Die Rolle der Natur- und Landschaftsbeschreibungen in Goethes „Leiden des jungen Werther“ bildet eines der meist rezipierten Themen innerhalb der Wertherforschung. In der Ambiguität der verschiedenen Natur- und Landschaftsdarstellungen und ihrer Funktion für den Roman liegt das besondere Interesse der Wissenschaft.
Die Art der Natur- und Landschaftsdarstellung im 18. Jahrhundert ist stark abhängig von den verschiedenen literarischen und geistesgeschichtlichen Strömungen zur Wertherzeit. Diese bewirken stark schwankende Einstellungen bezüglich der ästhetischen Funktion der Natur im literarischen Werk. Während noch in der Barockzeit und der ihr nachfolgenden Aufklärung, die Natur lediglich als vom Menschen zu beherrschende und zu zähmende Naturgewalt , sowie als allegorisch-moralische Verschlüsselung einer tatsächlichen Realität, kommt mit einer sich langsam entwickelnden empfindsamen Geisteshaltung ein verändertes Naturgefühl auf.
Das Naturbild bekommt somit eine gänzlich eigene Bedeutung und bleibt frei von belehrenden Absichten. Mit der empfindsamen Lyrik von Friedrich Gottlieb Klopstock erfährt die Natur eine regelrechte Beseelung, die in einer pietistisch-pantheistischen Naturnähe gipfelt. Es entwickelt sich eine Naturästhetik, die auch den jungen Goethe inspiriert. Ihm wird bewusst, dass die Natur neben Grausamkeiten auch viele Schönheiten in sich birgt, eine Ambivalenz, die er schließlich auch in seinen Werken vermittelt.
Thema der Arbeit soll die Funktion der Natur- und Landschaftsbeschreibungen in Goethes „Leiden des jungen Werthers“ sein, mit dem Ziel die Rolle der Natur für den Handlungsverlauf und die Charakterisierung Werthers herauszuarbeiten. Zunächst soll die Ambivalenz der Naturbeschreibungen analysiert werden und im Anschluss die wichtigsten Parallelisierungen zwischen der Natur und Werthers Lebensverlauf. Letztlich soll die Wichtigkeit der Natur- und Landschaftsdarstellungen für den inneren und äußeren Verlauf des Romans herausgestellt und die Signifikanz dieser für die Deutung der Wertherfigur bewiesen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Ambivalenz der Natur- und Landschaftsbeschreibungen
2.1. Der Brief vom 10. Mai 1771
2.2. Der Brief vom 18. August 1771
2.3. Briefe vom 3. November und 12. Dezember 1772
3. Parallelisierungen des werther'schen Seelenzustands
3.1. Die Jahres- und Tageszeiten
3.2. Homer und Ossian
3.3. Die Nussbäume im Pfarrersgarten
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle und Funktion der Natur- und Landschaftsdarstellungen in Johann Wolfgang von Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“. Dabei steht insbesondere die Frage im Mittelpunkt, wie diese Beschreibungen als Projektionsflächen für Werthers ambivalente Seelenzustände dienen und den inneren sowie äußeren Handlungsverlauf des Romans maßgeblich mitgestalten.
- Ambiguität und Wandel der Naturauffassung im 18. Jahrhundert
- Parallelisierung von Naturerleben und werther'schem Seelenzustand
- Die literarischen Vorbilder Homer und Ossian als Ausdrucksmittel
- Projektionsfunktion von Jahres- und Tageszeiten
- Die Bedeutung konkreter Naturphänomene (z.B. Nussbäume) für die Charakterisierung
Auszug aus dem Buch
Die Ambivalenz der Natur- und Landschaftsbeschreibungen
Am Beispiel einiger ausgewählter Briefe, die die besonderen Merkmale und Funktionen der Natur- und Landschaftsbeschreibungen im Werther besonders hervorheben, sollen die wichtigsten Charakteristika der ästhetischen Landschaftsdarstellung im Roman herausgestellt werden. Dabei soll vor allem die Ambiguität der verschiedenen Darstellungen betrachtet werden, die für den Roman eine wichtige Rolle spielen.
In der ästhetischen Natur- und Landschaftsbeschreibung des 18. Jahrhunderts, vor allem aber während der empfindsamen und genieorientierten literarischen Strömung, drückt die Natur meist innere Ruhe und Zufriedenheit aus. Sie symbolisiert Frieden und innere Ausgeglichenheit eines Charakters. Die Stille der Natur wirkt beruhigend und aufbauend für zerrütteten Seelen und steht damit im Gegensatz zur städtischen Gesellschaft. Ähnlich geht es auch dem jungen Werther. Eine „wunderbare Heiterkeit“ durchdringt sein Innerstes und er genießt den schönen Frühlingsmorgen in freier Natur. Dieser freien und ungezähmten Natur kommt Werthers besondere Ehrerbietung zu.
Er versucht gänzlich in ihr aufzugehen und dabei gleichzeitig die Schönheit der Natur in Worte zu fassen. Im Versuch das Unaussprechliche auszusprechen beginnt er mit der Beschreibung eines Makrokosmos, beispielsweise der Schilderung des Tals und der Sonne, geht dann über zu den hohen Gräsern, bis er schließlich mit seiner Darstellung der kleinsten Lebewesen, dem Mikrokosmos, den Kreis der Schöpfung schließt. Diese Beschreibung schildert Werthers Gefühl der absoluten Gottesnähe.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Forschungsrelevanz der Naturdarstellung bei Goethe ein und definiert das Ziel der Arbeit, die Verbindung zwischen Naturbild und Werthers Seelenzustand zu untersuchen.
2. Die Ambivalenz der Natur- und Landschaftsbeschreibungen: Dieses Kapitel analysiert anhand ausgewählter Briefe den Wandel von einer idyllischen, göttlich geprägten Naturbetrachtung hin zu einer destruktiven, die den inneren Verfall des Protagonisten spiegelt.
3. Parallelisierungen des werther'schen Seelenzustands: Dieser Hauptteil untersucht detailliert, wie Wetter, Jahreszeiten und literarische Referenzen wie Homer und Ossian als Stimmungsträger fungieren und Werthers psychische Entwicklung abbilden.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Natur im Roman kein bloßes Hintergrundelement ist, sondern ein wesentlicher Bedeutungsträger, der das Scheitern Werthers in einer bürgerlich-pragmatischen Welt untermauert.
Schlüsselwörter
Goethe, Die Leiden des jungen Werther, Naturdarstellung, Landschaftsbeschreibung, Empfindsamkeit, Sturm und Drang, Projektion, Seelenzustand, Ambiguität, Homer, Ossian, Todessehnsucht, Naturästhetik, Wertherforschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Funktion von Natur- und Landschaftsschilderungen in Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ und deren Rolle für die Charakterzeichnung des Protagonisten.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die ästhetische Funktion der Natur, der Wandel von einem idyllischen hin zu einem destruktiven Naturbild sowie die Spiegelung von Werthers Psyche in der Umwelt.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass die Natur im Roman als bewusst eingesetztes Instrument zur Illustration von Werthers innerem Zustand und zur Vorwegnahme seines Schicksals dient.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Die Autorin verwendet eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text im Kontext geistesgeschichtlicher Strömungen des 18. Jahrhunderts (Empfindsamkeit, Sturm und Drang) betrachtet.
Was umfasst der Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Ambivalenz der Naturbeschreibungen sowie drei spezifische Fallstudien zu Jahreszeiten, literarischen Vorbildern und der symbolischen Bedeutung der Nussbäume.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Schlüsselwörter sind Naturdarstellung, Ambivalenz, Seelenzustand, Projektion, Ossian-Rezeption und Werther-Roman.
Inwiefern beeinflussen Homer und Ossian das Naturbild Werthers?
Homer steht für Werthers anfängliche Sehnsucht nach einer unberührten, idyllischen Natur, während die düsteren Ossian-Gesänge später seine zunehmende Todessehnsucht und den Verlust der Realität spiegeln.
Welche Bedeutung kommt der Fällung der Nussbäume zu?
Die Zerstörung der Nussbäume symbolisiert den Zusammenbruch von Werthers idealisierter Welt und die Unvereinbarkeit seiner empfindsamen Naturauffassung mit der pragmatischen, nutzenorientierten Welt der anderen Figuren.
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- Charlotte Seeger (Author), 2011, Natur- und Landschaftsdarstellung in Goethes „Die Leiden des jungen Werther“, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/212350