Mit dem Topos der unschuldig verfolgten, später aber dennoch rehabilitierten Frau darf die Crescentia-Erzählung der Kaiserchronik wohl als eine der interessantesten Geschichten gelten. Dabei vermag die Geschichte den Leser sowohl durch die inhaltliche Spannung als auch durch ihre konsequent christlich-spirituelle Dimension den Leser in ihren Bann zu schlagen. Doch seitdem Friedrich Ohly das Kompositionsschema dieser Erzählung herausarbeitete, wurde viel über den Charakter der Gattung dieser Erzählung gerätselt: Legende, Märchen, Novelle - oder doch etwas von all dem Verschiedenes? Dieser umstrittenen Gattungsfrage will sich die hier vorliegende Arbeit annehmen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Fragestellung
2. Die Einordnung der Crescentia als Legende
3. Die Einordnung der Crescentia als Roman/Novelle
4. Die Turmepisode in der Crescentia als Proto-Märe
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die komplexe Gattungszugehörigkeit der Crescentia-Erzählung aus der Kaiserchronik. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, ob sich das Werk in eine der gängigen Gattungskategorien wie Legende, Roman/Novelle oder Märe einordnen lässt oder ob diese starre Klassifizierung aufgrund der vielschichtigen Natur des Textes grundsätzlich scheitern muss.
- Kritische Analyse der Crescentia-Erzählung im Kontext mittelalterlicher Gattungstheorien.
- Untersuchung der Argumente für eine Einordnung als Legende unter Berücksichtigung von Motivtypik und Wunder.
- Diskussion romanhaft-novellistischer Elemente und des Entwicklungsprozesses der Protagonistin.
- Evaluation der Turmepisode als Proto-Märe basierend auf strukturellen und inhaltlichen Kriterien.
- Beurteilung der prinzipiellen Problematik starrer Gattungszuweisungen bei literarischen Kunstwerken.
Auszug aus dem Buch
3. Die Einordnung der Crescentia als Roman/Novelle
Nach der Betrachtung legendarischer Elemente in der Crescentia nimmt sich Plagwitz der Frage nach romanhaft-novellistischen Merkmalen der Erzählung an. Als zentrales Argument für einen romanhaften Wesenszug bringt der Autor die „Entwicklung der Protagonistin unserer Erzählung“ ins Spiel. Anfangs stünde die leidgeplagte Heldin „an der Spitze weltlicher Macht“, mache sich jedoch im Verlauf ihrer Odyssee auf den Weg „hin zu Gott“. Im Ganzen beschreite unsere gedemütigte Kaiserin also den Weg einer Tetrade: weltliche Sphäre (anfängliche Macht) – religiöse Sphäre (Petrusbegegnung) – weltliche Sphäre (Rückkehr an die Macht) – religiöse Sphäre (Gang ins Kloster):
Crescentia zeigt also zumindest tendenziell eine Entwicklung vom Dasein einer […] fest im weltlichen Bereich verankerten römischen Kaiserin […] bis zur Heiligung durch Petrus und darüber hinaus bis zu ihrem Triumph, da sie, mit priesterlichen Vollmachten versehen, die göttliche Gnade vermittelt. Am Ende kehrt sie […] zur weltlichen Herrschaft zurück, um erst dann endgültig zu entsagen und sich ins Kloster zurückzuziehen.
An sich spricht gegen diese Argumentation nichts. Plagwitz hätte sie allerdings noch stärker untermauern können, wenn er dem Namen der Protagonistin ein wenig mehr Beachtung geschenkt hätte. Dass die Heldin der Erzählung Crescentia, also lateinisch für Wachstum, heißt, ist sicherlich nicht ohne Bedeutung für die Geschichte und bisher noch kaum näher untersucht worden. Doch gerade wenn man einen Entwicklungsvorgang der Kaiserin behauptet, kommt es einem zugute und ist es eine nicht zu unterschätzende dienliche Hilfe, wenn man den Fokus auf ihren Namen legt: Wachstum ist bekanntlich ein prozesshaftes Geschehen, dass bezogen auf die Körpergröße zwar irgendwann abgeschlossen ist, aber nicht bezogen auf die Persönlichkeit eines Menschen, die stets im Werden begriffen ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und Fragestellung: Das Kapitel führt in die Crescentia-Erzählung der Kaiserchronik ein, skizziert den Forschungsstand und formuliert das Ziel, die Gattungsproblematik des Werkes kritisch zu hinterfragen.
2. Die Einordnung der Crescentia als Legende: Hier wird die Argumentation von Frank Plagwitz analysiert, der die Crescentia als Legende betrachtet, und es wird untersucht, inwiefern biblische Reminiszenzen und Wunder diese Einstufung stützen oder durch die kunstvolle Komposition des Werkes widerlegt werden.
3. Die Einordnung der Crescentia als Roman/Novelle: Das Kapitel befasst sich mit den romanhaften Zügen der Erzählung, insbesondere dem Entwicklungsprozess der Protagonistin, und kritisiert das Fehlen einer fundierten Auseinandersetzung mit dem Novellenbegriff seitens der Forschung.
4. Die Turmepisode in der Crescentia als Proto-Märe: Es wird die These von Claudia Bornholdt geprüft, welche die Turmepisode aufgrund spezifischer kompositorischer und stilistischer Merkmale als Proto-Märe deutet.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Untersuchungsergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass eine starre gattungstheoretische Einordnung der Crescentia aufgrund ihrer vielschichtigen Natur nicht möglich ist und notwendigerweise scheitern muss.
Schlüsselwörter
Crescentia, Kaiserchronik, Gattungsproblematik, Legende, Roman, Novelle, Märe, Literaturwissenschaft, Mittelalter, Erzähltechnik, Kompositionsanalyse, Petrus, Entwicklungsprozess, Turmepisode, Gattungsmischung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Gattungsproblematik der Crescentia-Erzählung aus der mittelalterlichen Kaiserchronik und untersucht, ob sich das Werk in klassische literarische Kategorien einordnen lässt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die Gattungstheorie im Mittelalter, die Abgrenzung von Legende, Roman, Novelle und Märe sowie die Analyse des Kompositionsprinzips der Crescentia-Erzählung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die These zu belegen, dass die Crescentia als literarisches Werk keine feste Gattungszuordnung zulässt, da sie Merkmale verschiedener Gattungen zu einer Einheit verbindet.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Untersuchung basiert auf einer kritischen Auseinandersetzung mit bestehenden Forschungspositionen, insbesondere von Frank Plagwitz und Claudia Bornholdt, unter Einbeziehung einer am Text orientierten Kompositions- und Motivsuche.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in drei Abschnitte, die nacheinander die Eignung der Gattungen Legende, Roman/Novelle sowie die Deutung der Turmepisode als Proto-Märe untersuchen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Crescentia, Kaiserchronik, Gattungsproblematik, Legende, Märe und die Frage nach der literarischen Einordnung eines Werkes, das sich starren Schemata entzieht.
Welche Rolle spielt der Name der Protagonistin für die Argumentation?
Die Autorin argumentiert, dass der lateinische Name "Crescentia" (Wachstum) den prozesshaften Charakter der Persönlichkeitsentwicklung der Heldin unterstreicht und somit ein romanhaftes Moment betont.
Warum ist die Einordnung der Crescentia als "Märe" problematisch?
Obwohl Bornholdt kompositorische Gemeinsamkeiten mit einem Märe nachweist, fehlen der Turmepisode laut Analyse wesentliche Elemente wie der Prolog und die gezielte Verwendung von Exempeln zur Leseradresse.
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- Kim Schlotmann (Author), 2013, Die Gattungsproblematik der Crescentia in der Kaiserchronik, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/262104