Inhalt
„Es gibt nichts, was so verheerend ist wie ein rationales Anlegerverhalten in einer irrationalen Welt.”
John Maynard Keynes (1883-1946)
Schon früh übte der britische Nationalökonom John Maynard Keynes augenscheinlich Kritik an einem Kernpunkt der erst später aufkommenden Klassischen Kapitalmarkttheorie. Diese basiert auf stets rational handelnden Marktteilnehmern in einer völlig effizienten Welt. Ob diese modell-theoretischen Annahmen für die aktuellen Kapitalmärkte weiterhin Gültigkeit besitzen, sei angezweifelt. Inwiefern die sogenannte Behavioral Finance hierbei einen alternativen Ansatz zur Berücksichtigung dieser Irrationalitäten darstellen kann, werde ich im ersten Abschnitt meiner Arbeit diskutieren.
Betrachtet man nun die anormal hohe Januarrendite für das Jahr 2012 (DAX +9.50%) und berücksichtigt man die aktuelle Berichterstattung der Medien über die an den Kapitalmärkten als besonders schlechte Perioden geltende Sommermonate, liegt es nahe, sich der Bedeutung von kalendarischen Anomalien für Investoren bewusst zu werden. Ich werde im empirischen Teil meiner Arbeit den Datensatz auf das Vorliegen und der Persistenz eines Januar-Effekts und eines sog. Halloween-Effekts untersuchen. Dies ist insbesondere interessant, da sich der Januar-Effekt in der bestehenden Literatur als nicht persistent, der Halloween-Effekt jedoch als persistent und somit weiterhin als Puzzle erweist.
Die weitere Vorgehensweise der Arbeit baut sich wie folgt auf: In Kapitel 2 wird ein theoretischer Überblick über die klassische Kapitalmarkttheorie und die Behavioral Finance gegeben. Anschließend werden in Kapitel 3 spezielle Formen von kalendarischen Anomalien erörtert. Kapitel 4 umfasst die Beschreibung der Datengrundlage sowie der angewandten Methoden. In Kapitel 5 werden die Ergebnisse der empirischen Untersuchung wiedergegeben und auf Robustheit überprüft. Kapitel 6 fasst die empirischen Resultate zusammen und gibt einen kurzen Ausblick.
Inhaltsverzeichnis
1 Inhalt
2 Kapitalmarkttheorien
2.1 Klassische Kapitalmarkttheorie
2.1.1 Rationalitätskonzept
2.1.2 Effizienzmarkthypothese
2.1.3 Kritik an klassischer Kapitalmarkttheorie
2.2 Behavioral Finance
2.2.1 Quasirationalität
2.2.2 Limitierte Arbitrage
3 Kalendarische Anomalien
3.1 Day-of-the-Week-Effekt
3.2 Holiday-Effekt
3.3 Turn-of-the-Month-Effekt
3.4 Januar-Effekt
3.5 Halloween-Effekt
4 Daten und Methoden
4.1 Daten
4.2 Methoden
5 Empirische Ergebnisse
5.1 Turn-of-the-Year-Effekt oder Effekte?
5.1.1 Ergebnisse des Januar-Effekts für DM-Indizes
5.1.2 Prüfung auf zeitliche Persistenz
5.1.3 Januar-Effekt für EM-Indizes
5.1.4 Dezember-Effekt?
5.2 Halloween-Effekt
5.2.1 Ergebnisse für DM-Indizes
5.2.2 Prüfung auf zeitliche Persistenz
5.2.3 Ergebnisse für EM-Indizes
5.2.4 Berücksichtigung von Ausreißern
5.3 Gegenseitige Beeinflussung der Effekte
6 Schlussfolgerungen
7 Anhang
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung von kalendarischen Anomalien für Aktienanalysen. Ziel ist es, unter Anwendung empirischer Methoden das Vorliegen und die Persistenz des Januar-Effekts sowie des Halloween-Effekts auf globaler Ebene zu analysieren und dabei kritisch zu hinterfragen, ob diese Muster im Einklang mit der Effizienzmarkthypothese stehen oder eine Abkehr hiervon rechtfertigen.
- Kritische Analyse der klassischen Kapitalmarkttheorie im Vergleich zur Behavioral Finance.
- Empirische Untersuchung des Januar-Effekts und seiner zeitlichen Persistenz.
- Überprüfung der Signifikanz und Robustheit des Halloween-Effekts anhand globaler Marktindizes.
- Analyse potenzieller gegenseitiger Beeinflussungen verschiedener kalendarischer Anomalien.
- Evaluierung der praktischen Nutzbarkeit kalendarischer Anomalien für Trading-Strategien.
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Quasirationalität
Ein quasirationaler Investor bewertet seine Entscheidungsmöglichkeiten in komplexen Situationen unter Risiko nicht ausschließlich nach objektiven Kriterien. Der individuelle Nutzen wird dabei an subjektiven Referenzpunkten gemessen, wobei sich eine signifikante Aversion gegenüber Verlusten abzeichnet.22
Der Marktakteur bedient sich oft Heuristiken als Hilfsmittel zum schnellen Treffen von Entscheidungen und zur Reduktion der Komplexität des Problems.23 Dabei wird bereits bei der Informationsaufnahme auf bekanntes Wissen bzw. Erfahrungen, welche im Gedächtnis verankert sind, zurückgegriffen. Dies kann die Entscheidung für den Investor erleichtern, verzerrte Vereinfachungen bzw. inkorrekte Heuristiken können jedoch Irrationalitäten verursachen.
Der Rahmen (Frame), in welchem die Informationen präsentiert und vom Investor aufgenommen werden, ist ein ebenso relevanter Punkt für die Entscheidungsfindung. Variierende Darstellungen desselben Problems, beispielsweise der Zeitpunkt oder die Formulierung in Gewinn- oder Verlustgrößen, können unterschiedliche Ergebnisse verursachen.24
Die von Kahneman und Tversky (1979) formulierte Prospect Theory versucht ebenfalls Irrationalitäten bei der Entscheidung unter Risiko zu erklären und hat damit die Behavioral Finance stark geprägt. Dabei wird ersichtlich, dass der Entscheider eine stärkere Aversion gegenüber Verlusten als eine Affinität zu betragsmäßig identischen Gewinnen hat.25
Zusammenfassung der Kapitel
Kapitel 2 Kapitalmarkttheorien: Gegenüberstellung der klassischen Kapitalmarkttheorie, die auf rationalem Anlegerverhalten und Markteffizienz basiert, mit der Behavioral Finance, welche psychologische Aspekte und menschliche Irrationalitäten in den Mittelpunkt stellt.
Kapitel 3 Kalendarische Anomalien: Erläuterung theoretischer Hintergründe zu saisonalen Mustern an Aktienmärkten, wie dem Day-of-the-Week-Effekt, dem Holiday-Effekt, dem Turn-of-the-Month-Effekt sowie dem Januar- und Halloween-Effekt.
Kapitel 4 Daten und Methoden: Beschreibung der verwendeten Datengrundlage (MSCI-Reinvestment-Indizes für 24 Industrienationen) und des linearen Regressionsmodells zur statistischen Prüfung der Anomalien.
Kapitel 5 Empirische Ergebnisse: Detaillierte Darstellung der Testergebnisse hinsichtlich der Existenz und Persistenz von Januar- und Halloween-Effekten sowie der Robustheit gegenüber Ausreißern und gegenseitigen Effekten.
Kapitel 6 Schlussfolgerungen: Synthese der empirischen Resultate, die das Verschwinden des Januar-Effekts bestätigen, während der Halloween-Effekt als persistentes Puzzle bestehen bleibt und deskriptives Potenzial für vergangene Muster bietet.
Schlüsselwörter
Behavioral Finance, Kapitalmarkttheorie, Effizienzmarkthypothese, Kalendarische Anomalien, Januar-Effekt, Halloween-Effekt, Aktienanalyse, Renditeanomalien, Prospect Theory, Marktineffizienz, Persistenz, Regressionsmodell, Marktindizes, Arbitrage, Börsenweisheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, inwieweit kalendarische Anomalien – also saisonale Muster in Aktienkursen – die Annahme effizienter Märkte herausfordern und ob diese Anomalien statistisch signifikant und persistent nachweisbar sind.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themenfelder umfassen die theoretische Abgrenzung zwischen klassischer Kapitalmarkttheorie und Behavioral Finance, die empirische Überprüfung von Kalendereffekten sowie die Robustheit dieser Effekte gegenüber ökonomischen Störfaktoren.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die empirische Prüfung, ob der Januar-Effekt und der Halloween-Effekt auf internationaler Ebene existieren, ob sie über Zeit stabil (persistent) bleiben und ob sie durch rationale Marktakteure antizipiert und eliminiert werden.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird ein lineares Regressionsmodell verwendet, das auf Dummy-Variablen basiert, um die Renditeunterschiede in spezifischen Anomalie-Monaten statistisch mittels t-Tests auf Signifikanz zu prüfen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Beschreibung der Datenbasis, der methodischen Vorgehensweise bei den Regressionen sowie der Auswertung der Ergebnisse für Developed Markets (DM) und Emerging Markets (EM) Indizes.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich primär über Begriffe wie Behavioral Finance, Kalendarische Anomalien, Januar-Effekt, Halloween-Effekt und Effizienzmarkthypothese definieren.
Warum ist der Halloween-Effekt laut Autor von besonderer Bedeutung?
Der Halloween-Effekt nimmt eine Sonderstellung ein, da er sich als ungewöhnlich persistent erweist und selbst nachdem er in der Fachliteratur diskutiert wurde, an vielen Kapitalmärkten signifikant präsent geblieben ist.
Inwiefern beeinflusst der Januar-Effekt die Ergebnisse?
Die Analyse zeigt, dass der Januar-Effekt in der modernen Periode kaum noch signifikant ist und sich teilweise in einen "Dezember-Effekt" verschoben hat, was auf eine Antizipation durch Marktteilnehmer hindeutet.
- Quote paper
- Peter Mendler (Author), 2012, Bedeutung der Behavioral Finance für Aktienanalysen, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/208531