Dieser Text wurde schon im Jahr 1995 geschrieben und diese Ausgabe gekürzt und etwas überarbeitet. Damals war das Thema sicher aktueller und brennender als heute. Allerdings bietet sich jetzt, fast 25 Jahre nach dem Mauerfall, wohl eher die Chance, dieses Kapitel unserer Vergangenheit etwas weniger emotionsgeladen zu betrachten.
Wenn heute über die DDR gesprochen wird, wird häufig entweder pauschal verurteilt oder pauschal beschönigt. Ähnlich ist es auch beim Verhältnis von Kirche und Staatssicherheitsdienst. Ich denke, es ist wichtig, einen Weg zu finden, sich sachlich mit der Problematik auseinanderzusetzen ohne die Verletzungen und Gefühle zu übergehen - einen Weg der weder Sündenböcke markiert noch einfach "Schwamm drüber" sagt. ,,Um die Gegenwart zu bewältigen müssen wir mit der Vergangenheit ins Reine kommen."
Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkungen
Zahlen und Fakten an zwei Beispielen
Die IM im Bereich der Kirche
Die Konspiration
Schuld
Aufarbeitung
Vergebung und Versöhnung?
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit der Verstrickung von Kirchenmitarbeitern und CVJM-Akteuren in das System des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in der ehemaligen DDR auseinander. Das Hauptziel ist die Entwicklung einer sachlichen Perspektive auf Schuld, Verantwortung und Aufarbeitung, die sowohl rechtliche, psychologische als auch theologisch-ethische Dimensionen berücksichtigt, ohne in pauschale Verurteilungen zu verfallen.
- Analyse der MfS-Strukturen im kirchlichen Kontext.
- Untersuchung der Beweggründe für die Tätigkeit als Informant.
- Reflexion über den Begriff der Schuld aus interdisziplinärer Sicht.
- Bedeutung von Wahrheit und Aufarbeitung für den kirchlichen Neuanfang.
- Die Rolle von Vergebung und Versöhnung im Umgang mit der Vergangenheit.
Auszug aus dem Buch
Die Konspiration
Der Begriff "IM" war den meisten Informanten unbekannt. Seit den 50er Jahren wurde im kirchlichen Bereich auch häufig auf eine schriftliche Verpflichtungserklärung verzichtet. "Kein IM hat einen Treffbericht oder das, was das MfS in Wirklichkeit plante, zu sehen bekommen" Die Menschen fühlten sich also nie direkt beteiligt, sondern lebten in einem gewissen "Zwischenzustand". Sie konnten sich selbst gegenüber immer sagen, dass sie gar nichts Böses getan hätten und niemandem direkt schaden würden.
Die Führungsleute des MfS waren angehalten, "ein kameradschaftliches, vertrauensvolles Verhältnis zwischen IM und Mitarbeiter zu schaffen [und zu sehen,] wie sie durch ein kluges psychologisch-pädagogisches Vorgehen enger an das MfS gebunden werden können" Dazu gehörte z.B. "bei den IM begründete Erfolgserlebnisse hervorzurufen, die ideenreiche Erläuterung der besonderen Bedeutsamkeit der zu lösenden Aufgabe, die Vorbereitung kleiner Aufmerksamkeiten für Anlässe, die die IM persönlich als bedeutsam empfinden, die Gewährleistung von Hilfe und Unterstützung für die IM in komplizierten persönlichen Angelegenheiten u.ä."
Die MfS-Leute haben sich also regelrecht um ihre Informanten „gekümmert“. Die Aufgaben wurden auch nicht etwa als Dienstanweisungen erteilt, sondern im Gespräch "verinnerlicht". Es herrschte bei den Treffs vermutlich meist eine angenehme und verständnisvolle Atmosphäre. "Hier ist eine Verbindung mit dem Apparat passiert, ohne dass die Menschen dies richtig gemerkt haben, eine Loyalitätsänderung, eine Bindungsänderung. Das erste Gebot steht im Raume." Immer wieder ist in den Akten von einer "engen Bindung an unser Organ" zu lesen und auch Sätze wie "war stets ehrlich und zuverlässig und beachtete streng die Regeln der Konspiration"
Zusammenfassung der Kapitel
Vorbemerkungen: Einleitung zur Entstehung des Textes und Plädoyer für einen sachlichen, reflektierten Umgang mit der Stasi-Vergangenheit nach dem Mauerfall.
Zahlen und Fakten an zwei Beispielen: Darstellung der hohen Dichte von Informanten im kirchlichen Milieu und deren Einflussnahme auf kirchliche Entscheidungsprozesse.
Die IM im Bereich der Kirche: Untersuchung der Rekrutierungsmotive und der Rolle von Informanten als vermeintliche Vertrauenspersonen im kirchlichen Umfeld.
Die Konspiration: Beschreibung der psychologischen Mechanismen, mit denen das MfS Informanten band, ohne diese ihre Rolle als Zuarbeiter eines Unrechtsregimes voll bewusst werden zu lassen.
Schuld: Differenzierte Betrachtung von Schuld aus rechtlicher, psychologischer, theologischer und christlich-ethischer Perspektive.
Aufarbeitung: Notwendigkeit eines aktiven Prozesses der Auseinandersetzung zur Wahrheitsfindung, die Gerechtigkeit für Opfer ermöglicht und Entmündigung verhindert.
Vergebung und Versöhnung?: Reflexion über die Bedingungen für Versöhnung, wobei diese als Lebensform und nicht als einmaliger Akt verstanden werden muss.
Schlüsselwörter
Staatssicherheit, MfS, Kirche, DDR, Inoffizielle Mitarbeiter, IM, Schuld, Aufarbeitung, Konspiration, Vertrauensmissbrauch, Versöhnung, Vergebung, Ethik, DDR-Geschichte, Überwachung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in diesem Werk primär?
Das Buch untersucht die Zusammenarbeit von Personen aus kirchlichen Kreisen mit dem MfS der ehemaligen DDR und reflektiert über die ethischen und theologischen Konsequenzen.
Welche zentralen Themenbereiche werden bearbeitet?
Die zentralen Themen sind die Rekrutierung von Informanten, das psychologische Wirken der Stasi, der Schuldbegriff sowie die Möglichkeiten einer echten Aufarbeitung und Versöhnung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, einen differenzierten Weg der Aufarbeitung zu skizzieren, der weder in Verdrängung noch in pauschale Schuldzuweisungen mündet.
Welche methodischen Ansätze werden verfolgt?
Die Arbeit nutzt historische Daten, Zeugenaussagen und setzt diese in Bezug zu rechtlichen, psychologischen sowie biblisch-theologischen Kategorien.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Konspirationsmethoden des MfS, differenziert verschiedene Schuldaspekte und beleuchtet die Notwendigkeit sowie die Schwierigkeiten der Aufarbeitung.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind IM-Tätigkeit, konspiratives Handeln, moralische Verantwortung, christliche Ethik, Wahrheitssuche und Neuanfang.
Warum betont der Autor, dass das MfS die kirchliche Arbeit nicht voll steuern konnte?
Der Autor argumentiert, dass die Kirche die einzige eigenständige Kraft war, die dem System gefährlich erschien, da sie trotz massiver Unterwanderung ihre grundlegende Identität bewahrte.
Welchen Stellenwert nimmt die biblische Perspektive in der Argumentation ein?
Die biblische Perspektive dient als ethischer Kompass, insbesondere durch das Doppelgebot der Liebe, das Handeln vor Gott und die fundamentale Bedeutung von Umkehr und Vergebung.
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- Dr. Peter G. Kühn (Author), 1995, Der Umgang mit Stasi-Verstrickung im Kontext von CVJM und Kirche, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/230161