Am 7. Februar 2005 wurde die Deutschtürkin Hatun Sürücü von ihrem Bruder Ayhan an einer Bushaltestelle in Berlin erschossen. Die nach traditionellen islamischen Werten und den Sitten und Gebräuchen ihrer ostanatolischen Herkunftsregion erzogene junge Frau lebte seit einiger Zeit getrennt von ihrer Familie, sie hatte das Kopftuch abgelegt, schminkte sich, kleidete sich nach westlichen Maßstäben und hatte bereits einige Beziehungen zu verschiedenen Männern geführt. „Ay. [Ayhan] verachtete H. [Hatun] wegen ihres von ihm als ehrlos empfundenen Lebenswandels. Nach seiner Auffassung verletzte sie damit die „Familienehre, die insbesondere von den Frauen der Familie über ihre sexuelle Integrität verkörpert“ werde. Seiner Meinung nach oblag es den Männern der Familie, die durch das Verhalten eines weiblichen Familienmitglieds vermeintlich verletzte Familienehre wiederherzustellen“.
Dieses Beispiel zeigt, dass Tötungen aufgrund eines verletzten Ehrgefühls nicht nur ein Phänomen der Türkei oder anderer vornehmlich islamisch geprägter Länder sind, sondern auch in Deutschland und in anderen europäischen Ländern vorkommen. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit soll untersucht werden, ob der Ehrenmord ein spezifisch islamisches Problem oder möglicherweise gar kein religiöses, sondern ein kulturelles Phänomen ist. Weiterhin soll untersucht werden, was für ein Islamverständnis Familien, in denen Ehrenmorde geschehen, haben und was der Koran zum Thema Töten und zur Züchtigung ungehorsamer Frauen sagt. Ferner soll erörtert werden, ob die Männer, die Ehrenmorde ausführen, ebenfalls Opfer, nämlich Opfer ihrer eigenen Kultur, sind.
Ein weiterer wichtiger Aspekt dieser Arbeit ist der rechtliche Umgang mit Ehrenmördern. Es wird untersucht, wie die Rechtslage in Deutschland und in der Türkei aussieht und wie mit Ehrenmördern und ihren Familien, die in der Regel Mitwisser, manchmal sogar Mittäter, sind, umgegangen wird.
Bevor mögliche Antworten auf diese Fragen erörtert werden, wird die Arbeit mit zwei Definitionen zum deutschen und türkischen Ehrbegriff eingeleitet. Für ein besseres Verständnis der Hintergründe werden im darauf folgenden Kapitel mögliche Ursachen für Tötungen aus Gründen der Ehre und der Tradition erörtert. Weiterhin wird der kulturelle Hintergrund der Täter und Opfer näher beleuchtet.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Definitionen
2.1 Der deutsche Ehrbegriff
2.2 Der türkische Ehrbegriff
2.3 Definition Ehrenmord
3 Zahlen und Fakten zu Ehrenmorden in Deutschland und der Türkei
4 Warum töten Ehrenmörder?
4.1 Motive und Tatanlässe für Ehrenmorde
4.2 Kulturelle Hintergründe der Täter- und Opferfamilien
5 Rechtliche Betrachtung von Ehrenmorden
5.1 Die deutsche Gesetzeslage
5.2 Die türkische Gesetzeslage
5.2.1 Vor der Reform 2005
5.2.2 Nach der Reform 2005
6 Der Ehrenmord im Islam
7 Schlussbetrachtung: Ehrenmord – Kultur oder Religion?
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob der Ehrenmord ein spezifisch islamisches Problem darstellt oder ob es sich primär um ein kulturelles Phänomen handelt, und analysiert hierbei den rechtlichen Umgang mit Ehrenmördern in Deutschland und der Türkei.
- Analyse des deutschen und türkischen Ehrbegriffs und deren soziokulturelle Grundlagen.
- Untersuchung von Ursachen und Motiven für Ehrenmorde in patriarchalischen Familienstrukturen.
- Gegenüberstellung der Rechtslage und Strafpraxis in Deutschland und der Türkei (vor und nach 2005).
- Kritische Prüfung der Vereinbarkeit von Ehrenmorden mit der islamischen Religion anhand von Koranstellen.
Auszug aus dem Buch
4 Warum töten Ehrenmörder?
Die Frau bestimmt durch ihre Ehre die Stellung der Familie in der Gesellschaft. Ihr Verhalten, ihre Einstellung oder ihr möglicherweise abweichendes Rollenverständnis kann sie ihr Leben kosten, bisweilen auch das Leben ihres (vermeintlichen) Liebhabers. Die Frau hat sich den Entscheidungen ihrer (männlichen) Familienmitglieder zu fügen, ein Mitbestimmungsrecht hat sie selten. Widersetzt sich eine Frau ihrer Familie, ist die Ehre der Familie beschmutzt und muss schnellstmöglich und konsequent wiederhergestellt werden. Im Folgenden werden mögliche Ursachen für Ehrenmorde erläutert und der kulturelle Hintergrund der Täter- und Opferfamilien erklärt.
4.1 Motive und Tatanlässe für Ehrenmorde
In ihrer umfangreichen Untersuchung von Prozessakten arbeiteten Oberwittler und Kasselt einige Motive und Tatanlässe für Ehrenmorde heraus. Sie kamen zu dem Schluss, dass eine „mangelnde Unterwerfung der weiblichen Sexualität unter die Kontrolle eines patriarchal geprägten Familienwillens“ das Kernproblem in Familien, in denen Ehrenmorde verübt werden, ist. Die „Wahrung des Kollektivguts der Familienehre“ ist das zentrale Tatmotiv bei Ehrenmorden. Dieses Tatmotiv haben die beiden Wissenschaftler in vier Kategorien eingeteilt: 1. Fehlverhalten des Opfers innerhalb einer „legitimen“ Partnerschaft, 2. Eine „illegitime Partnerschaft“ des Opfers, 3. Unabhängigkeitsstreben des Opfers, 4. Sonstige Anlässe.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Vorstellung der Thematik anhand eines Fallbeispiels und Definition der Forschungsfragen und methodischen Vorgehensweise.
2 Definitionen: Erläuterung der verschiedenen Ehrkonzepte im deutschen und türkischen Kontext sowie eine allgemeine Definition des Begriffs Ehrenmord.
3 Zahlen und Fakten zu Ehrenmorden in Deutschland und der Türkei: Darstellung statistischer Daten und Hintergründe zum Vorkommen von Ehrenmorden in verschiedenen Ländern und Regionen.
4 Warum töten Ehrenmörder?: Analyse der soziokulturellen Beweggründe und Kategorisierung der Tatanlässe innerhalb patriarchalisch strukturierter Familien.
5 Rechtliche Betrachtung von Ehrenmorden: Vergleich der deutschen Strafrechtsprechung mit dem türkischen Strafrecht vor und nach der Reform von 2005.
6 Der Ehrenmord im Islam: Untersuchung von Koranstellen bezüglich der Behandlung von Frauen und der Tötung von Menschen, um zu prüfen, ob Ehrenmorde religiös legitimierbar sind.
7 Schlussbetrachtung: Ehrenmord – Kultur oder Religion?: Zusammenführende Diskussion über die kulturellen Wurzeln von Ehrenmorden und deren Abgrenzung zur islamischen Lehre.
Schlüsselwörter
Ehrenmord, Islam, Patriarchat, Namus, Familienehre, Strafrecht, Deutschland, Türkei, Geschlechterrollen, Tradition, Gewalt gegen Frauen, Kulturelles Phänomen, Strafmilderung, Sozialnormen, Ehrbegriff.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Untersuchung von Ehrenmorden, insbesondere der Frage, inwieweit diese durch den Islam oder durch kulturelle und traditionelle patriarchalische Strukturen motiviert sind.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf der soziokulturellen Definition von Ehre, den psychologischen und sozialen Motiven der Täter, der rechtlichen Strafverfolgung sowie der religionswissenschaftlichen Analyse von Koranstellen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, ob Ehrenmorde ein spezifisch religiöses Problem oder ein kulturelles Phänomen sind, und wie sich die Gesetzeslage in Deutschland und der Türkei zu diesem Delikt verhält.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Die Arbeit nutzt eine Literaturanalyse, die auf prozessrechtlichen Untersuchungen, soziologischen Studien zu Ehrkonzepten und einer kritischen Auslegung relevanter Koranverse basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Begriffsklärung, statistische Auswertungen, eine detaillierte Ursachenanalyse der Taten, einen Rechtsvergleich zwischen Deutschland und der Türkei sowie eine theologische Prüfung der religiösen Legitimationsbasis.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär mit Begriffen wie Ehrenmord, Patriarchat, Namus, kulturelle Tradition, Islam, Rechtsvergleich und Gewaltprävention charakterisieren.
Wie hat sich die türkische Rechtslage bezüglich Ehrenmorden verändert?
Durch die Reform des Strafgesetzbuches 2005 wurden frühere Strafmilderungsgründe für "Ehrenmorde" (wie etwa durch Provokation oder traditionelle Ehre) deutlich eingeschränkt oder abgeschafft, um eine strengere Bestrafung zu ermöglichen.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor zur religiösen Legitimation?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass Ehrenmorde durch den Koran nicht zu rechtfertigen sind und die Tat eher in tief verwurzelten, archaisch-feudalen Traditionen und patriarchalen Gesellschaftsstrukturen begründet liegt.
- Quote paper
- BA Marina Schauer (Author), 2013, Ehrenmorde. Töten im Namen der Religion?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/232555