Was ist Religion?
Auf eine gewisse Weise bildet diese Frage die Grundlage jeder Religionsphilosophie, da durch die Beantwortung dieser Frage das religionsphilosophische Forschungsgebiet erst umrissen werden kann. Seit der Antike unterliegt der Religionsbegriff einem ständigen Wandel und es hat vielfältige Versuche gegeben, ihn zu definieren beziehungsweise seinen Inhalt zu beschreiben.
Heute, in einer Zeit, die Jürgen Habermas als „postsäkular“ diagnostiziert, gibt es eine breite soziologische Diskussion über eine Wiederkehr der Religion, nachdem in der Phase der Säkularisierung in der 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts allerorten ihr Verschwinden vorausgesagt wurde. Auch um in dieser Diskussion fundiert Stellung nehmen zu können, bedarf es einer Klärung der Frage, was Religion eigentlich ist.
Im Folgenden werde ich kurz die geschichtliche Entwicklung des Religionsbegriffs bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts skizzieren, um dann die aktuelle Diskussion um den Religionsbegriff aufzugreifen und konkret drei strukturelle Definitionsversuche zu beleuchten.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Definition und Bedeutungswandel des Begriffs „Religion“ von der Antike bis ins 20.Jahrhundert
2. Der Religionsbegriff in der Moderne
2.1. Der funktionale und der substanzielle Definitionsansatz
2.2. Verzicht auf eine Definition als Ausweg?
2.3. Der relational-strukturelle Religionsbegriff bei Hans-Joachim Höhn auf der Basis einer existentialpragmatischen Rekonstruktion menschlichen Daseins
2.4. Definition von Religion und religiöser Vernunft bei Thomas Rentsch
2.5. Das Strukturmodell von Religiosität bei Ulrich Oevermann
2.6. Vergleichende Kommentierung der drei Definitionsansätze
3. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit verfolgt das Ziel, eine fundierte Annäherung an eine Definition des Begriffs „Religion“ zu erreichen. Ausgehend von der historischen Entwicklung und der Diskussion in der postsäkularen Moderne untersucht die Arbeit, wie Religion strukturell bestimmt werden kann, ohne in eine rein funktionale oder substanzielle Engführung zu verfallen.
- Historischer Wandel des Religionsbegriffs von der Antike bis zum 20. Jahrhundert.
- Kritik an klassischen funktionalen und substanziellen Definitionsansätzen.
- Analyse des relational-strukturellen Religionsbegriffs bei Hans-Joachim Höhn.
- Untersuchung von Religion im Kontext der „interexistentialen“ Vernunft bei Thomas Rentsch.
- Erläuterung des Strukturmodells von Religiosität nach Ulrich Oevermann.
Auszug aus dem Buch
2.3. Der relational-strukturelle Religionsbegriff bei Hans-Joachim Höhn auf der Basis einer existentialpragmatischen Rekonstruktion menschlichen Daseins
Zunächst erstellt Höhn eine ausführliche Skizze des Strukturgefüges menschlicher Lebensverhältnisse. Er geht von der Erkenntnis aus, dass Menschsein grundsätzlich heißt „in Beziehungen stehen“ und „sich zu diesen Beziehungen verhalten“. Er stellt dar, dass der Mensch in seiner Existenz, als Richtlinien und Grenzen zugleich, vier primäre Bezüge hat. Dabei handelt es sich um das Subjekt selbst, die Zeit, die Gesellschaft und die Natur, die den Menschen umgibt. Grenzen sind sie, weil ihnen ein „limitativer Charakter“ gemein ist. Dieser limitative Charakter liegt in der „Endlichkeit und Bedingtheit des Subjekts, der Erschöpfbarkeit der Lebensressourcen“ (Natur), „der Konkurrenz um deren Nutzung“ (Gesellschaft) „sowie der Ungewissheit künftiger Lebenslagen“ (Zeit).
Jeder Mensch geht mit diesen ihn prägenden Bezügen anders um, „formatiert“ sie nach Höhns Sprachgebrauch unterschiedlich, je nachdem, nach welchen Kriterien er sein Leben leben möchte. Diese Formatierung könnte zum Beispiel den Kriterien der ökonomischen Vernunft folgen. Das hieße dann, man handelt im Umgang mit den vier Grundbezügen immer so, dass man wirtschaftlich gesehen den besten Kosten-Nutzen-Faktor erzielt.
Des Weiteren könnte eine Formatierung den Kriterien der wissenschaftlichen Vernunft folgen. Hier stünde eine Maximierung des Wissens und der Erkenntnis an erster Stelle. Der wissenschaftlichen Forschung dürfen dann keine Grenzen gesetzt werden. Dies kann so weit gehen, dass Forscher es für nötig halten, im Zuge der Genforschung menschliches und tierisches Erbgut zu mischen, wie es aktuell in Großbritannien diskutiert wird.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Die Einleitung umreißt die religionsphilosophische Relevanz der Frage nach dem Religionsbegriff in einer „postsäkularen“ Zeit und legt den Fahrplan der Untersuchung fest.
1. Definition und Bedeutungswandel des Begriffs „Religion“ von der Antike bis ins 20.Jahrhundert: Das Kapitel zeichnet die etymologischen Wurzeln und die begriffliche Entwicklung von „religio“ bis hin zu den existentialphilosophischen Ansätzen des 18. Jahrhunderts nach.
2. Der Religionsbegriff in der Moderne: Dieser Hauptteil analysiert verschiedene moderne Ansätze (Höhn, Rentsch, Oevermann) und diskutiert, warum traditionelle Definitionsversuche oft an ihre Grenzen stoßen.
3. Fazit: Das Fazit resümiert, dass eine absolut trennscharfe Definition unmöglich ist und betont den Wert von Arbeitshypothesen für die religionswissenschaftliche Forschung.
Schlüsselwörter
Religion, Religionsphilosophie, Definition, Relational-struktureller Religionsbegriff, Hans-Joachim Höhn, Interexistentiale, Thomas Rentsch, Strukturmodell von Religiosität, Ulrich Oevermann, Endlichkeit, Daseinsakzeptanz, Säkularisierung, Existentialpragmatik, Bewährungsmythos, Sinnfrage.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Herausforderungen bei der Definition des Begriffs „Religion“ innerhalb der zeitgenössischen Religionsphilosophie.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen den historischen Bedeutungswandel des Religionsbegriffs, die Kritik an funktionalen und substanziellen Ansätzen sowie die moderne strukturelle Religionsanalyse.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Erarbeitung eines relational-strukturellen Verständnisses von Religion, das den heutigen säkularen Herausforderungen gerecht wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine existentialpragmatische Rekonstruktion menschlicher Lebensverhältnisse, um Religionsphänomene zu systematisieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Ansätze von Höhn, Rentsch und Oevermann detailliert gegenübergestellt und ihre Stärken sowie Schwächen bei der Definition religiöser Vollzüge diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den Kernbegriffen gehören Säkularisierung, Relational-struktureller Religionsbegriff, Daseinsakzeptanz, Bewährungsmythos und Interexistentiale.
Wie unterscheidet sich Höhns Ansatz von funktionalen Ansätzen?
Höhn vermeidet die rein funktionale Engführung, indem er Religion nicht nur als bloße Bewältigungsstrategie für Krisen sieht, sondern als eine Beziehung zur Gesamtheit des Lebens unter Berücksichtigung der Endlichkeit.
Warum hält Oevermann das Modell des „Bewährungsmythos“ für wichtig?
Oevermann argumentiert, dass Menschen angesichts der Ungewissheit und Endlichkeit des Daseins einen utopischen Maßstab benötigen, um ihr Leben sinnvoll zu gestalten, was er als säkularisierte Form religiöser Erlösung interpretiert.
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- David Felsch (Author), 2007, Definition des Begriffes „Religion“. Der relational-strukturelle Religionsbegriff bei Hans-Joachim Höhn, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/210089