Heutzutage ist es sehr schwierig noch etwas über den ›Parzival‹ Wolframs von Eschenbach zu schreiben, angesichts der Vielzahl an Büchern und Aufsätzen, die in den Regalen der unzähligen Bibliotheken ihren Platz haben. Dennoch ist es faszinierend, wieviel dieser Roman zu bieten hat. Es ist der wunderbarste Roman des Mittelalters, der eines der großen Mysterien auch noch unserer Gegenwart zum Gegenstand hat: den Gral. „Er ist – in all seinen Formen – Ausdruck einer schöpferischen Einbildungskraft, die jedoch die höchsten Ansprüche an religiöse Ideale und religiöses Erleben stellt.“ Es ist außerdem die Geschichte des tumpen Parzival, der von seiner Mutter in Narrenkleidung in die Welt hinausgeschickt wird; der viel Mühe und Leid auf sich nimmt während der langen Suche nach dem Gral und zu sich selbst. Obwohl noch jung, erwartet man von Parzival viel, als er zur Gralsburg Munsalvaesche gelangt. Aus Unwissenheit begeht er seinen größten Fehler, welchen er jahrelang aus der Welt zu schaffen versucht. Die zentrale Fragestellung meiner Arbeit lautet daher: wie kommt es zu diesem Versäumnis? Was ist entscheidend dafür, dass Parzival die bedeutende Frage nicht stellt? Liegt es tatsächlich an dem mangelnden Mitleid, was die Forschungsliteratur aus den 1950er Parzival zuzuschreiben versuchte oder hat dieses Versäumnis einen größeren Stellenwert? Um darauf antworten zu können, wird im ersten Teil meiner Arbeit der Lebensweg des Protagonisten untersucht, auf welchem er immer wieder auf Menschen trifft, die ihn Dinge lehren, welche ihm von seiner Mutter vorenthalten wurden. Wichtig für seine Entwicklung sind die Erkenntnisse, die er über die Genealogie seiner Eltern, über sein Erbe und seine Vorbestimmung, Gralskönig zu werden, gewinnt. Im zweiten Teil der Arbeit wird die heranwachsende Herrscherfigur Parzival und die Figur seines Onkels und Vorgängers Anfortas mit der Lehre der ›Zwei Körper des Königs‹ von Ernst H. Kantorowicz verbunden. Diese erklärt zunächst, inwiefern ein König einen sterblichen und einen unsterblichen Körper besitze. Der unsterbliche Körper nimmt die Form der königlichen Insignien an, die an den Nachfolger weiter vererbt werden. Zudem vereint ein mittelalterlicher Herrscher Aspekte von Weltlichem und Geistlichem. Genau danach strebt Parzival: nachdem er weltlichen Erfolg erbrachte, wird ihm klar, dass dies nicht sein Ziel ist. [...]
Inhaltsverzeichnis
1.Einleitung
2.Die Suche nach der Identität
2.1 Enterbung Gahmurets durch das Recht der Primogenitur
2.2 unwizzende Kindheit
2.3 Eintritt in die Welt: Übernommene Identität
2.3.1 Gahmurets art: strît und ritterliche werdekeit
2.3.2 Gahmurets art: minne
2.4 Identitätskrise
2.4.1 Verzögerung des Heils: Parzivals unterlassene Frage
2.4.2 Parzivals Sturz und die Verfluchung
2.5 Name und Sippe
2.6 Zwîfel und Erkenntnis
3. Die Zwei-Körper-Lehre
3.1 Anfortas und Parzival
3.2 Parzivals Wandel
3.3 Der Heilige Gral
3.3.1 Gral und Zwei-Körper-Lehre
3.3.2 Die Suche nach dem Gral
4.Das Heil
4.1 Die Berufung zum Gral
4.2 Anfortas' Heil
4.3 Parzival und Feirefiz
5.Wolframs Schluss
5.1 Priester Johannes
5.2 Priester Johannes als Gralskönig
6.Schlussbemerkungen
7.Literaturangaben
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den Entwicklungs- und Identitätswerdegang von Parzival in Wolfram von Eschenbachs gleichnamigem Werk, wobei sie insbesondere die Frage nach dem Versäumnis der Mitleidsfrage sowie die symbolische Bedeutung der "Zwei-Körper-Lehre" nach Ernst H. Kantorowicz analysiert.
- Die Entwicklung des Protagonisten vom "tumpen" Jungen zum Gralskönig.
- Die wissenschaftliche Anwendung der Zwei-Körper-Lehre auf die Gralsgesellschaft.
- Die Bedeutung von Verwandtschaft, Herkunft und ritterlicher Identitätsfindung.
- Das Verhältnis von weltlichem Streben und göttlicher Gnade.
- Die symbolische und politische Rolle der Gralsfiguren.
Auszug aus dem Buch
2. Die Suche nach der Identität
Parzival gelangt im V. Buch auf der Suche nach âventiure zu einem See. Dort trifft er auf einen Fischer und fragt nach dem Weg zu einer Herberge (V. 225,13 ff). Dieser schickt ihn zu der einzigen Burg, die es in Umkreis von dreißig Meilen gibt (V.225,21) und welche ihm gehört. Bevor Parzival aufbricht, rät ihm der Fischer sich so benehmen, wie man ihn behandelt: sô danket als man iwer pflege. (V.226,5), denn er weiß, dass eines Tages ein Ritter kommt, der ihn von seinem Leid erlösen wird. Niemand anderem wäre es gelungen, so weit in die Gralswelt vorzudringen.
Parzival wird besonders erwartungsvoll in Munsalvaesche empfangen, wo sich sein weiteres Schicksal entscheiden wird; denn die Gesellschaft wartete sehnsüchtig auf ihre Erlösung. Seine strahlende Schönheit strahlt wie ein neuer Tag und gibt der Gralsgesellschaft die Hoffnung, dass ihr Leid bald ein Ende hat.
alt und junge wânden
daz von im ander tag erschine.
sus saz der minneclîche wine. (V.228,4ff)
Deshalb wird dem schönen Jüngling zur Begrüßung und als Zeichen der Dankbarkeit der Mantel der Herrscherin Repanse de Schoye geschenkt. Daraufhin setzt Parzival sich zum Gralherrscher, und sieht plötzlich Parzival etwas Merkwürdiges:
ein knappe spranc zer tür dar în.
der truoc ein glævin
(der site was ze trüren guot) :
an der snîden huop sich pluot
und lief den schaft unz ûf die hant,
deiz in dem ermel wider want.
dâ wart geweinet unt geschrît
ûf dem palas wit (V.231,17ff)
Beim Anblick der blutenden Lanze beginnt der ganze Palast zu weinen und zu klagen. Nachdem sie herausgetragen wurde, hört die Klage und der Jammer auf. Darauf folgend bietet Wolfram dem Leser und Parzival ein großes zeremonielles Ereignis: Junge Damen tragen in einer Prozession durch die Halle der Burg des Fischerkönigs Kerzenleuchter, Kerzen und kostbare Steinplatten, die vor den Gralsherr gesetzt werden. Des weiteren erscheint die Gralshüterin mit dem dinc, daz hiez der Grâl (V.235,23) auf einem grünem Seidentuch.
Zusammenfassung der Kapitel
1.Einleitung: Die Einleitung formuliert die Forschungsfrage nach den Ursachen für Parzivals Scheitern bei der Mitleidsfrage und stellt das methodische Vorgehen vor.
2.Die Suche nach der Identität: Dieses Kapitel analysiert die Kindheit und Jugend des Helden, seine familiäre Prägung durch Gahmuret und Herzeloyde sowie seinen Eintritt in die ritterliche Welt.
3. Die Zwei-Körper-Lehre: Hier wird Kantorowicz' Theorie auf die Figuren Anfortas und Parzival angewandt, um die Trennung von öffentlicher Funktion und privater Person im mittelalterlichen Kontext zu verdeutlichen.
4.Das Heil: Der Abschnitt fokussiert auf Parzivals endgültige Berufung zum Gral und seine Transformation vom fehlbaren Menschen zum vollkommenen Herrscher.
5.Wolframs Schluss: Die Analyse von Loherangrins Geschichte und der Rolle des Priesters Johannes dient als Abschlussbetrachtung zur utopischen Gesellschaftsordnung.
6.Schlussbemerkungen: Zusammenfassendes Fazit über die komplexe Verflechtung von höfischem Glanz und religiöser Erfüllung bei Wolfram von Eschenbach.
Schlüsselwörter
Parzival, Wolfram von Eschenbach, Mitleidsfrage, Gralskönig, Identitätsfindung, Zwei-Körper-Lehre, Anfortas, Rittertum, Treue, Gral, Feirefiz, Heilsgeschichte, Mittelalter, Munsalvaesche, höfische Literatur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den gesamten Identitätswerdegang von Parzival und analysiert, warum der Held zu Beginn an der Mitleidsfrage scheitert und wie er letztlich zum Gral findet.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die ritterliche Erziehung, die familiäre Herkunft, das Verhältnis von menschlichem Leid und göttlicher Gnade sowie die politische Theologie des Mittelalters.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt nach den Gründen für Parzivals Versäumnis bei der Mitleidsfrage und ob dieses Versäumnis primär auf mangelndes Mitleid oder auf die fehlende ritterliche Reife und Erziehung zurückzuführen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die primär die "Zwei-Körper-Lehre" von Ernst H. Kantorowicz nutzt, um die Gralsgesellschaft und das Königtum zu deuten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Parzivals Herkunft, seinen ritterlichen Lernprozess, die theoretische Unterfütterung durch das Modell der zwei Körper des Königs und seine endgültige Heilwerdung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen Parzival, Mitleidsfrage, Gral, Identität, Zwei-Körper-Lehre, ritterliches Ethos und höfische Tugend.
Warum ist die Rolle des Vaters Gahmuret für die Identität Parzivals so entscheidend?
Gahmuret repräsentiert das ritterliche Streben nach âventiure und minne, was Parzival in seinem Wesen geerbt hat, aber zunächst ohne die notwendige christlich-ritterliche Erziehung falsch interpretiert.
Welche Bedeutung hat die Figur des Priesters Johannes im Kontext der Arbeit?
Priester Johannes wird als utopisches Gegenmodell bzw. Zielpunkt gedeutet, in dem weltliche Macht und geistliche Autorität in einer idealen christlichen Herrschaft verschmelzen.
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- Jelena Nikolic (Author), 2011, Identität und Zwei-Körper-Lehre im "Parzivâl" Wolframs von Eschenbach, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/214648