In der vorliegenden Arbeit sollen die unterschiedlichen Natur- und Landschaftsbilder in Jean-Jacques Rousseaus Julie ou La Nouvelle Heloïse1 auf ihre Ästhetik, sowie Funktion und Wirkungsweise als Rückzugsorte untersucht werden. Besonders hervorgehoben werden sollen das (Hoch-)Gebirge sowie die Gartengestaltung von Julies Elysée-Garten, die aufgrund von ausreichend Material im Primärtext ausgiebig analysiert werden können.2
Ziel dieser Arbeit soll die Beantwortung der Frage sein, wie Natur durch die einzelnen Figuren des Romans ästhetisch dargestellt wird, was sich die Figuren des Romans mit ihrem Aufenthalt in der Natur erhoffen, ob sie die Natur ihretwillen betrachten oder sie doch nur als eine Reflexionsmöglichkeit ihrer eigenen innersten Gefühle benötigen. Außerdem soll grundlegend dargestellt werden, wie bedeutsam die Natur für das Gesamtkonzept des Romans ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ästhetik, Landschaft und Garten
3. Landschaften der Rückzugsorte
3.1 Gebirge
3.1.1. Das Haut-Valais
3.1.1.1. Beschreibung der Landschaft
3.1.1.2. Natürliche Gesellschaften der Gebirgslandschaft
3.1.1.3. Stilistische Mittel zur Landschaftsbeschreibung
3.1.1.4. Bedeutung als Rückzugsort
3.1.2 Meillerie
3.1.2.1. Saint-Preux' erster Aufenthalt in Meillerie
3.1.2.2. Saint-Preux' zweiter Aufenthalt in Meillerie
3.1.2.3. Stilistische Mittel zur Landschaftsbeschreibung
3.1.2.4. Bedeutung als Rückzugsort
3.1.3 Das Gebirge als Rückzugsort...
3.2 Garten
3.2.1. Elysée-Garten
3.2.1.1. Die Atmosphäre von Clarens
3.2.1.2. Konzeption und Ästhetik
3.2.1.3. Ein Ort im Jenseits
3.2.1.4. Natürliche Gesellschaften im Garten
3.2.1.5. Stilistische Mittel zur Landschaftsbeschreibung
3.2.1.6. Bedeutung als Rückzugsort
4. Natur und Landschaft im Roman
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Ästhetik, Funktion und Wirkung von Natur als Rückzugsort in Jean-Jacques Rousseaus Roman "Julie ou la Nouvelle Héloïse", mit einem Fokus auf das Hochgebirge und den Elysée-Garten.
- Ästhetische Wahrnehmung und Darstellung von Landschaft im 18. Jahrhundert.
- Die psychologische und therapeutische Funktion von Natur als Rückzugsort für die Protagonisten.
- Vergleichende Analyse des Hochgebirges (Haut-Valais, Meillerie) und des künstlich gestalteten Elysée-Gartens.
- Die Rolle der Subjektivität bei der Naturbetrachtung und Landschaftsbeschreibung.
- Die Bedeutung der Natur für das Gesamtkonzept und die Gefühlswelt der Romanfiguren.
Auszug aus dem Buch
3.1.2.4 Bedeutung als Rückzugsort
In Meillerie hat Saint-Preux komplett gegensätzliche Naturerfahrungen. Meillerie ist zum einen der Ort der Hoffnung, während des Wartens auf die Erlaubnis seiner Rückkehr als auch beim zweiten Besuch das Hoffen auf Julies alte Gefühle. Hier erfüllt sich die nach Zimmermann „mnemotechnische Funktion“ der Natur, die das Individuum an die (glückliche) Vergangenheit (der eigenen Person) erinnert. Die zunächst nicht eintretende Erlaubnis zur Wiederkehr und die spätere stumme Ablehnung Julies bewirken eine sich verändernde Umgebungswahrnehmung.
Wo im ersten Brief noch wenig über den herbstlichen Ort zu erfahren ist, strotzt der zweite nur so von Kontrasten. Schien der Ort damals noch ein trüber Spiegel einer traurigen Seele zu sein, erscheint diese Gegend für Saint-Preux nun verändert. Das etwas heitere und vor allem wilde Landschaftsbild kollidiert nun extrem mit seiner Traurigkeit. Es ist kein so vollständiges Landschaftsbild wie es das über das Haut-Valais ist, dennoch ist hier die Bedeutung des Seelenzustandes des beschreibenden Subjekts von großer Wichtigkeit. Denn: „La beauté de la nature fait naître des sentiments […].“
Die Natur zeigt sich wild, während sie im ersten Brief noch düster und dumpf wirkte. Vielleicht ist auch das ein Grund, weshalb Saint-Preux sich zu verzweifelten Gefühlsausbrüchen hinreißen lässt: „L'âme sensible ne se contente pas de sentir, elle fait paraître qu'elle sent.“
Das Gebirge als Landschafts- und Rückzugsort wirkt hier als Ort der Vergangenheit. Weit oben, alles beobachtend und in all den verbotenen Gefühlen schwelgend, war es einst ein verlockender Ort, abgeschieden und voller Hoffnung, traurig und dunkel wie Saint-Preux selbst. Rousseau hat hier in eindrucksvoller Weise gezeigt, dass Natur, vor allem das Gebirge, auf den Seelenzustand eines empfindsamen Menschen einwirken kann und sich für den Leser dabei trotz fast mangelhafter Beschreibungen der Beschaffenheit der Umgebung ein zunächst düsteres, dann aufhellendes Landschaftsbild ergeben kann. Hier „wird Natur weniger um ihrer selbst willen betrachtet und geschildert; sie dient vielmehr als Spiegel der Gefühle und der Seele.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung stellt die Fragestellung nach der Ästhetik und Funktion von Natur als Rückzugsort in Rousseaus Roman vor und definiert den methodischen Rahmen der Untersuchung.
2 Ästhetik, Landschaft und Garten: Das Kapitel grenzt die Themenbereiche Ästhetik und Landschaft im 18. Jahrhundert ein und analysiert die Bedeutung der Briefform für die subjektive Darstellung von Naturerlebnissen.
3 Landschaften der Rückzugsorte: Dieser Hauptteil analysiert detailliert die Darstellung des Hochgebirges (Haut-Valais, Meillerie) sowie des Elysée-Gartens hinsichtlich ihrer Funktion als Rückzugsorte und ihrer ästhetischen Gestaltung.
4 Natur und Landschaft im Roman: Das abschließende Kapitel fasst die Bedeutung der Natur als Spiegel der Seele und als essenzielles Element für das psychische Wohlbefinden der Romanfiguren zusammen.
Schlüsselwörter
Jean-Jacques Rousseau, Julie ou la Nouvelle Héloïse, Ästhetik, Landschaft, Rückzugsort, Hochgebirge, Elysée-Garten, Naturerlebnis, Subjektivität, Aufklärung, Briefroman, Seelenzustand, Landschaftsgarten, Alpen, Gefühlswelt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die ästhetische Gestaltung und die Funktion von Naturlandschaften (speziell Hochgebirge und Gärten) als Rückzugsorte für die Charaktere in Jean-Jacques Rousseaus Roman "Julie ou la Nouvelle Héloïse".
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von Mensch und Natur im 18. Jahrhundert, die subjektive ästhetische Wahrnehmung der Landschaft, die therapeutische Funktion von Abgeschiedenheit sowie der Einfluss von Gesellschaftszwängen auf das Individuum.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu klären, wie die Figuren des Romans Natur ästhetisch darstellen, welche Funktion diese Orte für sie erfüllen und ob sie die Natur um ihrer selbst willen oder primär als Spiegel ihrer inneren Gefühle betrachten.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Textanalyse des Primärtextes unter Einbeziehung literaturwissenschaftlicher Fachliteratur zu Landschaftsbeschreibung, Ästhetik und der Bedeutung der Natur im Werk von Rousseau.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden detailliert das Haut-Valais, Meillerie und der Elysée-Garten analysiert, wobei jeweils auf die Landschaftsbeschreibung, die Darstellung natürlicher Gesellschaften, verwendete stilistische Mittel und die Bedeutung als Rückzugsort eingegangen wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Rousseau, Ästhetik, Rückzugsort, Landschaft, Hochgebirge, Elysée-Garten, Subjektivität und Seelenzustand charakterisiert.
Warum spielt die Form des Briefromans für das Thema eine wichtige Rolle?
Die Briefform ermöglicht eine extreme Fokalisierung auf das schreibende Subjekt, wodurch Naturerlebnisse unmittelbarer, subjektiver und emotionaler dargestellt werden können, was der zentralen These der subjektiven Naturbetrachtung entspricht.
Was macht den Elysée-Garten zu einem so besonderen Ort im Roman?
Der Elysée-Garten ist ein komplexer, hermetisch abgeschlossener Ort, der eine "natürliche" Umgebung imitiert, dabei aber durch den Menschen gezähmt und gestaltet ist. Er dient als Spiegelbild von Julies Seele und als Ort der Verarbeitung ihrer Vergangenheit.
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- Franziska Reinsberg (Author), 2010, Orte des Rückzugs in Jean-Jacques Rousseaus "Julie ou la Nouvelle Héloise", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/208850