Das Phänomen Punk ist ein in der Wissenschaft allseits beliebter Betrachtungsgegenstand. Seit seiner Entstehung Mitte der 70er Jahre beschäftigen sich Subkulturforscher, Musikwissenschaftler, Medienanalytiker und Kulturwissenschaftler mit seinen Hintergründen, seiner Bedeutung und seinen Einflüssen. Auffällig ist jedoch, dass insbesondere musikhistorische Darstellungen der Punk-Epoche mit der Auflösung der wohl bezeichnendsten Punk-Band, der Sex Pistols, 1978 abschließen und weiterführend die nächste wichtige Station der Popmusik-Geschichte auf den Beginn des Grunge Anfang der 90er Jahre reduzieren.1 Dass diese Missachtung und Unterschätzung der dazwischen liegenden Jahre eine Fehlinterpretation war, wird gegenwärtig durch das Wiederaufleben einer dem Punk gefolgten Epoche, Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre, deutlich: dem sogenannten Postpunk oder New Wave.2 Zahlreiche erfolgreiche Indie-Bands der letzten Jahre verarbeiten in ihrer Musik eindeutig musikalische Elemente des Postpunks und bekennen sich offen zu dessen Einfluss. Gleichzeitig entstehen neugemischte Kompilationen und dokumentarisches sowie biografisches Filmmaterial über diese Zeit: „Eine junge Generation, die sich an diese Zeit nicht erinnert – manche waren 1984 […] noch nicht einmal geboren – findet sie plötzlich ungeheuer faszinierend.“3 Diese höchst interessante Entwicklung war unter anderem Auslöser für die Entstehung dieser Arbeit. Hinzu kommt, dass Postpunk in der Wissenschaft bisher weitgehend unbeachtet blieb, wobei aktuelle Tendenzen zeigen, dass diese Thematik viel wissenschaftliches Potenzial bereit hält und daher bereits vereinzelte Untersuchungen erschienen sind:4 „All the signs indicate that post-punk is set to be a booming field for investigation and analysis by critics, historians and academics for some time to come.“5
Reynolds machte 2005 mit seiner Veröffentlichung von Rip It Up And Start Again - Postpunk 1978 – 1984 einen ersten, wenn auch eher musikjournalistischen, Schritt in diese Richtung. Darin liefert er auch einen Erklärungsansatz für die aktuelle Wiederentdeckung der Postpunk-Epoche: „Weil Postpunk so lange vergessen war, zählte er zu den wenigen ungenutzten Ressourcen der Retroindustrie und scheint jetzt einen wahren Goldrausch auszulösen.“1 In seinem Werk Retromania argumentiert Reynolds, dass Menschen seit der Renaissance kontinuierlich geradezu besessen waren von kulturellen Artefakten aus ihrer eigenen Vergangenheit.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Posthume Mystifizierung eines Stars
2.1 (Post-)strukturalistische Ansätze
2.1.1 Barthes
2.1.2 Middleton
2.2 Fans, Medien und Vermarktung
3. Der Postpunk-Begriff
3.1 Reaktionen auf Punk
3.2 Die Gegenkultur
3.3 Die Postpunk-Initiativen
3.4 Das Ende
4. Postpunk in Manchester
4.1 Voraussetzungen und Einflüsse
4.1.1 Post-Industrial
4.1.2 Politische Veränderungen
4.1.3 Grim Manchester
4.1.4 Musiklandschaft und Identität
4.1.5 Kulturelle Diversität
4.2 Entwicklung
4.2.1 Die Sex Pistols in der Lesser Free Trade Hall
4.2.2 Factory Records und der Haçienda Club
4.3 Fazit Manchester
5. Joy Division
5.1 Bandgeschichte
5.2 Banddeutung
5.3 Ian Curtis und die Bedeutung seines Selbstmordes
5.3.1 Gründe für seinen Selbstmord
5.3.2 Mythoskonstruktion Joy Division
5.3.3 Veränderung der Wahrnehmung von Songtexten
5.3.4 Postpunk in Manchester: Selbstmord-Voraussetzungen?
5.4 Medien, Kult und Vermarktung
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die posthume Mystifizierung der Band Joy Division vor dem Hintergrund der soziokulturellen Bedingungen des Postpunk in Manchester. Ziel ist es zu analysieren, wie der Selbstmord von Ian Curtis in Verbindung mit medialer Inszenierung und Vermarktungsstrategien einen anhaltenden Kultstatus generierte.
- Theoretische Grundlagen posthumer Mystifizierung (Roland Barthes, Richard Middleton)
- Entstehung und Charakteristika der Postpunk-Bewegung
- Manchester als spezifischer sozioökonomischer Schauplatz der Popmusik
- Die Rolle von Medien, Labels (Factory Records) und Fankultur bei der Mythenbildung
- Einfluss des Suizids von Ian Curtis auf die Rezeption und den kommerziellen Erfolg
Auszug aus dem Buch
3.1 Reaktionen auf Punk
Wie der Name Postpunk selbsterklärend vermittelt, handelt es sich bei diesem Begriff um die Zeit und die Musik, die nach dem Punk auftauchte. Dabei handelte es sich allerdings um jegliche Musik nach Punk, sondern um die Musik, die unmittelbar auf Punk reagierte - an der Stelle, an der Punk, vor allem für die Jugendgeneration, nicht mehr ausreichte sich auszudrücken und eine Identitätsplattform darzustellen. Punk war eine „wütende Stimme der Straße“, eine Gegenkultur und gleichzeitig ein Ort der Zuflucht vor Kommerz, sozialen Missständen und Langeweile.
Auch musikalisch war Punk eine Antwort auf die Mitt-70er, die Zeit der „dinosaur bands“ wie Led Zeppelin, Rory Gallagher, Black Sabbath oder Deep Purple. Diese Bands wurden bald zum „worrying genre of prog rock“ und lähmten vor allem die junge Generation mit Veröffentlichungen von Dreifach-Alben wie die der Band Yes oder psychedelischen Produktionen von Pink Floyd. Sie spiegelten gleichzeitig Konservatismus (und ironischerweise Progress) und Kommerz der Mainstream-Gesellschaft wider: „Der bevorzugte Musikstil war Progressive Rock, also alles, was teuer und aufwendig war.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Phänomen Postpunk und die Fragestellung bezüglich der posthumen Mystifizierung von Joy Division.
2. Posthume Mystifizierung eines Stars: Theoretische Untersuchung mittels strukturalistischer Ansätze von Barthes und Middleton sowie soziologischer Perspektiven.
3. Der Postpunk-Begriff: Definition des Postpunk als Reaktion auf Punk und Einordnung in den Kontext von Gegenkulturen.
4. Postpunk in Manchester: Analyse der lokalen Voraussetzungen, ökonomischen Bedingungen und kulturellen Einflüsse auf die Musikszene in Manchester.
5. Joy Division: Detaillierte Betrachtung der Band, des Suizids von Ian Curtis und der damit verbundenen Mythoskonstruktion.
6. Fazit: Zusammenfassende Erkenntnisse über die Rolle des frühen Todes von Curtis für den heutigen Kultstatus der Band.
Schlüsselwörter
Joy Division, Postpunk, Manchester, Ian Curtis, Mythos, Kult, Musikwissenschaft, Popkultur, Factory Records, Selbstmord, Vermarktung, Identität, Gegenkultur, Rezeption, Authentizität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie und warum die Band Joy Division einen anhaltenden Kultstatus erlangt hat und welche Rolle dabei die posthume Mystifizierung ihres Sängers Ian Curtis spielt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Theorie der Mythenbildung, die Geschichte der Postpunk-Bewegung, die soziokulturelle Situation im Manchester der 1970er Jahre sowie die Mechanismen der Musikvermarktung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt nach dem Zusammenhang zwischen dem Suizid von Ian Curtis, der Veränderung der Wahrnehmung seiner Lieder und der bewussten oder unbewussten Konstruktion eines Mythos Joy Division durch Medien und Fans.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es werden kulturwissenschaftliche und (post-)strukturalistische Ansätze (u.a. von Roland Barthes und Richard Middleton) genutzt, um Prozesse der Wahrnehmung und Mystifizierung zu analysieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung, eine Analyse des Postpunk-Begriffs und der speziellen Szene in Manchester sowie eine spezifische Fallstudie zu Joy Division und Ian Curtis.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Postpunk, Manchester, Mythosbildung, Kultstatus, Factory Records, Musikvermarktung und posthume Identitätskonstruktion geprägt.
Welche Rolle spielt Factory Records für den Erfolg von Joy Division?
Factory Records und insbesondere Tony Wilson trugen wesentlich dazu bei, die Band durch ein spezifisches Image und ästhetische Gestaltung als kulturelles Phänomen zu etablieren und zu vermarkten.
Warum war der Suizid von Ian Curtis für den Kultstatus entscheidend?
Der Suizid fungierte als Katalysator, der die Wahrnehmung der Songtexte rückwirkend veränderte und die Band in den Augen der Rezipienten mit einer Aura von Authentizität und Tragik auflud.
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- Marie Meininger (Author), 2013, Postpunk in Manchester, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/215608