Wie können Rezipienten und ihr Sprechen über Politik und folglich ihr Verstehen politischer Texte in linguistischen Arbeiten untersucht werden? Wie kann man sich aus linguistischer Sicht an das Verstehen, welches zwangsläufig immer nur approximativ geschehen kann, annähern, wie es schaffen, „die ‚unendliche Aufgabe‘, nicht nur Sprache zu verstehen, sondern auch noch ‚Verstehen‘ zu verstehen, zu bewältigen?“ (Biere 2007: 264) Um diese Frage soll es in der vorliegenden Arbeit gehen. Hierfür muss zunächst ein theoretischer Rahmen mit einem Sprachbegriff erarbeitet werden, mit welchem politische Texte als ein „Angebotsspektrum für das Verstehen“ (Klein 2006: 23) gedacht werden können [Kapitel 1]. Anschließend werden Überlegungen im Hinblick auf methodische Anforderungen angestellt, um einen Vorschlag zu machen, wie das Verstehen politischer Texte des Normalbürgers linguistisch-empirisch untersucht werden könnte [Kapitel 2]. Diesen Vorschlag gilt es schließlich, an einer (notwendigerweise skizzenhaften) Bei-spielanalyse zu erproben [Kapitel 3].
Inhaltsverzeichnis
0. Hinführung
1. Theoretische Überlegungen
2. Korpus und Methode
3. Eine Beispielanalyse: Die Polittalkshow Absolute Mehrheit
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verstehen politischer Texte durch den sogenannten Normalbürger, wobei das Hauptziel darin besteht, einen theoretischen Rahmen und einen methodischen Vorschlag zu erarbeiten, um diese Verstehensprozesse empirisch in der alltäglichen politischen Kommunikation greifbar zu machen.
- Grundlagen der linguistischen Hermeneutik
- Konstituierung von Wirklichkeit durch Sprache
- Methodik zur Untersuchung von Online-Diskursen
- Empirische Beispielanalyse der Sendung Absolute Mehrheit
- Analyse von Rezeptionsmustern in Online-Leserkommentaren
Auszug aus dem Buch
Die Konstituierung von Wirklichkeit
Als Ausgangslage für die folgenden Ausführungen ist danach zu fragen, wie es möglich ist, dass das Verstehen der Rezipienten desselben politischen Textes ganz unterschiedlich sein kann? Um sich der Frage anzunehmen, sind zunächst zwei Voraussetzungen zu beachten: (a) ein pragmatischer Sprachbegriff und (b) eine konstruktivistische erkenntnis- und sprachtheoretische Auffassung.
Zu (a). Jede sprachliche Äußerung in einem politischen Diskurs ist in ein „Netz größerer sprachlicher Handlungseinheiten eingebettet, die zugleich bedingt sind von außersprachlichen, sozialen und kulturellen Praktiken.“ (Spieß 2011: 300) Die Politolinguistik geht davon aus, dass Sprachhandeln einen zentralen und konstitutiven Aspekt politischen Handelns darstellt, was mit der Auffassung verbunden ist, dass Sprache und Wirklichkeit gegenseitig bedingen (Spieß 2011: 300). Die Analyse von Foucault und anderen hat jene zentralen Aspekte von Sprache in den Mittelpunkt gerückt, die lange Zeit von der Linguistik vernachlässigt worden sind: Zum einen die gesellschaftlich-historische Einbettung der Sprache und zum anderen die Konstituierung von Gesellschaft und Wirklichkeit durch Sprache (Spitzmüller/Warnke 2011: 77). Das bedeutet, dass auch Verstehen damit kulturell, historisch und sozial verankert ist.
Dieser Arbeit ist eine pragmatisch begründete Auffassung von Sprache zugrundegelegt, denn nur eine solche ermöglicht eine sinnvolle Analyse politischer Sprache. Sprache wird hierbei nicht als ein abstraktes System von gebrauchsunabhängigen Zeichen und Regeln (langue) verstanden, sondern als eine dynamische Form akteursbasierter Handlungen in konkreten Kontexten, mit denen (beabsichtigte und unbeabsichtigte) Funktionen verbunden sind (Spitzmüller/Warnke 2011: 50–51).
Zusammenfassung der Kapitel
0. Hinführung: Einführung in die Relevanz der Untersuchung von Rezipienten politischer Texte und Darstellung der Forschungsdesiderate.
1. Theoretische Überlegungen: Erarbeitung des theoretischen Rahmens, basierend auf linguistischer Hermeneutik und einem konstruktivistischen Sprachbegriff.
2. Korpus und Methode: Detaillierte Darstellung des methodischen Vorgehens bei der Analyse des gewählten Korpus und der Online-Leserkommentare.
3. Eine Beispielanalyse: Die Polittalkshow Absolute Mehrheit: Praktische Anwendung des methodischen Ansatzes auf die Sendung und die dazugehörigen Online-Reaktionen.
4. Fazit: Zusammenfassende Reflexion der Ergebnisse und Ausblick auf zukünftige Forschungsmöglichkeiten im Bereich der Politolinguistik.
Schlüsselwörter
Politolinguistik, Verstehen, Rezipient, Hermeneutik, politische Kommunikation, Online-Diskurs, Medienlinguistik, Absolute Mehrheit, Sprachhandeln, Wirklichkeitskonstruktion, Rezeption, Diskursanalyse, Textverstehen, Normalbürger, Polit-Infotainment.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der linguistischen Untersuchung, wie Normalbürger politische Texte in den Medien, speziell in Online-Formaten, verstehen und interpretieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die linguistische Hermeneutik, die Rolle des Rezipienten als eigenständige Größe, die Analyse von Online-Leserkommentaren und die Wirkungsweise von Polit-Infotainment.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, einen methodischen Ansatz zu entwickeln, mit dem sich das Verstehen politischer Texte durch Rezipienten empirisch erfassen und wissenschaftlich plausibilisieren lässt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine linguistisch-hermeneutische Methode, kombiniert mit Themen- und Inhaltsanalysen, um sowohl diskursive Stränge als auch individuelle Rezeptionsmuster zu identifizieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil umfasst die theoretische Fundierung, die methodische Herleitung sowie eine exemplarische Fallstudie der Talkshow Absolute Mehrheit samt Analyse der dazugehörigen Online-Debatten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Politolinguistik, Rezipientenverstehen, Hermeneutik, Online-Diskurs und politische Kommunikation sind zentrale Begriffe für diese Studie.
Warum wurde die Sendung Absolute Mehrheit als Fallbeispiel gewählt?
Die Sendung dient als Beispiel für den Versuch, Politik und Unterhaltung zu verbinden, was eine Vielzahl an kontroversen Reaktionen in Online-Medien auslöste, die als Untersuchungsobjekte für Verstehensprozesse dienen.
Welches Fazit zieht die Autorin bezüglich der Anwendbarkeit ihrer Methode?
Die Methode hat sich in der empirischen Analyse als nützlich erwiesen, wenngleich die hohe Dynamik und Instabilität von Online-Kommentaren die methodische Herausforderung bei der Identifikation diskursiver Stränge erhöht.
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- Aljona Merk (Author), 2012, Das Verstehen verstehen. Linguistische Hermeneutik politischer Alltagskommunikation, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/207902