Friedrich Schiller (1759-1805) gilt als der große deutsche Dramatiker der Klassik, der
‘deutsche Shakespeare’, der in seinen Dramen das Subjekt in tragischer Zerrissenheit mit
Geschichte und Weltpolitik betrachtet. Schiller stammt von einem alteingesessenen,
schwäbischen Bauern- und Bürgertum ab. Geboren ist er in Marbach am Neckar,
aufgewachsen als zweites von insgesamt fünf Kindern mit einer frommen Mutter und
einem soldatisch strengen Vater in Lorch und Ludwigsburg. Sein erster Berufswunsch war
Pfarrer.
Aus dem Erlebnis der Freundschaft und einem „glühenden Freiheitswillen“ heraus
entstand das erste Drama: Die Räuber (1781). Das Stück spielt Mitte des 18. Jahrhunderts
und erstreckt sich über einen Zeitraum von ca. anderthalb Jahren. Dem Mannheimer
Theaterdirektor von Dalberg schien der revolutionäre Gehalt des Stücks so gefährlich, so
dass er es in die Zeit um 1495 verlegte und die Schauspieler in Ritterkostümen auftreten
ließ. Das Stück wurde ein großer Erfolg – wegen der großen Gefühle, die hier gezeigt
wurden. Hinderer sieht Schillers Erstlingswerk als Wiederspiegelung der problematischen
Erfahrungen Schillers in der Karlsschulzeit.
Die Räuber gelten als ein Drama des Sturm und Drang, insbesondere wegen der typischen
Motive – feindliche Brüder, Autorität des Vaters – und der wilden, kraftvollen,
pathetischen Sprache. Der Sturm und Drang wird heute als späte Phase der Aufklärung
gesehen, die vom Philosophen Immanuel Kant und dem Dichter Gotthold E. Lessing
entscheidend geprägt wurde: Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, statt sich
auf Autoritäten zu berufen (Kant), und allmähliche Befreiung des Bürgertums vom Adel
(Lessing, z.B. in Emilia Galotti) gelten als großartige Strömungen der Aufklärung. Darauf
baut man im Sturm und Drang auf, verzichtet auf die Überbetonung des Verstands und
fordert die Macht des Gefühls. Dem Verstand (Franz) werden Herz, Gefühl, Ahnung und
Trieb (Karl) gegenübergestellt.
Die tragischen Helden der Epoche müssen feststellen, „dass ihr innerer Drang, die Welt im Sinne größerer Menschlichkeit und
Gerechtigkeit zu verändern, im praktischen Leben scheitern muss.“ Der Idealist Karl und der Materialist Franz in den Räubern begehren beide gegen die
väterliche Autorität auf, sie streben nach totaler Freiheit und scheitern beide. Die beiden
ungleichen Brüder sollen im Folgenden auf ihre Beziehung mit dem Vater untersucht
werden, da beide durch den Verlust des Vaters (physisch bzw. emotional gesehen) geprägt
werden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Die feindlichen Brüder
1.1 Karl Moor
1.2 Exkurs: Lacans Spiegelstadium
1.3 Franz Moor
2. Die Vater-Sohn-Beziehung
2.1 Exkurs: Freuds Ödipuskomplex
2.2 Das Über-Ich als Denkmal des Vaters
2.3 Der Verlust des Vaters
2.4 Exkurs: Schiller als Hölderlins ‘Vater’
3. Die Autorität des Vaters
3.1 Schillers Vater
3.2 Schillers ‘Vaterersatz’
3.3 Schillers Lehrer
3.4 Der alte Moor
3.5 Der verlorene Sohn
Resumée
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Vater-Sohn-Beziehung und den Kampf gegen die väterliche Autorität in Schillers Drama "Die Räuber" vor dem Hintergrund psychoanalytischer Ansätze und epochentypischer Merkmale des Sturm und Drang.
- Analyse der ungleichen Brüder Karl und Franz Moor im Kontext ihrer Vaterbeziehung.
- Anwendung psychoanalytischer Konzepte (Ödipuskomplex, Spiegelstadium, Über-Ich) auf die Dramenfiguren.
- Untersuchung der Rolle der väterlichen Autorität im familiären und gesellschaftlichen Gefüge.
- Reflektion biographischer Einflüsse auf Schillers Darstellung von Vaterfiguren und Erziehern.
- Kontrastierung von Sturm und Drang, Aufklärung und Rationalismus in den Charakteren.
Auszug aus dem Buch
1.1 Karl Moor
Karl ist der Erstgeborene, vom Vater bevorzugt, warmherzig und edel. Er zeigt sich schwärmerisch und idealistisch und ist „durch entsprechende Literatur [Plutarch] zum Rebellen gegen seine Zeit geworden und von phantastischen Erneuerungsgedanken beseelt“. Der Lieblingssohn des über die Maßen geliebten Vaters wird auf einmal dessen Todfeind, da er von ihm einen (vermeintlichen) Verstoßungsbrief enthält. In einer Art Trotz- und Racheaktion gegen seinen Vater wird aus dem Leipziger Studenten ein Räuberhauptmann.
Die heimtückische Intrige des Zweitgeborenen drängt sich zwischen den wartenden Vater und den auf Vergebung hoffenden Karl. Karl fühlt sich seines Existenzgrundes (seines Vaters) beraubt und wird dadurch zum Gewalttäter und Menschenhasser. Aus dem gestörten Vater-Verhältnis schließt er auf den chaotischen Zustand der ganzen Welt:
Ist das Vatertreue? Ist das Liebe für Liebe? […] Oh ich möchte den Ozean vergiften, dass sie den Tod aus allen Quellen saufen! […] Ich habe keinen Vater mehr, ich habe keine Liebe mehr […]! Oh ich will mir eine fürchterliche Zerstreuung machen – es bleibt dabei, ich bin euer Hauptmann! (I, 2)
Dies ist eine ‘Zerstreuung’ mit schwerwiegenden Folgen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in Schillers Leben und das Drama "Die Räuber" als Werk des Sturm und Drang, geprägt durch die Motive der feindlichen Brüder und der väterlichen Autorität.
1. Die feindlichen Brüder: Untersuchung der Charaktere Karl und Franz Moor sowie deren psychologischer Spaltung und Identitätskonflikte unter Verwendung von Lacans Spiegelstadium.
2. Die Vater-Sohn-Beziehung: Psychoanalytische Betrachtung des Vaterbildes als Medaille mit zwei Seiten und die Rolle der Adoleszenz bei der Loslösung von väterlichen Instanzen.
3. Die Autorität des Vaters: Analyse der realen und symbolischen Vaterfiguren in Schillers Leben sowie des alten Moors im Drama und der Parallelen zum Gleichnis vom verlorenen Sohn.
Resumée: Zusammenfassende Betrachtung der unterschiedlichen Scheiterensweisen der Brüder und der Wiederherstellung der sittlichen Weltordnung durch Karls Reue.
Schlüsselwörter
Friedrich Schiller, Die Räuber, Sturm und Drang, Vater-Sohn-Beziehung, Psychoanalyse, Ödipuskomplex, Über-Ich, väterliche Autorität, Karl Moor, Franz Moor, Identitätsbildung, Aufklärung, Vaterersatz, Schuldgefühl, Moral.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die psychologische und soziale Dynamik zwischen den Brüdern Moor und ihrem Vater in Schillers erstem Drama "Die Räuber".
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die Themen Verrat, narzisstische Kränkung, der Kampf gegen Autoritäten, die moralische Entwicklung des Individuums und die Wirksamkeit von Erziehung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Untersuchung, wie der Verlust oder die gestörte Beziehung zum Vater bei Karl und Franz Moor deren Handeln sowie deren Rebellion gegen die gesellschaftliche Ordnung bestimmt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es werden literaturwissenschaftliche Analysen mit psychoanalytischen Theorien, insbesondere von Freud und Lacan, verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Charakteranalyse der Brüder, die psychoanalytische Deutung der Vater-Sohn-Bindung sowie eine biographisch-historische Einordnung von Schillers eigenem Vater- und Lehrerverhältnis.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Sturm und Drang, Vaterautorität, Psychoanalyse, moralische Integrität und familiäre Intrige.
Welche Rolle spielt Lacans Spiegelstadium für die Interpretation der Brüder?
Es dient als theoretisches Modell, um die Identitätskrise und die narzisstische Spaltung der beiden Brüder als Versuch der Identitätsbildung durch Projektion und Abgrenzung zu erklären.
Warum wird das Stück als "Tragödie des verlorenen Vaters" bezeichnet?
Weil das Stück die Erwartungen des Vaters, der vergeblich auf die Rückkehr seines Sohnes hofft, in Kontrast zum realen, tragischen Verlust durch die Intrigen Franz' stellt.
- Arbeit zitieren
- Nina Jeanette Hofferberth (Autor:in), 2007, Die feindlichen Brüder im Kampf gegen die väterliche Autorität in Schillers "Die Räuber", München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/209156