Musikvideos lassen sich als Miniaturen der gesellschaftlichen Praxis beschreiben. In einer intermedialen Zeit, die durch Smartphones und den allumfassenden Zugriff auf das Internet den Musikvideos eine Omnipräsenz ermöglicht, ist die Begegnung mit dieser Form des „Werbe-Kurzfilms“ kaum vermeidbar.
Im philosophischen Diskurs spielen Musikvideos oft eine bloß untergeordnete Rolle und gelten nur selten als potentieller Gegenstand einer konstruktiven Auseinandersetzung. Daher gibt es über das Phänomen des Musikvideos, verglichen mit anderen Formen des medialen Ausdrucks, vergleichbar wenig wissenschaftliche Literatur. Doch wenn man berücksichtigt, dass Musikvideos, wie andere Medien auch, Zeichen und Text (ergo Sprache und Bild) repräsentieren, bleibt offen, warum es im interdisziplinären Diskurs bisher so stiefmütterlich behandelt wurde bzw. wird.
Dabei bleibt häufig unberücksichtigt, dass Musikvideos als gesellschaftsreflektierendes Moment zu betrachten sind.
Diese Kurzfilme sprechen einen Konsumentenkreis an, der von anderen Formen medialer Präsenz kaum erreicht wird und ermöglichen selbst im Vorbeigehen eine schnelle und unkomplizierte Aufnahme von Inhalten. So beschreibt Leibesteter , dass Musikvideos in einem „Nebenbei“ konsumiert werden können. Sie sind oftmals einfach gestaltet und aufgrund ihrer Kürze erfordern sie nicht zu viel Aufmerksamkeit von ihren Konsumenten. Entgegen Leibetseder’s Auffassung ist zu sagen, dass gerade nachdem ehemalige Musiksender, ihre Formate mit Werbung für Klingeltöne und Soap Operas füllen, weniger Raum bleibt, Musikvideos unbewusst zu konsumieren. Die Mehrzahl der heutigen Rezipienten, suchen bewusst nach Videos, z.B. über Internetplattformen. Dabei entsteht eine viel bewusstere Wahrnehmung als auch ein viel bewussterer Prozess des Sehens von Videos. Musikvideos prägen die Gesellschaft seit den frühen 80er Jahren. Seit dieser Zeit haben sie in einer bestimmten Weise einen umfassenden, gesellschaftsprägenden Einfluss. Bestand der damalige Anspruch, wir erinnern uns zum Beispiel an die Videos von Michael Jackson, insbesondere darin eine möglichst komplexe Geschichte mit einem speziellen Song zu illustrieren, so lässt sich von diesem Anspruch heute kaum noch etwas erkennen. Die auf schrille Farben, schnelle Bildwechsel und skandal-heischend Nacktheit ausgelegten Clips, untermalen die inhaltsleeren Texte und schaffen damit ein Bild das sich als Reflexion der Schnelllebigkeit unserer Zeit verstehen lässt...
Inhaltsverzeichnis
Carla Schriever und Oliver Gräber
Gender und Musikvideos eine Einleitung
I. What you see, is what you get - Gender Repräsentationen im Musikvideo
Marie Christin Müller
Warum tanzt der Mann? - Analyse der Beziehung und Vereinbarung von Tanz und Männlichkeit in Musikvideos: Timberlake, Jackson, Prince
Verena Sieling
Lobet den Herrn im Spitzenhöschen – Vermischung von Erotik und Religion im Musikvideo
Jennifer Fischer
Was passiert wenn eine Boygroup erwachsen wird? Zur Entwicklung der Backstreet Boys
II. Pour it on me - Sexualisierung und heteronormative Begehrungsmuster
Sara Paßquali
Bitches and Bottles - die Hypermaskulinisierung im Hip Hop Video
Christine Rivera
Hypermasculinity in Rap Music
Karina Gordok
Take me on stage - Wie Stars ihre Fans verführen
Natalia Riedel
All night you can come – all day you can shop... Über LL Cool J als Objekt der Begierde im Hip Hop
Kira Hess
Das ‚weibliche‘ Begehren in Liedtexten und Musikvideos unter der Fragestellung: Gibt es einen ‚weiblichen‘ Blick und kann ‚Frau‘ vollständig zum Subjekt werden?
III. You wear it well - Zur Maskenhaftigkeit von Geschlechtszuschreibungen
Vera Schulte
In short, what we wear matters - Versuche der Vermittlung zwischen Politik und Dragqueening
Luisa Meinen
Am I straight or gay? – Controversy - Prince als Gender Dekonstruktivist
Raphaela Rehbach
Crossdressing als dekonstruktive Strategie der Geschlechterrepräsentation in Musikvideos
Joseph Borchardt
Miley Cyrus, you should stop! Aneignung als soziales Privileg eines weißen Popfeminismus
Zielsetzung & Themen
Das vorliegende Ebook untersucht das komplexe Wechselspiel zwischen Geschlechterdarstellungen, Sexualität und Machtstrukturen in Musikvideos unterschiedlicher Genres. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert dabei darauf, wie Musikvideos als gesellschaftsreflektierende Medien zur Konstruktion, Verfestigung oder Dekonstruktion von Gender-Identitäten beitragen und welche Rolle die Inszenierung von Männlichkeit und Weiblichkeit dabei spielt.
- Gender-Repräsentation und Performanz in populären Musikvideos
- Heteronormative Begehrungsmuster und Sexualisierung
- Die Maskenhaftigkeit von Geschlechtszuschreibungen
- Die Rolle von Fan-Phänomenen und der "Persona" des Stars
- Politische Dimensionen von Drag und kultureller Aneignung
Auszug aus dem Buch
Warum tanzt der Mann?
Tanz gilt als ‚weibliches‘ Territorium. Daher ist die gesellschaftliche Meinung zu männlichen Tänzern immer noch umstritten, obwohl es Tanzrichtungen gibt, die männlich dominiert sind und die führenden Positionen in der Tanzwelt als Choreographen, Tanzlehrer oder bekannte Tanzgenies von Männern eingenommen werden. Tanzende Männer, vor allem diejenigen, die als Solisten in der Öffentlichkeit auftreten, erregen Aufsehen im positiven oder negativen Sinne: „One might feel distaste at macho display of male energy on the stage […]. Or one might feel that male dancers are generally a disappointment – they just don´t look very masculine. […] Then there are those who do enjoy watching male dance, and wish there were more male dancers around to watch“(Burt 1995, S. 10).
Vor allem Männern werten den Tanz anderer Männer negativ. Doch weder das Unbehagen gegen den Tänzer noch die Verknüpfung mit Homosexualität sei seit Beginn der Tanzgeschichte gegeben, noch natürlich. „If one takes a historical perspective, there is as yet no firm evidence of gay involvement in ballet before the […] beginning of the twentieth century, whereas the prejudice against the male dancer developed during the flowering of the Romantic ballet, in the second quarter of the nineteenth century […]” (Burt 1995, S.12).
Zusammenfassung der Kapitel
Gender und Musikvideos eine Einleitung: Die Einleitung etabliert das Musikvideo als gesellschaftsrelevantes Medium, dessen Einfluss auf Gender-Konstruktionen bei jungen Rezipienten bisher wissenschaftlich unterrepräsentiert ist.
Warum tanzt der Mann? - Analyse der Beziehung und Vereinbarung von Tanz und Männlichkeit in Musikvideos: Timberlake, Jackson, Prince: Dieses Kapitel untersucht Tanz als geschlechterkonnotierte Praxis und analysiert, wie männliche Popstars ihre Männlichkeit durch Tanzstile und Kameraeinstellungen legitimieren oder dekonstruieren.
Lobet den Herrn im Spitzenhöschen – Vermischung von Erotik und Religion im Musikvideo: Hier wird die bewusste Provokation durch die Kombination religiöser Symbole mit Erotik in Musikvideos von Madonna und Lady Gaga analysiert.
Was passiert wenn eine Boygroup erwachsen wird? Zur Entwicklung der Backstreet Boys: Der Beitrag beleuchtet das "Erwachsenwerden" einer Boygroup und die Reaktionen des Publikums auf den Wandel vom perfekten Boyband-Image zur individuellen Männlichkeit.
Bitches and Bottles - die Hypermaskulinisierung im Hip Hop Video: Das Kapitel kritisiert die Affirmation von Herrschaftsstrukturen und die Objektifizierung von Frauen im Hip-Hop-Genre.
Hypermasculinity in Rap Music: Eine Analyse der hypermaskulinen Inszenierung in Rap-Videos als Antwort auf sozioökonomische Krisen und gesellschaftliche Machtverhältnisse.
Take me on stage - Wie Stars ihre Fans verführen: Der Fokus liegt auf der Interaktion zwischen Fan und Star bei Live-Auftritten und wie diese Begegnungen als simuliertes Liebesverhältnis inszeniert werden.
All night you can come – all day you can shop... Über LL Cool J als Objekt der Begierde im Hip Hop: Die Arbeit untersucht die Ambivalenz von LL Cool J als Objekt der Begierde und die gleichzeitige Aufrechterhaltung traditioneller Männlichkeitsmuster.
Das ‚weibliche‘ Begehren in Liedtexten und Musikvideos unter der Fragestellung: Gibt es einen ‚weiblichen‘ Blick und kann ‚Frau‘ vollständig zum Subjekt werden?: Hier wird untersucht, ob Frauen in Musikvideos durch aktives Handeln den männlichen Blick unterlaufen oder gar einen eigenen "weiblichen Blick" entwickeln können.
In short, what we wear matters - Versuche der Vermittlung zwischen Politik und Dragqueening: Eine Analyse der politischen Dimension von Drag am Beispiel der Begegnung von Olivia Jones mit Politikern.
Am I straight or gay? – Controversy - Prince als Gender Dekonstruktivist: Dieses Kapitel dekonstruiert Princes androgynes Auftreten und sein Spiel mit Gender-Codes als Strategie zur Identitätsauflösung.
Crossdressing als dekonstruktive Strategie der Geschlechterrepräsentation in Musikvideos: Der Beitrag untersucht Crossdressing als gezielte Taktik, um binäre Geschlechtervorstellungen als kulturelle Konstrukte zu entlarven.
Miley Cyrus, you should stop! Aneignung als soziales Privileg eines weißen Popfeminismus: Hier wird die Aneignung von Elementen der Schwarzen Kultur durch eine weiße Popsängerin als machtkritisches Privileg analysiert.
Schlüsselwörter
Musikvideos, Gender Studies, Männlichkeit, Weiblichkeit, Performanz, Heteronormativität, Androgynie, Crossdressing, Hip-Hop, Popkultur, Identitätsbildung, Objektifizierung, Inszenierung, Machtstrukturen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die wechselseitigen Beziehungen zwischen Musikvideos, den darin inszenierten Geschlechterrollen und gesellschaftlichen Machtstrukturen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören Männlichkeitsinszenierungen, die Rolle von Sexualität und Religion, Crossdressing als dekonstruktives Mittel sowie kulturelle Aneignung in der Popkultur.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu untersuchen, wie Musikvideos Gender-Identitäten konstruieren, reproduzieren oder dekonstruieren und inwiefern sie als Plattform für den Ausdruck oder die Unterdrückung von Begehren dienen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Beiträge nutzen primär kulturwissenschaftliche und gendertheoretische Ansätze, insbesondere Analysen zur Performativität und zur Konstruktion von Identität (z.B. nach Judith Butler).
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil bietet Fallstudien zu spezifischen Künstlern und Genres, von der Boygroup-Entwicklung über die Provokation durch religiös-erotische Bildsprache bis hin zu dekonstruktiven Strategien wie Crossdressing.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Musikvideos, Gender-Performance, Maskulinität, Femininität, Heteronormativität, Performativität, Hip-Hop-Kultur, Identitätskonstruktion.
Wie gehen Drag Queens mit politischem Widerstand um?
Die Analyse zeigt, dass Drag Queens wie Olivia Jones oder Gloria Viagra politische Räume durch Humor und satirische Spiegelung von Rollenbildern nutzen, um starre politische Haltungen zu verunsichern.
Kann Musik "geschlechtsneutral" sein?
Die Arbeit deutet an, dass Musik und Musikvideos meist stark in hegemoniale Geschlechterdiskurse eingebettet sind; eine "geschlechtsneutrale" Rezeption ist aufgrund der audiovisuellen Kodierung der Körper in den Videos kaum möglich.
- Quote paper
- Carla Schriever (Author), Oliver Gräber (Hrsg.) (Author), 2013, Gender in the Making. Beiträge zur geschlechtlichen Komplexität des Musikvideos, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/262985