Techniktypen.
7. „Poesien der Vergangenheit“: Berliner „Masterplan“-Debatte: Analyse der städtebaulichen Auseinandersetzungen in Berlin am Beispiel des Masterplans.
8. Epilog: Leonidows „Sonnenstadt“-Projekt: Abschließende Betrachtung des späten Lebenswerks Leonidows.
Schlüsselwörter
Iwan Iljitsch Leonidow, Sowjetische Architektur, Konstruktivismus, Avantgarde, Stalinismus, Lenin-Institut, Volkskommissariat für Schwerindustrie, Modernismus, Architekturtechnik, Sozialistischer Realismus, Alexanderplatz, Berliner Masterplan, Raum-Zeit-Struktur, Funktionalismus, Stadtplanung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Werk des sowjetischen Architekten Iwan Iljitsch Leonidow und bettet es in den historischen Kontext der russisch-sowjetischen Avantgarde sowie der nachfolgenden stalinistischen Epoche ein.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Untersuchung konzentriert sich auf Architekturtheorie, die Wechselwirkung zwischen politischer Ideologie und Bauformen sowie die Geschichte der Moderne in Russland und Deutschland.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die spezifische architektonische „Poesie“ in Leonidows Werk zu entschlüsseln und aufzuzeigen, wie sie an den soziokulturellen Bedingungen der Sowjetunion gemessen wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt einen techniktheoretischen Ansatz in Anlehnung an Michel Foucault, um Architektur als Ordnungstechnik (Ding-, Macht-, Bedeutungs- und Selbst-Techniken) zu begreifen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse der „Poesie der Zukunft“ (Avantgarde) und der „Poesie der Gegenwart“ (Stalinismus) und führt einen direkten Vergleich dieser beiden architektonischen Strömungen durch.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören „Leonidowerei“, „Konstruktivismus“, „sozialistischer Realismus“ und die Konzepte der „Poesie der Zukunft“ versus „Poesie der Gegenwart“.
Warum ist die Kugel ein so wichtiges Motiv bei Leonidow?
Die Kugel dient als architektonischer Kontrapunkt, der im „Lenin-Institut“ ein hohes Maß an funktionaler und symbolischer Reflexion erzeugt und als „Schutz und Schwert“ gegen die Instrumentalisierung des Menschen fungiert.
Wie bewertet der Autor die „Masterplan“-Debatte in Berlin?
Der Autor sieht in der Masterplan-Debatte eine Rückbesinnung auf historisierende Formen, die als neue „Poesie der Vergangenheit“ den Blick für alternative, modernere städtebauliche Konzepte verstellt.
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- Lutz Marz (Author), 2014, Iwan Iljitsch Leonidow, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/263042