Egal bei welcher Handlung, es wird immer das Gute angestrebt, auch wenn der Geist, der sich ein Bestimmtes als Gutes erwählt hat, sehr subjektiv und beschränkt denkt. Hinter allem Steckt das Ziel Gutes zu tun. Selbst Diktatoren, die mit Gewalt über andere herrschen, tun dies nicht mit einer primär schlechten Absicht. Im Gegenteil, sie verfolgen ein aus ihrem Blickwinkel gutes Ziel.
Da jedes Individuum so einzigartig und auf so einmalige Weise von den Einflüssen des Lebens, einer bestimmten Kultur, Religion, Familie und noch vielen Dingen mehr geprägt ist, müssen die Vorstellungen vom Guten zwangsläufig von einander abweichen. Allerdings sind viele Vorstellungen auch kongruent. Ein möglicher Grund wäre die Moral, die noch übergreifender verbindet als der Einfluss einer bestimmten Gemeinschaft.
Dies klingt alles sehr persönlich, erinnert an Meldungen aus den Nachrichten, an die Werte fremder Kulturen, Lebenswünsche der Menschen die man kennt, das Leben in der eigenen Familie. Überall gibt es das Streben nach einem guten Leben, das viele Differenzen aufweist, aber in seinem Kern einige Ähnlichkeiten birgt.
Diesen Kern in Worte zu fassen, ihn zu einer Formel zu schmelzen, die alle Möglichkeiten der Entfaltung in sich trägt und dennoch die Vorstellung vom Guten fassbar macht, das ist der Anspruch der Theorie des Guten.
Für dieses Vorhaben macht sich John Rawls den hypothetischen Charakter des Urzustandes, zu dem der Schleier des Nichtwissens gehört, zu Nutze. Er enthebt die Urzustandsbewohner sämtlicher Kenntnis über ihre Lebensumstände, zu denen zum Beispiel der gesellschaftliche Stand, die Bildung und berufliche Qualifikation und auch der Wohnort zählen.
Und dennoch: „Menschen wollen glücklich sein, ein gutes Leben führen.“ Subjektivität scheint hier mit Normativem zu konkurrieren.
In der vorliegenden Arbeit wird der Versuch unternommen John Rawls in seiner Entwicklung der Theorie des Guten nach zu folgen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung - Das Gute (im) Leben eines Menschen
I. Begriffsklärung: Theorie - Vorstellung - Auffassung und concept - conception
II. Die Vorstellung des Guten der Urzustandsbewohner
III. Die Theorie des Guten
1. Schwache Theorie - Grundgüter und Lebenspläne
2. Starke Theorie – zum Vernünftigen kommt das Gute
3. Das Gute des Menschen – Hinzunahme der Moral
Schluss – der Mensch ist gut
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht John Rawls' Konzept der „Theorie des Guten“ in seinem Hauptwerk „Eine Theorie der Gerechtigkeit“. Ziel ist es, die Entwicklung dieses Konzepts nachzuvollziehen, zentrale Begriffe zu klären und zu analysieren, wie Rawls das Gute in den Kontext eines wohlgeordneten Urzustands und einer gerechten Gesellschaft einbettet.
- Begriffsbestimmung von Theorie, Vorstellung und Auffassung bei Rawls
- Die Rolle der Urzustandsbewohner und das Konzept der Grundgüter
- Die Differenzierung zwischen der schwachen und der starken Theorie des Guten
- Die Bedeutung vernünftiger Lebenspläne und ihrer rationalen Entscheidungsprinzipien
- Die Erweiterung der Theorie um den Aspekt der moralischen Persönlichkeit
Auszug aus dem Buch
3. Das Gute des Menschen – Hinzunahme der Moral
Bisher wurde die Theorie des Guten nur auf Gegenstände und Lebenspläne angewandt. Bei der Betrachtung des Menschen im Lichte der Theorie des Guten, erweitert Rawls diese um den Begriff der Moral.
In seiner Erklärung, was einen guten Menschen auszeichnet, macht er ihn selbst zum Gegenstand der schwachen Theorie: „Zunächst könnte man eine grundlegende Rolle oder Position, etwa die des Bürgers, festlegen und dann sagen, ein guter Mensch sei einer, der in überdurchschnittlichem Maße die Eigenschaften besitzt, die Bürger vernünftigerweise aneinander wünschen. [...] ein guter Mensch ist einer, der seine verschiedenen Rollen gut erfüllt, vor allem die als wichtiger geltenden. Schließlich könnte es Eigenschaften geben, die man sich vernünftigerweise bei Menschen im Hinblick auf so gut wie alle ihre sozialen Rollen wünscht.“15
Da es sich bei Menschen jedoch nicht um Gegenstände handelt, die hinsichtlich ihrer größtmöglichen Kompatibilität von Eigenschaften ausgesucht werden können, sondern von selbst zu diesen bereit sein müssen, bedarf es der Einführung dieser Richtwerte. Für Rawls sind diese die moralischen Tugenden, welche beinhalten, sich an die Gerechtigkeitsgrundsätze zu halten. „Der Grundgedanke der Theorie der Gerechtigkeit als Fairness – dass die Gerechtigkeitsgrundsätze diejenigen sind, auf die sich vernünftige Menschen in einem ursprünglichen Zustand der Gleichheit einigen würden – bereitet den Weg für die Ausdehnung der Definition des Guten auf die umfassenderen Fragen des moralisch Guten.“16
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung - Das Gute (im) Leben eines Menschen: Diese Einleitung führt in das menschliche Streben nach Glück ein und verdeutlicht Rawls' Anspruch, das Konzept des Guten innerhalb eines hypothetischen Urzustands fassbar zu machen.
I. Begriffsklärung: Theorie - Vorstellung - Auffassung und concept - conception: Dieses Kapitel erläutert die terminologischen Unterschiede und Hierarchien, die Rawls zwischen Begriffen wie Theorie, Vorstellung und Auffassung im Kontext seiner Gerechtigkeitstheorie zieht.
II. Die Vorstellung des Guten der Urzustandsbewohner: Hier wird der Urzustand als ideale Bedingung analysiert, in der Individuen unter dem Schleier des Nichtwissens allgemeingültige Grundsätze für ein gutes Leben entwickeln.
III. Die Theorie des Guten: Dieses Kapitel strukturiert Rawls' Theorie in zwei Stufen: die schwache Theorie der Grundgüter sowie die starke Theorie der vernünftigen Lebenspläne und moralischen Tugenden.
Schluss – der Mensch ist gut: Der Abschluss reflektiert kritisch über Rawls' Menschenbild des rationalen Egoisten und plädiert für eine weitergehende Sicht auf die moralische und soziale Natur des Menschen.
Schlüsselwörter
John Rawls, Theorie der Gerechtigkeit, Theorie des Guten, Urzustand, Schleier des Nichtwissens, Grundgüter, Lebenspläne, vernünftige Entscheidung, Gerechtigkeitsgrundsätze, Moral, Glück, Kontraktualismus, Utilitarismus, moralische Persönlichkeit, Ethik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Konzept des Guten in John Rawls' Werk „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ und untersucht, wie dieses mit seinem Gerechtigkeitsbegriff verknüpft ist.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die Differenzierung zwischen schwacher und starker Theorie des Guten, die Definition von Grundgütern sowie die Bedeutung rationaler Lebenspläne.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, nachzuvollziehen, wie Rawls eine allgemeingültige Theorie des Guten entwickelt, ohne dabei die subjektive Vielfalt menschlicher Lebensvorstellungen zu ignorieren.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Es handelt sich um eine philosophische Textanalyse, die Rawls' Argumentationsstruktur systematisch aufarbeitet und durch Literaturvergleiche kritisch einordnet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Begriffsklärung, die Analyse des Urzustands, die Unterscheidung zwischen schwacher und starker Theorie sowie die Erweiterung des Begriffs um die Moral.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Urzustand, Schleier des Nichtwissens, Grundgüter, vernünftige Lebenspläne und die moralische Dimension des menschlichen Handelns.
Inwiefern ist die Unterscheidung zwischen „schwacher“ und „starker“ Theorie relevant?
Die schwache Theorie definiert die notwendigen Bedingungen (Grundgüter) für alle Lebenspläne, während die starke Theorie bestimmt, welche spezifischen Lebenspläne als vernünftig und damit als „gut“ gelten.
Wie bewertet die Autorin Rawls' Menschenbild?
Die Autorin äußert Skepsis gegenüber Rawls' starkem Fokus auf den Egoismus des Menschen und argumentiert für eine stärkere Berücksichtigung sozialer Gefühle und moralischer Selbstbestimmung.
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- Michaela Kuhn (Author), 2010, Die Theorie des Guten in John Rawls Theorie der Gerechtigkeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/212122