Auf der theoretischen Basis der Amerikanisierungsthese wird am Beispiel des Bundestagswahlkampfes 2009 untersucht, ob und in welchem Umfang von einer Amerikanisierung deutscher Wahlkampfpraktiken gesprochen werden kann. Die methodische Vorgehensweise zur Thesenprüfung kann dabei in fünf Schritte unterteilt werden: (1) Zuerst werden im Theorieteil der Arbeit die Veränderungen denen Wahlen, Wahlkämpfe und Wahlkampagnen unterliegen grob beschrieben sowie in Abgrenzung zur Modernisierungsannahme eine Erläuterung und Problematisierung der A. vorgenommen. Darauf folgt (2) eine detaillierte Beschreibung des Diffusionsprozesses auf Basis zweier Transfermodelle. Im komparativ-analytischen Teil beschäftigt sich die Arbeit mit der Überprüfung der These selbst. In einem ersten Schritt wird dabei (3) auf Basis eines eigens hierfür weiterentwickelten Transferfiltermodells zunächst eine theoretische Analyse der die Adaptionsspielräume strukturierenden institutionellen Rahmenbedingungen vorgenommen (Systemvergleich) und anschließend ein kurzes Zwischenfazit gezogen. In einem zweiten Schritt erfolgt dann (4) die Ermittlung zentraler Kennzeichen und Elemente eines ‚amerikanisierten’ Wahlkampfes anhand der Merkmalsaufzählungen diverser Autoren. Daraufhin wird die Bundestagswahl 2009 auf Basis fünf ausgewählter, dem Merkmalskatalog entnommener Kriterien anhand eines Vergleiches mit der Ausprägung im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2008 empirisch überprüft (Einzelmerkmalsvergleich mit Referenzgröße). Abschließend soll (5) eine Aussage darüber getroffen werden, ob und inwieweit von einer ‚Amerikanisierung’ bundesrepublikanischer Wahlkämpfe gesprochen werden kann. Im komparativ-analytischen Teil wird sich die Arbeit sowohl auf qualitative (Historie, Grundlagenforschung, Kontextfaktoren etc.) als auch quantitative (Zahlenvergleiche und Studienergebnisse) Belege stützen und versuchen Erklärungsvariablen der Akteursebene mit denen der institutionellen Ebene zu verknüpfen. Da eine ganzheitliche Betrachtung des gesamten Wahlkampfgeschehens aus arbeitsökonomischen Gründen und angesichts der Seitenbegrenzung unmöglich ist, wird sich die Abhandlung bemühen durch die Analyse ausgewählter finanzieller, organisatorischer, kommunikativer, technischer und strategischer Merkmale ein valides Ergebnis zu liefern. Beim Einzelmerkmalsvergleich erfolgt außerdem eine dem Arbeitsumfang geschuldete Eingrenzung auf die mitgliedsstärksten Parteien und deren aussichtsreichste Kandidaten
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Prolog
1.2 Zielsetzung, Methodik und Aufbau der Arbeit
1.3 Forschungsgeschichte und Forschungsstand
2. Wahlen, Wahlkämpfe und Wahlkampagnen im Zeichen des Wandels
3. Amerikanisierung, Modernisierung oder doch Professionalisierung?
3.1 Amerikanisierung – Genese und Wandel eines facettenreichen Omnibusbegriffes
3.2 Minimalkonsens: Amerikanisierung als akteursgetriebener Diffusionsprozess
3.3 Systemperspektive: Die Modernisierungs- und Professionalisierungsthese
3.4 Kritische Würdigung der Transformationskonzepte
4. Diffusionstheoretische Perspektive des Amerikanisierungsprozesses
4.1 Shopping und Adoption Model als praxisnäherer Ausgangspunkt der Analyse
4.2 Die vier Hauptkanäle der Diffusion nach Plasser
5. Systemische Differenzen als Transferfilter
5.1 Das erweiterte Transferfiltermodell
5.2 Geografisch-sozialstrukturelle Rahmenbedingungen
5.3 Politisch-Kultureller Filter
5.4 Medial-Struktureller Filter
5.5 Politisch-Struktureller Filter
5.6 Zwischenfazit
6. Kennzeichen und Elemente ‚amerikanisierter’ Wahlkämpfe
7. Die Bundestagswahl 2009 auf dem Prüfstand
7.1 Kontext und Ausgangsbedingungen beider Wahlkämpfe
7.2 Kriterium der Kapitalintensität und -akquise
7.3 Kriterium der Externalisierung der Kampagnenorganisation
7.4 Kriterium der Kandidatenzentrierung
7.5 Kriterium des TV Duells amerikanischen Formats
7.6 Kriterium des Microtargeting
8. Zusammenfassende Betrachtung
9. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht auf Basis der Amerikanisierungsthese, ob und in welchem Ausmaß sich deutsche Wahlkampfpraktiken an US-amerikanischen Vorbildern orientieren. Im Zentrum steht dabei die systematische Überprüfung, ob ein einseitiger Transfer stattfindet oder ob landesspezifische systemische Filter eine solche Angleichung verhindern.
- Amerikanisierung vs. Modernisierung
- Diffusionsprozesse in der politischen Kommunikation
- Systemvergleich: USA und Deutschland
- Empirische Analyse der Bundestagswahl 2009
- Kriterien für professionelle Wahlkampagnen
Auszug aus dem Buch
3.2 Minimalkonsens: Amerikanisierung als akteursgetriebener Diffusionsprozess
Gegenstand dieses Transfers waren und sind sogen. ‚Amerikanismen’, die nach Auffassung des Historikers Anselm Doering-Manteuffel „Institutionen, Normen, Werte, Gebräuche, Verhaltensweisen und Verfahrensnormen, aber auch Symbole, ‚icons’ und Bilder [umfassen], die vermeintlich oder tatsächlich aus den Vereinigten Staaten übernommen, auf jeden Fall aber als amerikanisch empfunden werden“28. Dieser weit gefasste und nicht nur politische Aspekte umfassende Katalog wird in der Politikwissenschaft dadurch eingegrenzt, dass unter Amerikanismen im Bezug auf Wahlkämpfe Strategien, Methoden, Techniken, Instrumente und Elemente der Wahlkampfplanung, -organisation und -durchführung oder kurz: Wahlkampfpraktiken verstanden werden. Minimalkonsens besteht dabei dahingehend, dass jener Transfer eine gewisse Asymmetrie zwischen den beiden Transferpartnern, d.h. die Ausrichtung der Bundesrepublik (‚follow nation’) am amerikanischen Rollenvorbild (‚lead nation’) aufweist.29 Dieses Ungleichgewicht wird gemeinhin mit der Sonderstellung des amerikanischen Wahlsystems begründet, dessen Vorbildfunktion und Führungsrolle auf folgende Aspekte zurückgeführt werden kann:
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung verortet die Amerikanisierungsthese im wissenschaftlichen Diskurs und erläutert die Zielsetzung, Methodik sowie den Aufbau der vorliegenden Bachelorarbeit.
2. Wahlen, Wahlkämpfe und Wahlkampagnen im Zeichen des Wandels: Dieses Kapitel definiert die grundlegenden Funktionen von Wahlen und Wahlkämpfen in modernen demokratischen Systemen und beschreibt den sozioökonomischen Wandel als Treiber neuer Wahlkampfstrategien.
3. Amerikanisierung, Modernisierung oder doch Professionalisierung?: Hier werden die theoretischen Konzepte zur Erklärung von Wahlkampfveränderungen gegenübergestellt und kritisch gewürdigt.
4. Diffusionstheoretische Perspektive des Amerikanisierungsprozesses: Dieses Kapitel führt das "Shopping und Adoption Model" als zentrales analytisches Instrumentarium zur Untersuchung von Diffusionsprozessen ein.
5. Systemische Differenzen als Transferfilter: Es wird ein "Transferfiltermodell" entwickelt, das aufzeigt, welche politischen, medialen und strukturellen Rahmenbedingungen den Transfer amerikanischer Praktiken in die Bundesrepublik beeinflussen oder hemmen.
6. Kennzeichen und Elemente ‚amerikanisierter’ Wahlkämpfe: In diesem Teil werden spezifische Charakteristika amerikanisierter Wahlkämpfe in vier Kategorien systematisch tabellarisch zusammengefasst.
7. Die Bundestagswahl 2009 auf dem Prüfstand: Das Hauptkapitel wendet die zuvor entwickelten Kriterien empirisch auf die Bundestagswahl 2009 an und vergleicht diese mit dem amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2008.
8. Zusammenfassende Betrachtung: Hier werden die Ergebnisse der Thesenprüfung zusammengeführt, wobei die Annahme eines einseitigen Transferprozesses verworfen wird.
9. Schlusswort: Das Schlusswort zieht ein abschließendes Fazit über die Reichweite und Grenzen der Amerikanisierungsthese sowie den wissenschaftlichen Wert der Arbeit.
Schlüsselwörter
Amerikanisierung, Wahlkampf, Bundestagswahl 2009, politische Kommunikation, Modernisierung, Professionalisierung, Diffusion, Transfermodell, Systemvergleich, Personalisierung, Microtargeting, Kampagnenmanagement, politische Kultur, Wahlsystem, Medienlogik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob deutsche Wahlkämpfe zunehmend nach amerikanischem Vorbild geführt werden, also eine "Amerikanisierung" stattfindet, oder ob strukturelle Unterschiede dies verhindern.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert auf Wahlkampftransformationsforschung, Diffusionsmodelle, Systemvergleiche zwischen den USA und Deutschland sowie die Analyse konkreter Wahlkampfpraktiken.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, empirisch zu prüfen, ob von einer "Amerikanisierung" deutscher Wahlkampfpraktiken gesprochen werden kann, oder ob Modernisierungstrends und systemische Filter eine solche These widerlegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen komparativ-analytischen Ansatz. Nach einer theoretischen Aufarbeitung werden mittels eines Transferfiltermodells und Merkmalskatalogs konkrete Wahlkämpfe (2009 vs. 2008) verglichen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Entwicklung eines Modells zur Analyse von Transferfiltern, der systematischen Katalogisierung amerikanisierter Wahlkampfmerkmale und deren empirischer Überprüfung anhand der Bundestagswahl 2009.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Amerikanisierung, Wahlkampf, Professionalisierung, Systemvergleich, politische Kommunikation und die Untersuchung der Bundestagswahl 2009.
Warum wird die Bundestagswahl 2009 als Referenz gewählt?
Sie dient als aktueller Untersuchungsgegenstand, um die Relevanz der Amerikanisierungsthese anhand konkreter Daten wie Finanzierung, Organisation und Medienstrategien zu prüfen.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor zur Amerikanisierungsthese?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die These eines einseitigen linearen Transfers ("Adoption Model") nicht haltbar ist; stattdessen wirken systemische Filter, die eine direkte Übernahme verhindern.
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- B.A. Thomas Beck (Author), 2012, Amerikanisierung bundesrepublikanischer Wahlkämpfe – Fakt oder Fiktion?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/206669