Schnell erfasst Dürrenmatt die Notlage der Menschen, von einer gerechten Gesellschaftsordnung noch einen weiten Schritt entfernt zu sein und äußert diese Erkenntnis – eingebettet in eine Geschichte aus Tausendundeiner Nacht:
„Die Gerechtigkeit ist zweifellos etwas Grandioses, Niezuerreichendes, doch dann handkehrum eine selbstverständliche Kleinarbeit […]. Aber die Hoffnung bleibt, dass die Entwicklung der Menschheit […] den Menschen zur Vernunft zwingt. Das Verfluchte dabei ist nur, dass uns vielleicht verdammt wenig Zeit dazu übrig bleibt.“
In seinem Werk „Der Besuch der alten Dame“ äußert sich diese Einsicht in einer parodistischen Behandlung der Gerechtigkeit und der ausführender Instanzen, welche auf mehreren Ebenen des dramatischen Werks Anwendung findet.
Betrachtet man die bestehende Literatur, die das Motiv der Gerechtigkeit in Dürrenmatts Werk „Der Besuch der alten Dame“ behandelt, so fällt auf, dass dies lediglich im Rahmen literarischer Untersuchungen zu anderen Thematiken stattfindet. Dies erfolgt bspw. im Zusammenhang mit der Betrachtung der Gerichtsthematik in der Literatur des 20. Jahrhunderts , mit der Analyse von Paro-die und Groteske in den Werken Dürrenmatts , mit der Untersuchung seiner Kriminalromane etc. Eine detaillierte Auseinandersetzung mit parodistischen Elementen, sowie deren Einsatz und Gestaltung im dramatischen Werk findet jedoch nicht statt, sodass hauptsächlich im ersten Teil dieser Arbeit auf die Arbeiten verschiedener Autoren verwiesen wird, welches bei der Erarbeitung parodis-tischer Strukturen nur eingeschränkt erfolgt.
Ziel der vorliegenden Arbeit jedoch soll sein, an ausgewählten Szenen des Dramas zu zeigen, auf welche Weise Dürrenmatt mit Hilfe des Bühnenbilds, der Sprache, etc. eine Parodie des Gerichts, sowie infolgedessen der Gerechtigkeit vornimmt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Dürrenmatts Vorstellung von Gerechtigkeit
3. Konstruktionen einer Gerechtigkeit
3.1. Claire und ihre Konstruktion einer Gerechtigkeit
3.2. Ill und seine Konstruktion einer Gerechtigkeit
3.3. Die Güllener und ihre Konstruktion einer Gerechtigkeit
4. Parodistische Stilisierung der juristischen Gerechtigkeit
4.1 Eine Parodie des Gerichts – der Prozess
4.2. Eine Parodie des Gerichts – die Versammlung der Geschworenen
5. Der Schlussteil
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, auf welche Weise Dürrenmatt in seinem Drama „Der Besuch der alten Dame“ mittels Bühnenbild, Sprache und Handlungsführung eine parodistische Darstellung des Gerichts sowie der Gerechtigkeitsvorstellungen vornimmt.
- Parodistische Behandlung von Gerechtigkeit und Justiz
- Subjektive Gerechtigkeitskonstruktionen der Akteure (Claire, Ill, Kollektiv Güllen)
- Funktionalisierung des Gerichts als Schauplatz und Theater
- Moralischer Wandel und Zerfall im Kontext von Korruption
- Analyse der Käuflichkeit von Rechtsinstanzen
Auszug aus dem Buch
3.1. Claire und ihre Konstruktion einer Gerechtigkeit
Bereits Claires Auftritt im ersten Akt der tragischen Komödie zeigt, dass diese Person „sich außerhalb der menschlichen Ordnung bewegt:“
„Von rechts kommt Claire Zachanassian, zweiundsechzig, rothaarig, Perlenhalsband, riesige goldene Armringe, aufgedonnert, unmöglich, aber gerade darum wie der eine Dame von Welt, mit einer seltsamen Grazie, trotz allem Grotesken.“
In ihrem Erscheinungsbild, ihren sprachlichen Äußerungen, sowie in ihren Handlungen vereint sie Menschliches mit Künstlichem, wird zur Verkörperung der bloßen Groteske und entwickelt als Resultat ihres Menschseins ein pervertiertes Menschenbild.
Zunächst verweist das äußere Erscheinen der alten Dame, infolge der Präsentation ihrer Bein- sowie Handprothese auf den Verlust wesentlicher menschlicher Attribute, da in diesem Zusammensetzung eine Verschmelzung von Menschlichem und Mechanischem vorgenommen wird. Es ist gleichzeitig die Spiegelung ihres inneren Wesens, dessen wesentliche Charakterzüge eine extreme Subjektivität und das unmenschliche Fehlen jeglichen Mitgefühls darstellen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die Motivation dar, Dürrenmatts parodistische Darstellung von Gerechtigkeit in seinem Werk zu untersuchen und legt den methodischen Rahmen fest.
2. Dürrenmatts Vorstellung von Gerechtigkeit: Dieses Kapitel erörtert anhand einer Parabel Dürrenmatts grundlegendes Verständnis von Gerechtigkeit als etwas Grandioses, das sich jedoch dem menschlichen Verständnis entzieht.
3. Konstruktionen einer Gerechtigkeit: Hier werden die unterschiedlichen Gerechtigkeitsvorstellungen der Protagonisten Claire, Ill und des Kollektivs Güllen analysiert.
4. Parodistische Stilisierung der juristischen Gerechtigkeit: Das Kapitel analysiert die Inszenierung der Gerichts- und Versammlungsszenen als parodistisches Theater.
5. Der Schlussteil: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass die Gerechtigkeit im Drama als käuflich und instabil entlarvt wird.
Schlüsselwörter
Dürrenmatt, Gerechtigkeit, Parodie, Groteske, Der Besuch der alten Dame, Gericht, Moral, Käuflichkeit, Güllen, Konstruktion, Theater, Schuld, Rache, Institution, Humanität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Darstellung und Parodierung des Gerechtigkeitsbegriffs sowie der Institution Gericht in Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Zentrale Themen sind die verschiedenen Gerechtigkeitskonstruktionen der Figuren, die Rolle des Geldes, der moralische Zerfall der Stadt Güllen und die parodistische Inszenierung juristischer Prozesse.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage konzentriert sich darauf, durch welche dramaturgischen Mittel (Bühnenbild, Sprache, Inszenierung) Dürrenmatt eine Parodie des Gerichts und der Gerechtigkeit im Werk vornimmt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung erfolgt auf Basis einer literaturwissenschaftlichen Analyse, die Szenen des Dramas im Hinblick auf parodistische Strukturen und Motive sowie den sozio-moralischen Wandel der Figuren untersucht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der individuellen Gerechtigkeitsvorstellungen von Claire, Ill und den Güllenern sowie in eine detaillierte Analyse der parodistischen Stilisierung des Gerichts als Theater.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Dürrenmatt, Gerechtigkeit, Parodie, Institution Gericht, Käuflichkeit, Moral und Theatermotiv.
Welche Rolle spielt die Person Claire Zachanassian bei der Gerechtigkeitskonstruktion?
Sie repräsentiert eine radikale, rachegeleitete Form der Gerechtigkeit, die auf dem biblischen Prinzip „Auge um Auge“ basiert und Gerechtigkeit explizit als käufliches Objekt definiert.
Wie verändert sich die Gerechtigkeitsauffassung der Bewohner von Güllen?
Die Bewohner geben ihre moralischen Prinzipien sukzessive zugunsten von materiellem Wohlstand auf und übernehmen Claires Gerechtigkeitsbegriff als bloßen Tarnmantel für ihre Habgier.
Warum wird das Gericht im Drama als „Theater“ bezeichnet?
Das Gericht wird parodistisch als bloßes Schauspiel inszeniert, dessen Verlauf und Ausgang von Claire vorbestimmt sind, was die Seriosität der Institution komplett untergräbt.
Welches Fazit zieht der Autor zur "Unmöglichkeit der Gerechtigkeit"?
Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass Gerechtigkeit in der Welt des Dramas ihrer zeitlosen Gültigkeit beraubt und lediglich als Instrument für grausame, machtgetriebene Handlungen instrumentalisiert wird.
- Arbeit zitieren
- Helena Drewa (Autor:in), 2013, Gerechtigkeitsvorstellung im Werk Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame"., München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/262720