Als Beispiel eines modernen Bildungs- bzw. Entwicklungsromans gilt für einige
Beobachter der 1998 in Frankreich erschienene Roman 'Elementarteilchen' von
Michel Houellebecq. Das Werk, das später auch von Bernd Eichinger – mit Moritz Bleibtreu und Christian Ulmen in den Hauptrollen – verfilmt wurde, war sowohl in Frankreich, als auch in Deutschland, wo es ein Jahr später erschienen ist, ein Bestseller. Darüber hinaus wurde es vom Feuilleton überaus kontrovers diskutiert. Der dargestellte Werdegang zweier Halbbrüder, die von ihrer Mutter im Selbstverwirklichungswahn vernachlässigt wurden und als radikal gegensätzliche Pole vergeblich ihren Weg in der Gesellschaft suchen, berührte viele empfindliche Themen. Als kontrovers galt nicht nur Houellebecqs präzise Darstellung einer schrankenlosen Sexualität. Auch wurde Elementarteilchen als reaktionäre Abrechnung mit den antiautoritären und linksliberalen Idealen der sogenannten 68er-Generation verstanden. Aufgrund fiktiv-wissenschaftlicher Exkurse, die die Utopie von der Schaffung des geschlechtslosen Menschen entwerfen, der von der Bürde einer den Gesetzen des kapitalistischen Marktes unterworfenen Sexualität befreit ist, galt das Werk in der Diskussion als einschlägiger Thesenroman. Tilman Krause bezeichnete Elementarteilchen als "das radikalste Stück Literatur zur Jahrhundertwende, das sich denken lässt."
Die Zielsetzung dieser Arbeit liegt in der Untersuchung der Zuschreibungen, der Roman sei ein programmatischer Thesenroman sowie ein Bildungs- beziehungsweise Entwicklungsroman. Hierfür wird eingangs der Seminar-
Gegenstand des Bildungsromans von seinen Ursprüngen beleuchtet und Merkmale und Konstanten, die als überzeitliche Charakteristik der Gattung gelten, zusammengestellt. In jeweils eigenen Kapiteln wird die Rezeption des Werkes in ausgewählten deutschsprachigen Medien sowie jene inhaltlichen Eigenaussagen untersucht, die als Argumente für die These des Thesenromans gelten. Unter der titelgebenden Fragestellung bildet die Bildungsgeschichte der beiden Hauptfiguren Michel Djerzinski und Bruno Clément den Schwerpunkt und Rahmen dieser Arbeit: Im Zuge dessen wird die Rolle von gesellschaftlichen Einflüssen und Autoritäten im Buch untersucht, die den Weg zu jener 'Desillusion' bereiten, die den Roman auch als 'Anti-Bildungsroman' gelten lassen. Letztlich soll die Frage literaturwissenschaftlich fundiert beantwortet werden, ob Elementarteilchen als moderner Bildungsroman gelten könne.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Der Bildungsroman
- Herkunft und Geschichte
- Merkmale und Konstanten
- Bildungserfahrungen heute
- Elementarteilchen - ein Thesenroman?
- Rezeption
- Bekenntnisse des Autors
- Elementarteilchen - ein Bildungsroman?
- Die Bildungsgeschichte der Charaktere
- Die Rolle der Autoritäten
- Die Desillusion: ein "Anti-Bildungsroman"?
- Utopie des Individuums, Utopie der Menschheit
- Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die Arbeit untersucht die Zuschreibungen des Romans Elementarteilchen als programmatischer Thesenroman und gleichzeitig als Bildungs- oder Entwicklungsroman. Zunächst wird die Gattung des Bildungsromans von ihren Ursprüngen beleuchtet und seine Merkmale und Konstanten beschrieben. Anschließend werden die Rezeption des Werkes in deutschsprachigen Medien und die inhaltlichen Aussagen des Autors analysiert, die als Argumente für die These des Thesenromans gelten.
- Der Bildungsroman: Herkunft, Geschichte und Merkmale
- Die Rezeption des Werkes Elementarteilchen als Thesenroman
- Die Bildungsgeschichte der Protagonisten Michel Djerzinski und Bruno Clément
- Die Rolle gesellschaftlicher Einflüsse und Autoritäten in der Desillusionierung der Figuren
- Elementarteilchen als moderner Bildungsroman
Zusammenfassung der Kapitel
- Einleitung: Das Kapitel stellt die aktuelle Debatte um den Bildungsroman und seine Relevanz im 21. Jahrhundert vor. Es wird die Bedeutung von Bildung für gesellschaftliche Teilhabe und die Rolle des Bildungsromans als literarische Darstellung dieser Prozesse erläutert. Der Roman Elementarteilchen wird als Beispiel für einen modernen Bildungs- bzw. Entwicklungsroman vorgestellt.
- Der Bildungsroman: Dieses Kapitel beleuchtet die Geschichte und Entwicklung des Bildungsromans vom 18. Jahrhundert bis heute. Es werden die Ursprünge, Merkmale und Konstanten der Gattung beleuchtet sowie die besondere Bedeutung des Bildungsromans im Kontext des aufklärerischen Bürgertums.
- Elementarteilchen - ein Thesenroman?: Das Kapitel untersucht die Rezeption des Romans Elementarteilchen in deutschsprachigen Medien und analysiert die Argumente, die für die Einordnung des Werkes als Thesenroman sprechen. Dabei werden insbesondere die kontroverse Darstellung von Sexualität, die Kritik an der 68er-Generation und die fiktiv-wissenschaftlichen Exkurse zu einer geschlechtslosen Menschheit diskutiert.
- Elementarteilchen - ein Bildungsroman?: In diesem Kapitel wird die Bildungsgeschichte der beiden Hauptfiguren Michel Djerzinski und Bruno Clément analysiert. Die Rolle von gesellschaftlichen Einflüssen und Autoritäten, die zu ihrer Desillusionierung führen, wird untersucht, um die Frage zu beleuchten, ob Elementarteilchen als "Anti-Bildungsroman" interpretiert werden kann.
Schlüsselwörter
Die zentralen Begriffe dieser Arbeit sind Bildungsroman, Elementarteilchen, Michel Houellebecq, Thesenroman, Desillusionierung, Gesellschaft, Sexualität, 68er-Generation, Utopie.
- Quote paper
- Carlo Clemens (Author), 2013, Michel Houellebecqs 'Elementarteilchen'. Vom Thesen- zum modernen Bildungsroman, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/214287