Mutter ließ Kinder und Säugling tagelang allein Mittwoch, 28. April 2010 17:58
(Berliner Morgenpost)
Die Berliner Polizei hat in einer Marzahner Wohnung drei Kinder vorgefunden, die seit zwei Tagen ohne elterliche Aufsicht waren - darunter ein erst neun Monate alter Säugling. Ihre alleinerziehende Mutter hatte der 13-jährigen Tochter telefonisch die Verantwortung für ihre beiden Geschwister übertragen, jedoch nicht einmal Geld hinterlassen.
Aktuell finden sich in den Medien immer öfter Fälle von Vernachlässigung oder Verwahrlosung von Kindern durch ihre eigenen Eltern. Die Eltern verweigern ihren Kindern Zuwendung, Schutz und Förderung. Die kindliche Entwicklung kann durch ein derartiges Erlebnis nachhaltig beeinflusst werden. Aufgrund einer Vernachlässigung erleiden viele Kinder ein Trauma. Dieses Trauma stellt eine seelische Verletzung dar, welche durch ein oder mehrere einschneidende Erlebnisse entstehen kann. Wenn die betroffene Person in einer derartigen Situation ist, kann dies dazu führen, dass das Erlebnis nicht verarbeitet wird, sondern stattdessen ein Trauma entwickelt wird. (Hausmann, 2006). Fischer und Riedesser (1998, S. 79) verstehen darunter: „... ein vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt“.
Traumatische Erfahrungen in der Kindheit sind oftmals Gewalterfahrungen, wie die Misshandlung, der Missbrauch oder die Vernachlässigung. Diese finden meist durch Bezugspersonen aus der Herkunftsfamilie statt und haben somit Einfluss auf die Bindungsentwicklung des Kindes. Welche Wirkungsweise hat ein derartiges Trauma? Gibt es Möglichkeiten der Therapie und der Intervention? Die Vernachlässigung ist die häufigste Form des traumatischen Erlebens bei Kindern. Es stellt sich hier die Frage, ob diese selbst erlebten Bindungserfahrungen so prägend sind, dass sich dies auf die Erziehung der eigenen Kinder überträgt. Wenn ja, gibt es hier Interventionsmöglichkeiten? Wie kann man diesen Eltern helfen, damit es nicht zu einem „cycle of violence“ (Bender & Lösel, 2005) kommt?
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 THEORETISCHER HINTERGRUND
2.1 TRAUMA
2.1.1 Der Begriff des Traumas
2.1.2 Typen von Traumata
2.1.3 Phasen der Traumatisierung
2.1.4 Das kindliches Trauma und speziell die Vernachlässigung beim Kind
2.2 DIE ENTWICKLUNG DES KINDES UND SEINES BINDUNGSVERHALTENS
2.2.1 Bindung - ein Überblick
2.2.2 Das Bindungsverhalten des Kindes
2.2.3 Die Funktion und die Entwicklungsphasen des Bindungsverhaltens beim Kind
2.2.4 Die Bindungstypen
2.2.5 Die elterliche Bindung und deren Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung
2.3 DIE ENTWICKLUNG DES KINDES BEI EINWIRKUNG EINES TRAUMATISCHEN ERLEBNISSES
2.3.1 Formen von Gewalt an Kindern – Überblick und Klassifikation
2.3.2 Allgemeine Definitionen und statistische Zahlen
2.3.3 Erläuterungen und Diagnostische Einteilungen
2.3.4 Der rechtliche Rahmen in der Bundesrepublik Deutschland
2.3.5 Der Entwicklungsverlauf nach einem traumatischen Erlebnis durch Vernachlässigung
2.3.6 Folgen der Traumatisierung
2.3.7 Fallbeispiele zur Kindesvernachlässigung
FALLBEISPIEL 1:
FALLBEISPIEL 2:
3 DAS TRAUMATISIERTE KIND UND SEINE UMWELT
3.1 SICHERE BINDUNG ALS SCHUTZFAKTOR DER PSYCHISCHEN ENTWICKLUNG
3.1.1 Die Kauai–Längsschnittstudie
3.1.2 Empirische Befunde zur Bedeutung von Bindung
3.2 DIE WIRKUNG INTRA- UND EXTRAFAMILIÄRER FAKTOREN AUF DIE BINDUNGSENTWICKLUNG
4 ZUSAMMENFASSUNG DER ERGEBNISSE
4.1 ZENTRALE ERGEBNISSE IN BEZUG AUF DIE SICHERE BINDUNG ALS SCHUTZFAKTOR
4.2 ZENTRALE ERGEBNISSE DER WIRKUNG INTRA- UND EXTRAFAMILIÄRER FAKTOREN
4.3 EINFLUSSFAKTOREN DER KINDLICHEN ENTWICKLUNG
4.3.1 Risikofaktoren
4.3.2 Schutzfaktoren
4.3.3 Resilienz
4.4 INTERVENTIONSMÖGLICHKEITEN
4.4.1 Die sozialpädagogischen Maßnahmen
4.4.2 Die psychologischen/therapeutische Maßnahmen
4.4.3 Die Elternarbeit
4.5 DIE TRAUMATHERAPIE
4.6 DAS „TRAUMA FIRST“ PROGRAMM
5 DISKUSSION
5.1 KRITISCHE BETRACHTUNG DER ZENTRALEN ERGEBNISSE
5.2 DIE BEDEUTUNG DER MUTTER-KIND-BEZIEHUNG
5.3 BEHANDLUNGSRAHMEN VON TRAUMAFOLGESTÖRUNGEN BEI KINDERN UND JUGENDLICHEN
5.4 RISIKO- UND SCHUTZFAKTOREN: MIKROSOZIALE FAKTOREN VS. MAKROSOZIALE FAKTOREN
5.5 KRITIK AN LÄNGSSCHNITTSTUDIEN- DIE DUNKELFELDANALYSE ALS ALTERNATIVE?
5.6 DIE VEREINBARKEIT DER BINDUNGSBEDÜRFNISSE DER ELTERN VS. DENEN DES KINDES
5.7 AUSBLICK
5.7.1 Sekundäre Traumatisierung
5.7.2 Die Vater-Kind-Bindung
5.8 SCHLUSSWORT
Zielsetzung & Themen
Diese Magisterarbeit untersucht die Auswirkungen traumatischer Kindheitserlebnisse, insbesondere der Vernachlässigung, auf die kindliche Bindungsentwicklung. Dabei steht die zentrale Forschungsfrage im Mittelpunkt, ob sich ein Kind trotz traumatischer Erfahrungen gesund entwickeln kann und welche protektiven Faktoren sowie Interventionen dazu beitragen, eine sichere Bindungsentwicklung zu fördern.
- Wirkungsweise von Traumata auf die kindliche Entwicklung
- Die zentrale Rolle der sicheren Bindung als Schutzfaktor
- Einfluss intra- und extrafamiliärer Faktoren auf die Resilienz
- Interventions- und Therapiemöglichkeiten bei kindlichen Traumafolgestörungen
Auszug aus dem Buch
2.1.2 Typen von Traumata
Ein traumatisches Ereignis kann auf vielfältige Weise hervorgerufen werden, somit ist es notwendig, eine etwas genauere Einteilung vorzunehmen. Traumata lassen sich in drei größere Gruppen klassifizieren. Zum einen gibt es die menschlich verursachten Traumata. Hinzu kommen zufällige Traumata und, bezogen auf die Dauer, wird zwischen kurz- und langfristigen Traumata differenziert. Die menschlich verursachten Traumata beinhalten sexuelle und körperliche Misshandlungen in der Kindheit, kriminelle und familiäre Gewalt, Vergewaltigungen, Kriegserlebnisse, zivile Gewalterlebnisse, Folter und politische Inhaftierung, sowie Massenvernichtung. Unter den zufälligen Traumata versteht man Katastrophen, berufsbedingte Traumata und Unfalltraumata. Damit sind zum Beispiel Naturkatastrophen, technische Katastrophen, Arbeitsunfälle und Verkehrsunfälle gemeint (Maercker, 2003).
Traumatische Ereignisse können von kurzer Dauer oder von längerer Fortdauer sein. Sie lassen sich somit in zwei Typen von Traumata einteilen. Dem Traumatyp I und dem Typ II. Aufgestellt wurde diese Differenzierung durch Terr (1995). Eine Traumatisierung des Typs I ist gekennzeichnet durch eine klare zeitliche Begrenzung. Es handelt sich um ein kurzlebiges Ereignis, welches unerwartet eintritt und akute Lebensgefahr beinhaltet. Dieser Traumatisierungstyp hat einen deutlich erkennbaren Anfang, sowie ein klares Ende. Naturkatastrophen, Unfälle, technische Katastrophen und kriminelle Gewalttaten wie Überfälle werden hier eingeordnet. Eine Traumatisierung nach Typ II ist gekennzeichnet durch Einzelereignisse, die sich entweder wiederholen, fortlaufen oder mehrmalig auftreten. In solchen Fällen scheint es auch nicht möglich zu sein, einen gewissen Rahmen des Geschehens vorher zu sagen. Im Zuge dieser Ereignisse kann es zu Prozessen der Anpassung kommen. Denn die betroffene Person versucht, die traumatische Situation für sich selbst erträglich zu machen, sowohl auf der Gefühlsebene, als auch auf der Verhaltensebene. Folgen, die eine solche Art der Traumatisierung mit sich zieht, sind zumeist viel tiefgründiger. Besonders problematisch kann es also werden, wenn ein traumatisches Erlebnis bereits in frühester Kindheit stattfindet, denn die weitere Entwicklung des Kindes kann hierdurch stark beeinflusst werden (Hausmann, 2006).
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Einführung in die Thematik der Kindesvernachlässigung und Definition des Forschungsgegenstands sowie der Zielsetzung.
2 THEORETISCHER HINTERGRUND: Umfassende theoretische Auseinandersetzung mit dem Traumabegriff, der kindlichen Bindungsentwicklung und den spezifischen Auswirkungen von Vernachlässigung.
3 DAS TRAUMATISIERTE KIND UND SEINE UMWELT: Untersuchung der Bedeutung von sicherer Bindung und externen Faktoren für die psychische Widerstandsfähigkeit traumatisierter Kinder.
4 ZUSAMMENFASSUNG DER ERGEBNISSE: Zusammenführung der Erkenntnisse über Schutzfaktoren, Resilienz und die Effektivität verschiedener Interventions- und Therapiekonzepte.
5 DISKUSSION: Kritische Reflexion der Ergebnisse, Bedeutung der Bindung, Behandlungsansätze sowie Ausblick auf zukünftigen Forschungsbedarf.
Schlüsselwörter
Traumatisierung, Kindesvernachlässigung, Bindungstheorie, Resilienz, Schutzfaktoren, Psychische Entwicklung, Traumatherapie, Kindeswohl, Bindungsstörungen, Kindheit, Längsschnittstudien, Posttraumatische Belastungsstörung, Prävention, Elternarbeit, Psychosoziale Faktoren
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Auswirkungen von traumatischen Ereignissen, speziell Vernachlässigung, auf die kindliche Entwicklung und die Bindungsfähigkeit.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf der Bindungstheorie, der Bedeutung von Schutzfaktoren für die Resilienz und den verschiedenen Formen der Gewaltanwendung gegen Kinder.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu klären, unter welchen Bedingungen sich ein traumatisiertes Kind gesund entwickeln kann und welche Rolle unterstützende Bezugspersonen dabei spielen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine fundierte Literaturanalyse, wertet Längsschnittstudien aus und diskutiert aktuelle Forschungsergebnisse sowie Interventionsmodelle.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung zu Trauma und Bindung, die Analyse von Risiko- und Schutzfaktoren sowie die Erörterung konkreter therapeutischer und pädagogischer Interventionsmöglichkeiten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Resilienz, Vernachlässigung, Bindungstheorie, Kindeswohl, Schutzfaktoren und die Wirksamkeit von therapeutischen Ansätzen.
Welche Rolle spielen alternative Bezugspersonen für ein traumatisiertes Kind?
Die Arbeit kommt zu dem Ergebnis, dass eine sichere Bindung zu einer Bezugsperson außerhalb der Herkunftsfamilie als entscheidender Schutzfaktor fungieren und die traumatischen Erfahrungen kompensieren kann.
Wie bewertet die Autorin das "Trauma First" Programm?
Das Programm wird als innovativer, neuer Ansatz hervorgehoben, da es gezielt ambulante Strukturen nutzt und eine interdisziplinäre Kooperation, etwa durch die Einbindung von Kinderärzten, fördert.
- Quote paper
- Nadine Kaika (Author), 2010, Traumatisierung in der Kindheit, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/209249