Das Deutschland des 21. Jahrhunderts wird häufig als Dienstleistungs- oder Wissensgesellschaft bezeichnet. Dienstleistungen dominieren die Anteile an der gesamten Beschäftigung und dem Bruttoinlandsprodukt. Die Bedeutung des produzierenden Gewerbes im Sinne seiner Definition hat in den vergangenen Jahren deutlich an Bedeutung verloren. So lag dessen Anteil ohne Baugewerbe am Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2011 bei 25,60%, während der Anteil der Land- und Forstwirtschaft sowie der Fischerei 1% betrug. Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts herrschte eine andere Situation. Zwar war Deutschland zu diesem Zeitpunkt keine reine Agrargesellschaft mehr, aber es ist davon auszugehen, dass zu diesem Zeitpunkt zwischen zwei Drittel und drei Viertel der Bevölkerung vornehmlich in der Landwirtschaft Beschäftigung fanden. Keine 100 Jahre später waren bereits mehr Menschen im produzierenden Gewerbe als in der Landwirtschaft tätig.
Vor diesem Hintergrund thematisiert die folgende Arbeit das produzierende Gewerbe in Deutschland mit dem Ziel, einen Überblick über dessen bemerkenswerte Entwicklung von der Industrialisierung bis zur Gegenwart zu verschaffen. Zudem soll die gesamtwirtschaftliche Bedeutung der Entwicklungsprozesse dargestellt werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Zur Relevanz des produzierenden Gewerbes
1.1 Gegenstand und Ziel der Arbeit
1.2 Aufbau der Arbeit
2. Definition und Abgrenzung
2.1 Produzierendes Gewerbe
2.2 Industrialisierung versus industrielle Revolution
2.3 Kennzeichen der Industrialisierung
3. Weg zur industriellen Dienstleistungsgesellschaft
3.1 Rahmenbedingungen um 1800
3.2 Determinanten der Entwicklung
3.3 Phase der Hochindustrialisierung
3.4 Industrienation in der Zeit von 1914 bis in die 1970er Jahre
3.5 Sektoraler Wandel
3.6 Entwicklung des produzierenden Gewerbes im 21. Jahrhundert
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit verfolgt das Ziel, einen umfassenden Überblick über die Entwicklung des produzierenden Gewerbes in Deutschland von der Zeit der Industrialisierung bis in die Gegenwart zu geben und dabei dessen gesamtwirtschaftliche Bedeutung im Wandel der Zeit aufzuzeigen.
- Historische Einordnung der Industrialisierung und ihrer Rahmenbedingungen
- Analyse der strukturellen Veränderungen in verschiedenen Epochen
- Untersuchung des sektoralen Wandels von der Agrar- zur Dienstleistungsgesellschaft
- Betrachtung der Rolle forschungsintensiver Industrien
- Synergien zwischen Industrie und Dienstleistungssektor
Auszug aus dem Buch
3.1 Rahmenbedingungen um 1800
Zum Ende des 18. Jahrhunderts war das heutige Deutschland ein Konglomerat bestehend aus einer Vielzahl territorialer Herrschaftseinheiten. Zahlreiche Zoll- und Mautlinien erschwerten den gebietsübergreifenden Handel (vgl. Kiesewetter 2004, S. 31). Grund- und Gutsherrschaft behinderten wirtschaftliche Entwicklungen in der Landwirtschaft. Diese Rahmenbedingungen hatten insbesondere im Agrarsektor eine subsistenzwirtschaftliche Produktionsstruktur zur Folge (vgl. Hahn 2011, S. 6). Im Handwerk wurden liberale Strukturen und Innovationen durch die Zünfte unterdrückt (vgl. ebd., S. 6). Jenen entwicklungshemmenden Faktoren ist jedoch ein hohes wirtschaftliches Entwicklungspotenzial in Form eines in Relation zu anderen Volkswirtschaften modernen Bildungssystems sowie eines entwickelten Verwaltungsapparats und ein hoher Grad an Rechtssicherheit gegenüberzustellen. Auch die Existenz von Städten, deren Bürger über ein ausgeprägtes kaufmännisches und gewerbliches Wissen verfügten, sowie das im internationalen Vergleich technisch weiter entwickelte Gewerbe sind hier zu nennen (vgl. ebd., 2011, S. 7).
Dennoch war um 1800 die Bedeutung des gewerblichen Sektors gegenüber der Landwirtschaft gering. Wie eingangs erwähnt war die deutliche Mehrheit der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft beschäftigt, während etwa 21 % im Gewerbe und der Rest im Dienstleistungsbereich Beschäftigung fand. Innerhalb des gewerblichen Sektors waren 82 % der Beschäftigten in der Textilindustrie tätig, wobei das Leinengewerbe den Schwerpunkt bildete (vgl. Pierenkemper 2007, S. 5 f.). Franklin Mendels definierte in seiner 1969 verfassten Dissertation diesen Zustand als Protoindustrialisierung, worunter eine vorindustrielle Industrie zu verstehen ist. Kennzeichnend hierfür ist der Einsatz ländlicher Arbeitskräfte in für überregionale und internationale Märkte in Massenproduktion produzierenden Heimgewerben (vgl. Hahn 2011, S. 68; vgl. Cerman/Ogilvie 1994, S. 9). Zur gleichen Zeit war in England, welches nach herrschender Meinung als das Geburtsland der modernen Industrie bezeichnet werden kann, bereits ein Entwicklungsprozess im Gang, der unter dem Terminus industrielle Revolution bekannt wurde (vgl. Hansmann 2006, S. 12).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Zur Relevanz des produzierenden Gewerbes: Einleitung in die Thematik unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen Bedeutung des produzierenden Sektors im Vergleich zum Dienstleistungssektor in Deutschland.
2. Definition und Abgrenzung: Klärung und Einordnung der zentralen Begriffe Industrialisierung und industrielle Revolution unter Verzicht auf eine strikte zeitliche Datierung.
3. Weg zur industriellen Dienstleistungsgesellschaft: Detaillierte historische Analyse der Entwicklung von 1800 bis in das 21. Jahrhundert, inklusive der Einflussfaktoren und strukturellen Verschiebungen.
4. Schlussbetrachtung: Zusammenfassende Reflektion der industriellen Entwicklung und kritische Würdigung der Begriffe Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft.
Schlüsselwörter
Industrialisierung, produzierendes Gewerbe, Dienstleistungsgesellschaft, Strukturwandel, industrielle Revolution, Protoindustrialisierung, forschungsintensive Industrien, Wertschöpfung, Beschäftigungsentwicklung, Produktivität, Mechanisierung, Sektoraler Wandel, Deutschland, Wirtschaftsentwicklung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die historische Entwicklung des produzierenden Gewerbes in Deutschland vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis in das 21. Jahrhundert.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind der strukturelle Wandel der Sektoren, die Bedingungen der Industrialisierung sowie das Wechselverhältnis zwischen Industrie und Dienstleistungssektor.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, einen fundierten Überblick über die bemerkenswerte Entwicklung des produzierenden Gewerbes zu verschaffen und dessen ökonomische Bedeutung für Deutschland darzustellen.
Welche wissenschaftliche Methodik wurde angewandt?
Es handelt sich um eine literaturbasierte Analyse, welche bestehende wirtschaftshistorische Theorien und statistische Daten zur Sektorenentwicklung zusammenführt und interpretiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Definition der Begriffe, eine Darstellung der Rahmenbedingungen um 1800 sowie eine chronologische Analyse der Entwicklungsphasen bis hin zur modernen "industriellen Dienstleistungsgesellschaft".
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich primär durch Begriffe wie Industrialisierung, Sektoraler Wandel, produzierendes Gewerbe und Dienstleistungsgesellschaft beschreiben.
Wie definiert der Autor das Konzept der "Protoindustrialisierung"?
Der Autor bezieht sich auf die Definition von Franklin Mendels, die vorindustrielle Produktionsformen beschreibt, bei denen ländliche Arbeitskräfte für überregionale Märkte in Massen produzierten.
Warum stellt der Autor die Bezeichnung "Dienstleistungsgesellschaft" in Frage?
Der Autor argumentiert, dass diese Bezeichnung den massiven Beitrag der Industrie zur Wertschöpfung und die symbiotische Verzahnung von Industrie und Dienstleistung nicht ausreichend würdigt.
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- Timo Barth (Author), 2012, Die Entwicklung des produzierenden Gewerbes seit der Industrialisierung bis zur Gegenwart , Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/209046