Die Ekphrasis, deren Feld in der Antike die Beschreibung einer Sache war, erfuhr im
Verlauf ihrer Geschichte eine Bedeutungsverengung. Im ersten Teil dieser
wissenschaftlichen Arbeit widme ich mich der Schilderung dieses Sachverhalts und gebe
gleichzeitig einen knappen historischen Einblick in den Werdegang der Ekphrasis.
Bei meinen Recherchen ließ sich immer wieder feststellen, dass der Begriff Ekphrasis
diverse Problematiken mit sich zieht. Im darauffolgenden Abschnitt schildere ich einige
dieser Streitfragen, wie etwa dem Verhältnis von Text und Bild und dem Kampf um
deren Vorherrschaft. In diesem Zusammenhang begegnet man auch der Fragestellung,
was eine gelungene Ekphrasis auszeichnet. Darauf eingehend, lege ich einige Thesen
populärer Schriftsteller dar. Es folgt eine Aufklärung über die von John Hollander
festgelegten Begriffe der notional ekphrasis und actual ekphrasis. Nicht zuletzt
thematisiere ich die Grenzgänger der Kunst, wie etwa eine ästhetische
Schaufensterauslage. Hier stellt sich die Frage, ob es sich bei einer Beschreibung dieser
tatsächlich um eine Ekphrastische handelt.
Der zweite Teil beschäftigt sich mit dem Bildgedicht. Ich gebe hier einen Einblick über
Leistungen zu denen das Bildgedicht im Gegensatz zur prosaischen Beschreibung in der
Lage ist. Anschließend beschäftige ich mich mit Paul Celans ,Unter ein Bild', welches eine
ekphrastische Dichtung auf Vincent van Goghs Gemälde ,Kornfeld mit Raben' darstellt.
Dieses, auf den ersten Blick, mit seinen vier Versen, recht kurz und überschaubar
anmutende Werk, bietet bei genauerer Betrachtung und Analyse einen tiefen Einblick in
van Goghs Seelenwelt. Handelt es sich also um eine gelungene Ekphrasis und welche
weiteren Elemente des Gemäldes beschreibt sie? Diesen und weiteren Fragen gehe ich in
einer ausführlichen Analyse auf den Grund. Es folgt ein Ausblick.
Da es sich bei der Ekphrasis um ein weitreichendes Themengebiet handelt und um den
Rahmen dieser Arbeit nicht zu überschreiten, wurden die Argumentationen, auf die am
wichtigsten Erachteten eingeschränkt und die Begriffsklärungen kurz gehalten.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Ekphrasis
2.1 Begriffsentwicklung
2.2 Probleme der Ekphrasis
2.2.1 Das Spannungsverhältnis von Bild und Text
2.2.2 Das richtige Ausmaß an Anschaulichkeit
2.2.3 Fiktionale und tatsächliche Kunstwerke
2.2.4 Beschreibung eines künstlerischen Arrangements
3 Das Bildgedicht
3.1 Potenziale des Bildgedichtes
3.2 Hintergründe zu Vincent van Goghs Gemälde ,Kornfeld mit Raben‘
3.3 Analyse von Paul Celans Bildgedicht ,Unter ein Bild‘
4 Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht die Gattung der Ekphrasis sowie deren Ausformung im lyrischen Bildgedicht, mit einem spezifischen Fokus auf die theoretische Auseinandersetzung zwischen Text und Bild und die praktische Analyse von Paul Celans Gedicht „Unter ein Bild“ in Bezug auf Vincent van Goghs „Kornfeld mit Raben“.
- Historische Entwicklung und Begriffsbestimmung der Ekphrasis
- Die Dialektik des Spannungsverhältnisses zwischen sprachlicher und visueller Darstellung
- Methodische Ansätze zur Analyse von Bildgedichten in der modernen Lyrik
- Die Rolle der Anschaulichkeit und der Abgrenzung zwischen fiktionalen und realen Kunstwerken
- Die emotionale und existenzielle Dimension der Ekphrasis am Beispiel von Celan und van Gogh
Auszug aus dem Buch
3.1 Potenziale des Bildgedichtes
Der Begriff Bildgedicht bezeichnet Dichtungen, die sich auf Kunstwerke beziehen und gehört heutzutage zu den wichtigsten Arten der Lyrik. Er ist von anliegenden Kategorien, wie dem Figurengedicht zu unterscheiden, wobei es hier, wie im Verlauf des Kapitels dargelegt werden soll, zu Überschneidungen kommen kann (vgl. Kranz 1992: 152f). Das Bildgedicht lässt sich typologisch nach der Absicht des Autors, der Struktur und dem Realitätsbezug systematisieren (vgl. Kranz 1992: 156).
Der Frage danach, wie sich das Bildgedicht und was es zu Leisten vermag im Vergleich zu der prosaischen Bildbeschreibung verhält, hat sich Karl Pestalozzi gewidmet und hierzu einige Thesen aufgestellt. Auch Gisbert Kranz hat einige Überlegungen niedergeschrieben, die ein Bildgedicht hervorzubringen vermag. Einigen dieser Aussagen möchte ich im Folgenden widmen.
Um etwa 1800 wird dem Bildgedicht nachgesagt, dass es, im Gegensatz zur Bildbeschreibung in Prosa, in der Lage sei, ein Kunstwerk adäquat als Ganzes zu beschreiben. Begründet wird dies damit, dass die Lyrik selbst ein Ganzes sei (vgl. Pestalozzi 1995: 571 sowie 591). Außerdem könne das Bildgedicht unter anderem geschichtliche Hintergründe im Bild darstellen und sich zu dessen „Anwalt“ machen (vgl. Pestalozzi 1995: 591). Kranz führt dies als Fähigkeit der Assoziation auf und schreibt, dass diese auf Erörterungen des Dichters ziele, die ihm beim Betrachten des Kunstwerks im Geiste erscheinen würden. Dies könnten zum Beispiel historische, mythische oder persönliche Gedanken sein. (vgl. Kranz 1992: 155).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der Ekphrasis ein, skizziert die wissenschaftliche Zielsetzung und stellt den Aufbau der Arbeit dar.
2 Die Ekphrasis: Dieses Kapitel erläutert die historische Begriffsentwicklung der Ekphrasis sowie die zentralen theoretischen Problematiken wie das Spannungsfeld zwischen Bild und Text.
3 Das Bildgedicht: Dieser Abschnitt widmet sich den Definitionen und Potenzialen des Bildgedichts, analysiert biographische Hintergründe zu van Goghs Werk und untersucht exemplarisch Celans Lyrik.
4 Ausblick: Der Ausblick reflektiert den aktuellen Status der Ekphrasis im Kontext von Text-Bild-Hybriden und gibt einen Ausblick auf die Forschung zu notional ekphrasis.
Schlüsselwörter
Ekphrasis, Bildgedicht, Intermedialität, Paul Celan, Vincent van Gogh, Kornfeld mit Raben, Unter ein Bild, notional ekphrasis, Lyrik, Bildbeschreibung, Bild und Text, Anschaulichkeit, Kunstwerk, Ästhetik, Repräsentation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt das Verhältnis zwischen Literatur und bildender Kunst, insbesondere die Form der Ekphrasis und des lyrischen Bildgedichts.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die Begriffsentwicklung der Ekphrasis, die theoretische Dialektik zwischen Wort und Bild sowie die praktische Analyse von Gedichten, die sich auf Kunstwerke beziehen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die Leistungen und Schwierigkeiten der Ekphrasis aufzuzeigen und am Beispiel von Paul Celans Gedicht „Unter ein Bild“ eine fundierte Analyse einer gelungenen ekphrastischen Dichtung zu liefern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die auf der Auswertung etablierter Fachliteratur zu den Themen Ekphrasis und Intermedialität basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Erörterung der Ekphrasis-Problematik und eine spezifische Untersuchung des Bildgedichts, inklusive des historischen Kontexts von van Goghs Gemälde.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird primär durch Begriffe wie Ekphrasis, Bildgedicht, Intermedialität, Lyrik und die spezifische Analyse des Werks von Celan und van Gogh charakterisiert.
Wie unterscheidet der Autor zwischen actual ekphrasis und notional ekphrasis?
Der Autor folgt John Hollander und unterscheidet zwischen der Beschreibung real existierender Kunstwerke (actual) und der Beschreibung fiktionaler, rein literarisch erzeugter Bilder (notional).
Welche Bedeutung hat der „Pfeil“ in Celans Gedicht „Unter ein Bild“?
Der Pfeil wird als vielschichtige Metapher analysiert, die sowohl auf eine existenzielle Bedrohung als auch auf eine religiöse Sehnsucht oder einen künstlerischen Gestaltungsprozess hindeuten kann.
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- Phil Gerhardt (Author), 2012, Die lyrische Ekphrasis, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/231940