Der Reisebericht Marco Polos über seine Reise zum Hof Kublai Khans und zurück nach Italien gehört zu den bekanntesten Reiseerzählungen der europäischen Literatur. Bereits wenige Jahre nach dem Erscheinen waren viele Abschriften entstanden, von denen etwa 140 Handschriften in verschiedenen Sprachen erhalten sind.1 Allerdings waren viele Leser nicht davon überzeugt, dass Marco Polo die beschriebene Reise tatsächlich unternommen hatte und auch heute noch wird die Authentizität angezweifelt. Dazu beigetragen hat sicherlich, dass er einige wichtige Elemente der chinesischen Kultur nicht beschrieb und dass er von Einhörnern auf der Insel Klein-Jawa berichtete. Skepsis löste auch aus, dass er große Hochachtung vor Kublai Khan hatte und das Leben Buddhas mit dem von Jesus Christus gleichsetzte. Viele kontroverse Punkte aus dem Reisebericht sind bis heute umstritten.
In dieser Arbeit wird zunächst das Leben Marco Polos beschrieben, um die Situation darzustellen, in der sich Marco befand, als er die Reise antrat bzw. diese niederschreiben ließ. Anschließend wird kurz beschrieben, wie sich die Legende von Einhörnern entwickelt hat und welchen Stellenwert diese Fabelwesen in der europäischen Kultur eingenommen haben. Danach wird aufgezeigt, warum sich Marco Polo auf Klein-Jawa aufhielt und wie er in Kontakt mit den Einheimischen geriet, die ihm von den Einhörnern berichteten. Als letztes werden Beispiel dargestellt, wie Marco Polo Religionen und alltägliche Sachverhalte beschrieb und wie er sie bewertete. Dabei geht es vor allem darum, aufzuzeigen, ob der Reisebericht authentisch ist, wie Marco von den Begebenheiten auf der Reise erfuhr und wie seine Mitmenschen dies aufgenommen haben.
Die Literaturlage ist sehr gut, bis heute erscheinen regelmäßig neue Publikationen über den Reisebericht Marco Polos. In den meisten dieser Werke wird die Historizität der Reise Marcos nicht angezweifelt, es erscheinen aber auch kritische Texte. Hauptsächlich wurden in den Publikationen aber die Passagen untersucht, in denen China beschrieben wird, die Rückreise erhielt deutlich weniger Aufmerksamkeit. Relevant ist die Beschäftigung mit Marco deshalb, weil sein Reisebericht auch heute noch oft zitiert wird und einen hohen Bekanntheitsgrad aufweist. Außerdem zeigt die Fülle von Publikationen, auch von neueren, dass die Forschungen über Marco Polo noch nicht abgeschlossen sind.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Der Reisebericht des Marco Polo
2.1 Vorgeschichte
2.2 Reise nach China und Rückreise
2.3 Nach der Reise
2.4 Verschiedene Textfassungen
2.5 Aktueller Forschungsstand
3 Einhörner bei Marco Polo
3.1 Die Entwicklungsgeschichte der Einhörner
3.2 Die Insel Klein-Jawa
3.3 Beschreibung der Einhörner von Klein-Jawa
4 Marco Polos Umgang mit Fremden und Fremdem
4.1 Beschreibung von Religionen
4.2 Beschreibungen des Alltags
5 Das Erfahren von Wissen bei Marco Polo
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Authentizität und die Wissensvermittlung im Reisebericht Marco Polos („Il Milione“), wobei ein besonderer Fokus auf der Beschreibung von Fabelwesen wie Einhörnern und dem Umgang des Autors mit fremden Kulturen und Religionen liegt. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Marco Polo als Fernhändler Erlebtes von Erzähltem unterschied und welchen Einfluss seine Aufzeichnungen auf das mittelalterliche Weltbild hatten.
- Authentizität und Historizität der Reise von Marco Polo
- Die historische Entwicklung des Einhorn-Mythos
- Wahrnehmung und Beschreibung asiatischer Religionen
- Alltagskultur und Sitten in den bereisten Gebieten
- Die Rolle der Textüberlieferung und des Mitautors Rustichello
Auszug aus dem Buch
3.3 Beschreibung der Einhörner von Klein-Jawa
Auf Klein-Java leben viele wilde Elefanten und Einhörner, die kaum kleiner als Elefanten sind. Ihr Fell gleicht jenem der Büffel, und Füße haben sie wie Elefanten. Mitten aus der Stirn wächst das dicke schwarze Horn. Mit dem Horn verletzen sie niemanden, hingegen mit der Zunge, denn diese ist voller langer Stacheln. [Wenn sie jemanden angreifen, dann versetzen sie ihm Stöße mit den Knien, bis er hinfällt, danach verwunden sie ihn mit der Zunge.] Das Einhorn hat einen Kopf wie ein wilder Eber und neigt ihn unverwandt bodenwärts. Mit Vorliebe hält es sich im Morast und im Schlamm auf. Zum Ansehen ist es ausgesprochen hässlich. Diese Tiere haben mit unsern Einhörnern gar nichts gemein, von denen man ja erzählt, sie ließen sich von Jungfrauen einfangen. Von diesen Tieren ist in allen Beziehungen das Gegenteil zu sagen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Bedeutung von Marco Polos Reisebericht ein und skizziert die wissenschaftliche Debatte um dessen Authentizität.
2 Der Reisebericht des Marco Polo: Das Kapitel behandelt die Familiengeschichte, den Ablauf der Reise nach China sowie die Entstehungsgeschichte des Berichts im Gefängnis und den aktuellen Forschungsstand.
3 Einhörner bei Marco Polo: Es wird analysiert, wie sich der europäische Einhorn-Mythos entwickelte und wie Marco Polo durch die Beschreibung einer Nashorn-Art auf Klein-Jawa einen Gegenentwurf dazu lieferte.
4 Marco Polos Umgang mit Fremden und Fremdem: Hier steht die unvoreingenommene, teils bewundernde Beobachtung fremder Religionen und alltäglicher Lebensweisen durch den Autor im Vordergrund.
5 Das Erfahren von Wissen bei Marco Polo: Das abschließende Kapitel resümiert, wie Marco Polos Werk das Wissen der Europäer über Asien vergrößerte und die Wahrnehmung fremder Kulturen nachhaltig beeinflusste.
Schlüsselwörter
Marco Polo, Il Milione, Einhörner, Nashorn, Mittelalter, Reisebericht, Authentizität, China, Klein-Jawa, Religion, Kulturgeschichte, Wissensvermittlung, Rustichello, Fernhandel, Exotik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Reisebericht von Marco Polo mit Fokus auf die Authentizität der Schilderungen und die Art und Weise, wie Marco Polo Wissen über fremde Welten in Europa vermittelte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die historische Einordnung der Reise, der Mythos des Einhorns im Vergleich zum realen Nashorn sowie die neutrale Beschreibung fremder Religionen und Alltagssitten.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Es soll untersucht werden, ob der Reisebericht authentisch ist und wie Marco Polo trotz der Einbettung in populäre literarische Formen seiner Zeit eine neue Sicht auf die Welt ermöglichte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse der bestehenden Forschung zu Marco Polo sowie einem Vergleich zwischen den historischen Beschreibungen im Text und dem heutigen Kenntnisstand.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Reisevorbereitungen, die Entstehung der verschiedenen Textfassungen, die Einhorn-Problematik auf Klein-Jawa und der Umgang mit fremden Religionen in Asien detailliert analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie „Authentizität“, „Kulturtransfer“, „Fabelwesen“ und „Reiseliteratur“ charakterisiert.
Warum wird das Einhorn bei Marco Polo als Nashorn gedeutet?
Aufgrund der detaillierten anatomischen Beschreibung (Dicke Haut, Horn auf der Stirn, Vorliebe für Schlamm) ist für die moderne Forschung eindeutig, dass Marco Polo das Sumatra-Nashorn beschrieb.
Wie unterscheidet sich Marco Polos Sicht auf Religionen von der seiner Zeitgenossen?
Im Gegensatz zu christlichen Missionaren der Epoche beschrieb Marco Polo fremde religiöse Praktiken oft neutral oder sogar mit Bewunderung, ohne sie zwangsläufig nach christlichem Maßstab zu verurteilen.
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- Julian Freche (Author), 2011, Über die Authentizität, Erfahrungen und Rezeption von Marco Polos Reisebericht „Il Milione“, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/211256