Jeder Mensch hat die Chance, sich mit Mose zu identifizieren, da er nicht fehlerlos ist, sondern
ebenso normal, schwach und alltäglich. Vor allem aber seine Bodenhaftung ermöglicht einen Weg
zur Identifikation (vgl. Frevel, 2006, S. 25). Wie kann jemand sagen, dass Mose für ihn ein Vorbild
sei? Dies ist möglich, da Mose verschiedene Rollen eingenommen hat. Es „ist so gut wie unmöglich
[ein regelrechtes Porträt von Mose zu zeichnen], weil uns dafür nur die in der Bibel überlieferten
Angaben zur Verfügung stehen. […] Im Laufe einer reichen Tradition über Mose wurden derart
vielgestaltige Gesichter dieses Menschen gezeichnet, dass es sich lohnt, [bestimmte Rollenbilder
von ihm] zu suchen“ (Briend, 2000, S. 5).
Auf welche Rollen sollte dabei eingegangen werden, denn welche Rolle ist die bedeutsamste? Diese
Frage ist schwer zu beantworten, da jeder Mensch eine andere Sichtweise hat. Mose wird von den
meisten Menschen als Prophet bezeichnet. Aber kann Mose überhaupt als Prophet bezeichnet
werden, wenn er doch so viele andere Dinge macht, die ein Prophet nicht machen würde und auch
nicht dem Charakter eines Propheten entspricht? Was ist in diesem Fall mit dem Bild des
Gesetzgebers oder Richters? „Hatte Mose als der Gesetzgeber über die Propheten gesiegt, so ging
Mose doch nicht als der Erzprophet in der Erinnerung des Judentums verloren“ (Otto, 2006, S. 80).
Diese Aussage von Otto verdeutlicht, dass beide Stellungen ein enormes Potenzial aufweisen. Diese
zwei Mosebilder sollen in dieser Hausarbeit thematisiert werden.
Zuerst wird dabei eine Definition vom jeweiligen Mosebild gegeben, um danach an zwei bis drei
Beispielen diese Rollen zu analysieren. Ein Fazit am Ende des jeweiligen Mosebildes soll die
Rollenverständnisse aufzeigen und anhand der Definition festgestellt werden, ob diese Bezeichnung
zutreffend ist. An dieser Stelle sollen außerdem die Forschungsbefunde einfließen.
Kann Mose auf nur eine Rolle beschränkt werden? Nach Betrachtung der einzelnen Rollenbilder
sollen diese nun auf ein Gesamtfazit bezogen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Rollen
3. Die Rolle des Mose im Bereich des Gesetzes
3.1 Definition
3.2 Textstellen
3.2.1 Ex 2, 11 – 17
3.2.2 Ex 18, 13 – 26
3.3 Fazit
4. Die Rolle des Propheten
4.1 Definition
4.2 Textstellen
4.2.1 Ex 3,7 – 12
4.2.2 Dtn 18, 15 – 18
4.2.3 Dtn 34,10 – 12
4.3 Fazit
5. Fazit – Welche Rolle passt am besten?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die vielgestaltigen Rollenbilder des Mose im Alten Testament, mit einem spezifischen Fokus auf seine Funktionen als Gesetzgeber und Prophet. Ziel ist es, anhand ausgewählter biblischer Textstellen zu analysieren, ob Mose auf diese Rollen begrenzt werden kann oder ob sein Charakter eine umfassendere Deutung erfordert.
- Analyse von Moses Rolle im Bereich des Gesetzes anhand von Ex 2 und Ex 18.
- Untersuchung von Moses prophetischer Funktion unter Berücksichtigung von Ex 3 sowie Dtn 18 und Dtn 34.
- Kritische Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Definitionen von „Gesetzgeber“ und „Prophet“ im biblischen Kontext.
- Reflektion über die Einzigartigkeit der Mose-Figur und die Grenzen moderner Rollenklassifizierungen.
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Ex 2, 11 – 17
Die Situation wird an dieser Stelle kurz geschildert, um anschließend besser auf die einzelnen Aspekte eingehen zu können: Mose geht zu den hebräischen Feldarbeitern hinaus und sieht dort wie ein Ägypter einen der seinen erschlägt. Er tötet daraufhin den Aufseher, nachdem er sich zuvor vergewissert hat, dass er nicht gesehen wird. Am darauffolgenden Tag will er einen Streit zwischen zwei Israeliten schlichten, doch dabei bekommt er mit, dass seine Tat gesehen worden ist. Daraufhin flieht er nach Midian und half den Töchtern des Priesters Reguёl (vgl. Ex 2,11 – 17).
Mose reagierte aus einem Gefühl der Gerechtigkeit, da der Aufseher keine Konsequenzen für seine Tat bekommen hätte. Dieser handelte nämlich im Auftrag des Pharaos und dieser unterdrückte das Volk Israel, weil es ihm zu mächtig wurde, weshalb er auch alle Knaben töten ließ (vgl. Ex 1, 8 – 16). Diese Handlung, die solidarisch gemeint gewesen ist, verändert die Lage nicht, da Mose durch den Einsatz von Gewalt selber zum Mörder geworden ist. Gott unterstützte seine Handlung nicht, sondern er „handelt zunächst auf eigene Faust. [Für] diejenigen indes, für die er in dieser Weise eintritt, wollen seine Hilfe nicht“ (Kittel, 2005, S. 84). Seine ausgeführte Tat ist in dieser Situation nicht das Problem, sondern ein nicht durch Gott gestellter Auftrag (vgl. Zenger, 2005, S. 101).
Wie kann Mose nach so einer Tat noch als Vorbild gesehen werden. Es ist erstaunlich, dass dieses Fehlverhalten ungeahndet und unkommentiert bleibt und vor allem bis in die Endfassung des Pentateuchs bestehen bleibt (vgl. Frevel, 2006, S. 23).
Nach seiner Ankunft in Median, sieht er erneut eine Situation, wo ein Konflikt vorhanden ist. Mose schreitet wiederum ein – ohne Gewalteinsatz – und löst die Situation, indem er einfach hilft das Vieh zu tränken. Die Hirten haben so keine Möglichkeit die Frauen zu verdrängen. Er hat aus seinem Fehler gelernt und handelt deswegen sinnvoller. Dies ist gleichzeitig die Schlüsselszene für sein eigenes Leben (vgl. Zenger, 2005, S. 102), da die Töchter ihrem Vater von dieser Situation erzählen und dieser Mose belohnt, indem er ihm seine Tochter Zippora zur Frau gibt (vgl. Ex 2, 18 – 22). Sein Handeln wurde diesmal belohnt und nicht wie zuvor verurteilt. Sein Handeln war der Situation entsprechend angebracht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Identifikationsmöglichkeiten mit Mose ein und stellt die Problematik dar, ihn trotz seiner vielfältigen Facetten auf einzelne Rollenbilder zu reduzieren.
2. Rollen: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die zahlreichen Rollenbilder, die Mose im Alten Testament zugeschrieben werden, wie z.B. Anführer, Priester, Zauberer oder Gesetzgeber.
3. Die Rolle des Mose im Bereich des Gesetzes: Hier wird Mose als juristische und ordnende Instanz untersucht, wobei insbesondere seine Handlungen in Ex 2 und Ex 18 als Vorformen gesetzgeberischen Handelns analysiert werden.
4. Die Rolle des Propheten: Dieses Kapitel befasst sich mit der prophetischen Berufung des Mose und analysiert biblische Belege, die ihn als bedeutendsten Propheten Israels kennzeichnen.
5. Fazit – Welche Rolle passt am besten?: Das Fazit resümiert, dass Mose aufgrund seiner einzigartigen Gottesbeziehung und Komplexität nicht auf eine einzelne Rolle festgelegt werden kann, sondern eine Sonderstellung einnimmt.
Schlüsselwörter
Mose, Altes Testament, Rollenpersonifikation, Gesetzgeber, Prophet, Exegese, Bibelwissenschaft, JHWH, Gerechtigkeit, Identifikation, Offenbarung, Pentateuch, Führungsrolle, Ex 2, Dtn 18.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Untersuchung der verschiedenen Rollen, die Mose im Alten Testament einnimmt, und hinterfragt kritisch, ob er treffend als „Gesetzgeber“ oder „Prophet“ bezeichnet werden kann.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen umfassen die alttestamentliche Mose-Exegese, die Analyse der rechtlichen Kompetenzen (Gesetzgeber) und der prophetischen Beauftragung sowie die Reflexion über die historische und theologische Bedeutung dieser Rollen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Komplexität des Mose-Bildes aufzuzeigen und zu prüfen, inwieweit moderne Kategorisierungen den biblischen Beschreibungen seiner Person gerecht werden.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt die exegetische Analyse ausgewählter biblischer Textstellen unter Einbeziehung wissenschaftlicher Sekundärliteratur zur historischen und theologischen Einordnung.
Was steht im Hauptteil im Fokus?
Im Hauptteil werden zunächst die rechtlichen Aspekte von Mose anhand der Textstellen aus Ex 2 und Ex 18 und anschließend seine Rolle als Prophet anhand von Ex 3 und dem Deuteronomium untersucht.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Besonders prägend sind die Begriffe Mosebild, Gesetzgeber, Prophet, Offenbarung, Sonderstellung und die Analyse der biblischen Texttradition.
Warum wird Mose im Text nicht als einfacher Gesetzgeber definiert?
Die Analyse zeigt, dass die verschiedenen Gesetzescorpora des Pentateuchs unterschiedlichen historischen Kontexten entstammen und nicht von einer einzelnen Person „erfunden“ wurden, weshalb der Titel des Gesetzgebers als zu einseitig abgelehnt wird.
Was macht Mose in der Rolle als Prophet so besonders?
Im Gegensatz zu anderen Propheten, die Gott oft nur in Visionen oder durch Träume erfahren, wird Mose als jemand beschrieben, der mit Gott „Auge in Auge“ redet, was ihn zu einer einzigartigen Vermittlerinstanz macht.
- Quote paper
- Jan Brüggemann (Author), 2012, Mose. Das Monument der Rollenpersonifikation im Alten Testament, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/229812