Die Kuba Krise im Oktober 1962 stellte die dramatischste Zuspitzung des Konflikts zwischen
Ost und West im Zeitalter des Kalten Krieges dar. Zu keinem vorherigen oder späteren
Zeitpunkt befanden sich die beiden Supermächte Sowjetunion und USA so nah vor einer
nuklearen Katastrophe, wie während dieser 13 Oktobertage. Ein von Misstrauen geprägter
Kampf um Macht und Sicherheit beförderte die Welt beinahe in den Dritten Weltkrieg. Das
Anliegen dieser Arbeit ist es, aus der Sicht des politischen Realismus, bzw. Neorealismus zu
erklären wie es zu einer solch außergewöhnlichen Konstellation zwischen den beiden Staaten
kommen konnte und wie das Verhalten der beiden Staaten zu erklären ist. Die Arbeit setzt
sich aus drei wesentlichen Teilen zusammen. Im ersten Teil stelle ich die Theorie des
politischen Realismus und des politischen Neorealismus vor. Bei der Darstellung der
wesentlichen Inhalte der Theorie, werde ich mich aufgrund ständiger Weiterentwicklungen
und Veränderungen, welchen Theorien unterliegen, hauptsächlich auf die Aussagen der wohl
bekanntesten Vertreter Hans J. Morgenthau(Realismus) und Kenneth N. Waltz(Neorealismus)
beziehen. Im Zweiten Teil der Arbeit gebe ich einen kurzen Abriss zur Geschichte der Kuba
Krise. Hier werde ich einige besonders prägnante Punkte der Krise herausstellen und diese
erläutern. Anschließend zeige ich auf, wie die Entwicklung und das Verhalten der Staaten
während der Kuba Krise aus realistischer, bzw. neorealistischer Sicht erklärt werden könnte.
Hierbei geht es darum, die Annahmen der Theorie mit der Empirie zu verknüpfen. Man muss
sich hierbei bewusst machen, dass Staaten nicht nach einer Theorie handeln. Staaten handeln
also weder realistisch noch neorealistisch. Die Theorien versuchen lediglich das Verhalten der
Staaten zu erklären. Zu klären, in wie weit die Annahmen der Theorie jedoch der Realität
entsprechen, ist Aufgabe des dritten Teils dieser Arbeit. In diesem Teil der Arbeit werde ich
mich im Gegenteil zum wertungsfreien ersten Teil der Arbeit kritisch mit der Theorie des
Realismus/Neorealismus auseinandersetzen und versuchen Schwächen und
Unvollständigkeiten der Theorie aufzuzeigen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der politische Realismus nach Hans J. Morgenthau
2.1 Entstehung des politischen Realismus
2.2 Die sechs Grundsätze des politischen Realismus
2.2.1 Objektive Gesetze der Politik
2.2.2 Macht und Interesse
2.2.3 Das nationale Interesse
2.2.4 Grenzen universeller Moral
2.2.5 Der Unterschied zwischen nationaler und universeller Moral
2.2.6 Politik als autonome Sphäre
2.3 Weltordnung, Akteure und deren Interessen
2.3.1 Der im Sinne von Macht verstandene Begriff des Interesses
2.3.2 Status quo orientierte Politik
2.3.3 Imperialismus Politik
3. Der politische Neorealismus nach Kenneth N. Waltz
3.1 Entstehung des politischen Neorealismus
3.2 Grundannahmen des politischen Neorealismus
3.2.1 Das Ordnungsprinzip(ordering principle)
3.2.2 Die funktionale Differenzierung der Einheiten( character of the units)
3.2.3 Die Machtrelation einzelner Staaten(distribution of capabilities)
3.3 Polarität des Internationalen Systems
3.3.1 Unipolares System
3.3.2 Bipolares System
3.3.3 Multipolares System
3.4 Die Wirkung der Struktur des Internationalen Systems auf die Staaten
3.4.1 „Balance of power“
3.4.2 „Bandwagoning“
4. Die Kuba-Krise
4.1 Die Geschichte der Kuba-Krise
4.2 Anwendung der realistischen/neorealistischen Theorie auf die Kuba-Krise
4.3 Fazit zur Kuba-Krise
5. Theoriekritik
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Kuba-Krise von 1962 aus der theoretischen Perspektive des politischen Realismus nach Hans J. Morgenthau sowie des Neorealismus nach Kenneth N. Waltz. Ziel der Untersuchung ist es, das Verhalten der beteiligten Supermächte USA und Sowjetunion anhand der zentralen Annahmen dieser Theorien zu analysieren, kritisch zu bewerten und Schwachstellen in den Erklärungsmodellen aufzuzeigen.
- Grundlagen und zentrale Grundsätze des politischen Realismus.
- Strukturmerkmale und Kernannahmen des Neorealismus.
- Historischer Abriss und Analyse der Kuba-Krise.
- Anwendung machttheoretischer Ansätze auf konkretes staatliches Handeln.
- Kritische Reflexion der theoretischen Erklärungsmodelle.
Auszug aus dem Buch
4.2 Anwendung der realistischen/neorealistischen Theorie auf die Kuba-Krise
Das System zu Zeiten des Kalten Krieges und somit auch zur Zeit der Kuba-Krise kann als „Bipolares System“ angesehen werden. Die zwei besonders mächtigen Staaten, welche das System zu dieser Zeit prägten wurden durch die Sowjetunion auf der einen und die USA auf der anderen Seite repräsentiert. Unter den Staaten, welche im Realismus/Neorealismus ja die zentralen Akteure darstellen, können die Sowjetunion und die USA also als Hauptakteure angesehen werden. Die Sowjetunion und die USA gingen aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg als die stärksten Mächte hervor und diese Stellung sollten sie auch bis zum Ende des Kalten Krieges innehaben. Die beiden Supermächte häuften, basierend auf dem Misstrauen dem anderen gegenüber, ein unglaubliches Waffenarsenal an.
Betrachten wir das aggressive Verhalten der Staaten während der Kuba-Krise aus realistischer Sicht heraus, so ist davon auszugehen, dass die Staaten aus ihrem naturgegebenen Drang nach Macht heraus handeln. Dies taten sie während der Kuba-Krise jedoch je nach Sichtweise auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Die USA dürften die Stationierung der sowjetischen Raketen auf Kuba als imperialistisches Machtstreben von Seiten der Sowjetunion interpretiert haben. Betrachten wir die Situation aus dieser Perspektive, war es das Ziel der Sowjetunion, durch die Stationierung der Raketen den bestehenden Status quo zu verändern.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung der Forschungsfrage und der methodischen Herangehensweise zur Analyse der Kuba-Krise aus Sicht des Realismus und Neorealismus.
2. Der politische Realismus nach Hans J. Morgenthau: Erläuterung der Entstehung, der sechs Grundsätze und des machtzentrierten Weltbildes des Realismus.
3. Der politische Neorealismus nach Kenneth N. Waltz: Fokus auf die Systemstruktur und die Rolle der Staaten als identische Einheiten in einem anarchischen Selbsthilfesystem.
4. Die Kuba-Krise: Historische Darstellung der Krise und Anwendung der erarbeiteten Theorieansätze auf das Verhalten der Akteure.
5. Theoriekritik: Kritische Auseinandersetzung mit den Grenzen der untersuchten Theorien, insbesondere hinsichtlich des Machtbegriffs und der Vernachlässigung von Kooperationsmechanismen.
Schlüsselwörter
Kuba-Krise, Politischer Realismus, Neorealismus, Hans J. Morgenthau, Kenneth N. Waltz, Kalter Krieg, Macht, Nationales Interesse, Anarchie, Sicherheitsdilemma, Bipolares System, Balancing, Bandwagoning, Außenpolitik, Theoriekritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Kuba-Krise von 1962, einem der kritischsten Momente des Kalten Krieges, unter Anwendung der politikwissenschaftlichen Theorien des Realismus und Neorealismus.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Machtstreben von Staaten, die Bedeutung von Systemstrukturen in anarchischen Ordnungen sowie die Handlungslogiken von Supermächten in Krisensituationen.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt, wie das Verhalten der USA und der Sowjetunion während der Kuba-Krise aus der Sicht des politischen Realismus und des Neorealismus erklärt werden kann und welche Erkenntnisse dies für die Theoriebildung liefert.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es handelt sich um eine theoriegeleitete Analyse, bei der klassische realistische und neorealistische Annahmen auf ein historisches Fallbeispiel (die Kuba-Krise) angewendet werden, ergänzt durch eine kritische Evaluierung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretischen Grundlagen nach Morgenthau und Waltz, die historische Einbettung der Kuba-Krise sowie deren konkrete theoretische Analyse und die anschließende Theoriekritik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Machtgleichgewicht, Sicherheitsdilemma, bipolares System, Anarchie, Balancing, Bandwagoning und nationale Interessen.
Wie bewertet der Autor das Handeln Kubas?
Der Autor ordnet Kubas Handeln primär als Sicherheitsstrategie ein, wobei es auch Züge des sogenannten "Jackal Bandwagoning" aufweist, da Kuba versuchte, sich unter den Schutz einer Supermacht zu stellen.
Was ist das Fazit zur Theorieanwendung?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass der Realismus/Neorealismus zwar hilfreiche Erklärungsansätze für die Machtrivalität liefert, aber zu statisch ist und die Rolle von Kommunikation, Vertrauensbildung und vernünftigem Handeln unterschätzt.
Welchen Stellenwert nimmt die Theoriekritik ein?
Die Theoriekritik bildet den abschließenden Teil und dient dazu, die Unvollständigkeiten der klassischen Theorien aufzuzeigen, da diese das Ende des Kalten Krieges nicht antizipieren konnten.
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- Sebastian Richter (Author), 2007, Die Kuba Krise. Eine Betrachtung unter dem Aspekt des politischen Realismus und Neorealismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/232262