Polarisierende Zeitungsartikel, wie „Aggressive Mädchenbanden: Pöbeln, rauben, drohen rund um den Hauptbahnhof“ oder Fernsehsendungen, wie „die Mädchenbanden von L.A.“ und „die Mädchen Gang“ , fordern indirekt zu der Behandlung einer eher unbeachteten Thematik, der Kriminalität von Mädchen und jungen Frauen, auf. In aktuellen Forschungsansätzen gewinnt dieses Thema wieder zunehmend an Beachtung. Auf der einen Seite um mögliche Erklärungsansätze für die Unterschiede von Jungen- und Mädchenkriminalität zu finden und auf der anderen Seite, um feministische Strömungen zu kontrastieren und den Bereich der weiblichen Kriminalität als eine eigene Kriminalitätsform zu erkennen und in ihrer Ganzheit zu betrachten.
In der Vergangenheit wurde meistens das delinquente Verhalten von männlichen Jugendlichen in den Fokus genommen, begründet in der vermeintlichen Unterrepräsentanz von weiblicher Kriminalität. So wurden im Jahr 2011 in Deutschland 214.736 Personen als tatverdächtige Jugendliche im Alter von 14 – 18 Jahren ermittelt, von denen 69,4 Prozent männlich und 30,6 Prozent weiblich waren. Der geringe Anteil von Mädchen- und Frauenkriminalität wird in aktuellen Forschungsansätzen, erklärt durch mögliche gesellschaftlich gebilligte Tarnmechanismen oder selektiver Sanktionierung und Kriminalisierung, bezweifelt. Bruhns/Wittmann weisen darauf hin, dass die Mädchenkriminalität bei einem Vergleich von Hell- und Dunkelfeld ein höheres Niveau als gedacht erreicht hat und dass es essenziell ist, das Phänomen Mädchenkriminalität nicht nur unter dem Gesichtspunkt ihrer geringen Häufigkeit zu untersuchen, sondern es „als einen eigenständigen Aspekt“ zu betrachten.
Studien über Mädchenkriminalität versuchen Erklärungsansätze in Auflehnungsmechanismen gegen eine Unterordnung im Geschlechterverhältnis und eingeschränkte Handlungsmöglichkeiten sowie den Ausbruch aus Stereotypisierungen zu finden. In neueren Auflagen Göppingers kommt dieser auch zu dem Schluss, dass Mädchenkriminalität, entgegen der vorherigen Annahme, bestimmte weibliche Lebensentwürfe miteinschließt und nicht hauptsächlich mit männlich dominierten Theorien erklärt werden kann. Dieser kurze Abriss zeigt auf der einen Seite, inwieweit sich die Forschung hinsichtlich der Erklärungsansätze spaltet, und auf der anderen Seite, wie wichtig es ist, die Kriminalität von Mädchen nicht nur unter dem Aspekt ihrer „statistischen“ Unterrepräsentanz zu betrachten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theorieteil
2.1 Begriffsbestimmungen
2.2 Häufigkeit von Mädchenkriminalität
2.3 Aktueller Forschungsstand
2.3.1 Klassische Ansätze
2.3.2 Feministische Theorien
2.3.3 Aktuelle Ansätze
2.3.4 Zusammenfassung
3. Ziele und Fragestellung für die eigene Studie
4. Methodik der Studie
4.1 Forschungsdesign – Qualitativ vs. Quantitativ
4.2 Methodenauswahl
4.3 Stichprobe
4.4 Durchführung der Datenerhebung und -erfassung
4.5 Datenauswertung
5. Ergebnisse
5.1 Ausgangspunkt der Untersuchung
5.2 Fallrekonstruktion
5.2.1 Fallrekonstruktion Susi
5.2.2 Fallrekonstruktion Nadine
5.2.3 Fallrekonstruktion Anja
5.3 Zusammenfassung der Ergebnisse der Fallrekonstruktionen und Typenbildung
5.3.1 Typenbildung 1: Die handlungsleitende Mutter-Tochter Beziehung
5.3.2 Typenbildung 2: Sucht nach Anerkennung – Doppelrolle im Selbstbild
6. Folgerungen für die Praxis
7. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht explorativ die Ursachen von Mädchenkriminalität durch eine ganzheitliche Betrachtung der Lebensläufe junger Frauen. Das primäre Ziel ist es, neue Erklärungsansätze zu entwickeln, indem die Bedeutung der familiären Mutter-Tochter-Beziehung, die Rolle von Peergroups und der Einfluss der Schule auf die Entwicklung delinquentem Verhaltens analysiert werden, um daraus praxisrelevante Schlussfolgerungen abzuleiten.
- Analyse der Mutter-Tochter-Beziehung und deren Einfluss auf die Identitätsentwicklung.
- Untersuchung der Bedeutung von Peergroups als Ersatzfamilie und Katalysator für Delinquenz.
- Bewertung des Sozialisationsfaktors Schule im Hinblick auf Präventionsmöglichkeiten.
- Rekonstruktion biografischer Lebensphasen krimineller Mädchen mittels narrativer Interviews.
- Identifikation von Mustern zwischen Anerkennungssuche, Selbstbild und kriminellem Handeln.
Auszug aus dem Buch
Institutionelle Einflüsse und soziale Kontrolle der Eltern
Auch die Kontrolle durch das Elternhaus wird nicht als begleitend und unterstützend, sondern als einengend wahrgenommen. Insbesondere die Kontrolle der Freizeit, Freunde und die Verantwortungsübernahme im häuslichen Bereich und die Verantwortung gegenüber von jüngeren Geschwistern, wurde von den jungen Frauen als belastend empfunden. Jungen hingegen sahen das Elternhaus lediglich als Versorgungsinstanz. Die Zuschreibung von männlichen und weiblichen Eigenschaften schränkt die Entwicklung der Mädchen ein und lässt psychische Erkrankung, wie Autoaggressionen und Essstörungen keimen.
Seus stellt fest, dass die Unterstützung durch Schule und Beruf, insbesondere bei Hauptschülerinnen, nur sehr eingeschränkt stattfand und meist auf eine Ausbildung in einen frauentypischen Beruf abzielte. Somit wurden die vorherigen Sozialisierungen der Familie unterstützt. Die Grenzen, die die Mädchen selbst setzten, wurden von allen Sozialisierungs- bzw. Kontrollinstanzen regelmäßig missachtet, sodass kriminelles Verhalten von Seus als verständlich angesehen wird. Im Gegensatz zu Männern, müssen sich junge Frauen erst Räume erschließen, da ihr Selbst- und Fremdbild häufig korrelieren, was letztendlich in kriminellen Verhalten münden kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die zunehmende mediale und wissenschaftliche Aufmerksamkeit für Mädchenkriminalität und setzt das Ziel, dieses Phänomen als eigenständige, ganzheitliche Thematik zu betrachten.
2. Theorieteil: Dieses Kapitel liefert einen fundierten Überblick über verschiedene kriminologische Strömungen, von klassischen über feministische bis hin zu aktuellen Diskursanalysen, um das Verständnis für die Komplexität von Mädchenkriminalität zu schärfen.
3. Ziele und Fragestellung für die eigene Studie: Hier werden die explorativen Ziele der Arbeit formuliert, mit besonderem Fokus auf die Analyse familiärer Beziehungen, insbesondere der Mutter-Tochter-Ebene, und deren Auswirkung auf die kriminelle Entwicklung.
4. Methodik der Studie: Das Kapitel erläutert den methodischen Ansatz, basierend auf dem interpretativen Paradigma der qualitativen Sozialforschung, inklusive der Anwendung narrativer Interviews und der biografischen Fallrekonstruktion nach Rosenthal.
5. Ergebnisse: Der Hauptteil präsentiert die detaillierte Fallrekonstruktion von drei Mädchen (Susi, Nadine, Anja) und leitet daraus Typenbildungen ab, die die Ursachenzusammenhänge von Delinquenz verdeutlichen.
6. Folgerungen für die Praxis: Auf Basis der Ergebnisse werden kriminalpräventive Ansätze diskutiert, die insbesondere bei den familiären Sozialisationsbedingungen ansetzen und Räume für eine positive Identitätsentwicklung schaffen sollen.
7. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung führt die zentralen Ergebnisse der Arbeit unter Rückbezug auf den Forschungsstand zusammen und bestätigt die Relevanz der untersuchten Faktoren.
Schlüsselwörter
Mädchenkriminalität, Biografieforschung, Narrative Interviews, Sozialisation, Familie, Mutter-Tochter-Beziehung, Identitätsentwicklung, Delinquenz, Anerkennungssuche, Peers, qualitative Sozialforschung, Fallrekonstruktion, Gewaltprävention, Sozialkontrolle, Selbstbild
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Masterarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Ursachen von Kriminalität bei Mädchen und jungen Frauen aus einer kriminologischen Perspektive und analysiert dabei deren individuelle Lebensläufe.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Zu den Schwerpunkten zählen die Bedeutung der Mutter-Tochter-Beziehung, die Rolle von Peergroups als Ersatzfamilien und der Einfluss der Schule auf die Sozialisation krimineller Mädchen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, explorativ neue Erklärungsansätze für weibliche Kriminalität zu finden, indem das Phänomen als ganzheitliche Thematik betrachtet wird, die über bloße statistische Erklärungsmodelle hinausgeht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt die Methode der biografischen Fallrekonstruktion nach Rosenthal, basierend auf narrativen Interviews mit drei betroffenen jungen Frauen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil erfolgen detaillierte Fallrekonstruktionen von drei Probandinnen, aus denen typologische Muster für die Entstehung von kriminellem Verhalten bei Mädchen abgeleitet werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Mädchenkriminalität, Identitätsentwicklung, Familiendynamiken, Delinquenz, Anerkennungssuche und qualitative Biografieforschung.
Wie wirkt sich die Mutter-Tochter-Beziehung auf die Delinquenz aus?
Die Studie zeigt, dass eine als vernachlässigend oder überfordernd erlebte Beziehung zur Mutter das Risiko für kriminelles Verhalten erhöht, da die Mädchen keine ausreichenden Kompetenzen für eine positive Identitätsbildung erlernen.
Warum spielt die Schule als Sozialisationsinstanz laut dieser Studie nur eine geringe Rolle?
Die untersuchten Mädchen nehmen die Schule eher als Kontrollorgan wahr, das nicht zur Interessenfindung oder Identitätsstärkung beiträgt, weshalb sie sich frühzeitig in außerschulische, teils delinquente Räume flüchten.
- Quote paper
- M.A Melanie Rubach (Author), 2013, Ursachen von Mädchenkriminalität und Folgerungen für die Praxis, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/262093