Die Literatur zum sog. Kirchenkampf, dem komplexen "Neben-, Mit- und gegeneinander" von NS-Staat und Evangelischer Kirche in der Zeit von 1933 bis 1945, ist nur schwer zu überblicken.Nachdem die großen Gestalten biographisch und monographisch "erschlossen" worden sind, richtet sich der Blick auf bisher unbeachtet gebliebene Zusammenhänge und darin involvierte Frauen und Männer. Gefragt wird nach Anlass und Konsequenzen von Entscheidungen "in statu confessionis". Oder das wissenschaftliche Interesse konzentriert sich auf Milieus und Mentalitäten. Sogar das Denken und Handeln der Gegenspieler der Bekennenden Kirche wird untersucht. - Hier geht es um zwei Persönlichkeiten, die im Kirchenkampf in Ostpreußen eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben:Fritz Kessel und Dr.Andreas Pfalzgraf. Dieser als unbeugsamer Verfechter des "sola fide, sola scriptura, solus Christus" in der Gemeinde von Insterburg. Jener als Bischof in Ostpreußen und fanatischer Funktionär in der "Glaubensbewegung Deutsche Christen". Kessel wie Pfalzgraf haben in unterschiedlichen Zeiten des Kirchenkampfes agiert. Ihr Auftreten steht für zwei sich ausschließende Möglichkeiten des Christseins in jenen Jahren.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Fritz Kessel - Bischof in Königsberg [1933-1936]
Der „Fall Pfalzgraf“ in Insterburg/ Ostpreußen
Laien im Kirchenkampf – Prediger des Evangeliums oder Störenfriede?
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit befasst sich mit dem Wirken zweier gegensätzlicher Persönlichkeiten im Kontext des kirchlichen Widerstands gegen den Nationalsozialismus in Ostpreußen: des NS-nahen Bischofs Fritz Kessel und des als "Laienprediger" aktiven Dr. Andreas Pfalzgraf, um anhand dieser Porträts die Zerrissenheit der evangelischen Kirche in dieser Epoche zu verdeutlichen.
- Die Rolle und Ideologie der „Glaubensbewegung Deutsche Christen“ am Beispiel von Fritz Kessel.
- Die Entstehung und Praxis der Bekennenden Kirche in den ostpreußischen Gemeinden.
- Die Herausforderung des „Laienamtes“ unter den Bedingungen staatlicher Repression und kirchlicher Gleichschaltung.
- Die biographische Aufarbeitung des „Falls Pfalzgraf“ als Zeugnis christlichen Widerstands in Insterburg.
- Die Verschränkung von religiösem Bekenntnis und politischem Handeln im „Dritten Reich“.
Auszug aus dem Buch
Die Ordination
War der Pfarrermangel in den ostpreußischen Landgemeinden zu Beginn des Kirchenkampfes ein Problem (ein Viertel aller Pfarrstellen unbesetzt), so brach mit Kriegsbeginn große Not aus. In dieser Zeit entschied der ostpreußische Bruderrat der BK, Pfalzgraf zum „Prediger des Evangeliums“ zu ordinieren.
Ungeachtet der Spannungen zum Insterburger Superintendenten leitete Pfarrer Leopold Beckmann, Sprecher des ostpreußischen Bruderrates, die notwendigen Schritte ein. Dr. Pfalzgraf brachte alle Voraussetzungen mit: er hatte Theologie studiert und die für das Lehramt erforderlichen Examina abgelegt; er brachte hinreichend Erfahrung aus der Gemeindearbeit mit; er hatte an Rüstzeiten teilgenommen, die Dr. Knorr in Pommern für „Laienprediger“ durchgeführt hatte. In der Löbenichtschen Kirche (Königsberg) hielt er zwei Probepredigten und gab im Gemeindehaus einen Bericht über die kirchliche Lage in Insterburg. Daraufhin beschloss der Bruderrat seine Ordination, die nicht in Insterburg, sondern im benachbarten Aulowönen (Aulenbach) stattfinden sollte, dessen Pfarrer der BK angehörte. So wurde Dr. Andreas Pfalzgraf am 19. Juli 1942 durch den früheren Superintendenten Federmann, den Königsberger Dompfarrer Dr. Quittschau und den Ortspfarrer Gerhard Mattern, der gerade auf Heimaturlaub war, ordiniert.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Überblickt die Literatur zum Kirchenkampf und stellt die beiden im Buch porträtierten Persönlichkeiten, Fritz Kessel und Dr. Andreas Pfalzgraf, als gegensätzliche Repräsentanten des Christseins im NS-Staat vor.
Fritz Kessel - Bischof in Königsberg [1933-1936]: Analysiert den Aufstieg des DC-Funktionärs Kessel zum Bischof und die beispielhafte Gleichschaltung der Evangelischen Kirche in Ostpreußen unter seiner autoritären Leitung.
Der „Fall Pfalzgraf“ in Insterburg/ Ostpreußen: Beleuchtet die Widerständigkeit der Bekennenden Kirche in Insterburg und beschreibt den Konflikt um den Laienprediger Dr. Andreas Pfalzgraf, der trotz staatlicher Verfolgung an seiner seelsorglichen Arbeit festhielt.
Laien im Kirchenkampf – Prediger des Evangeliums oder Störenfriede?: Untersucht die Rolle der Laien, die aufgrund des Pfarrermangels und staatlicher Repression in der Bekennenden Kirche an Bedeutung gewannen und mit der Ordination von Laienpredigern kirchenrechtliches Neuland betraten.
Schlüsselwörter
Kirchenkampf, Bekennende Kirche, Deutsche Christen, Nationalsozialismus, Ostpreußen, Fritz Kessel, Andreas Pfalzgraf, Laienpredigt, Bekenntnis, Gleichschaltung, Insterburg, Widerstand, Ordination, Hans Joachim Iwand, Kirchenpolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit analysiert die Situation der Evangelischen Kirche in Ostpreußen zwischen 1933 und 1945 anhand zweier prominenter, aber konträrer Lebensläufe.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen der Kirchenkampf, die ideologische Beeinflussung durch die "Deutschen Christen" sowie der Widerstand der Bekennenden Kirche.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Zerrissenheit des Protestantismus in Ostpreußen aufzuzeigen und die Rolle von Laien in einer Kirche unter staatlichem Druck zu untersuchen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Der Autor nutzt eine historisch-biographische Methode, die auf der Auswertung von Archivmaterialien, Korrespondenzen und zeitgenössischen Dokumenten basiert.
Was wird im Hauptteil inhaltlich behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Ära des Bischofs Fritz Kessel und die detaillierte Fallstudie zu Dr. Andreas Pfalzgraf in Insterburg.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das Werk?
Wichtige Begriffe sind Kirchenkampf, Bekennende Kirche, Deutsche Christen, Laienarbeit, Insterburg und die Rolle der Theologen und Laien in diesem Prozess.
Wie unterscheidet sich die Rolle von Kessel von der des Laien Pfalzgraf?
Kessel war ein systemkonformer Kirchenfunktionär und ein Vorkämpfer der "Deutschen Christen", während Pfalzgraf als engagierter Laie im Widerstand der Bekennenden Kirche stand.
Was macht den "Fall Pfalzgraf" für die Forschung so besonders?
Der Fall ist symptomatisch für die Notlage der Bekennenden Kirche, die bei Pfarrermangel und Repression dazu überging, Laien zu ordinieren, was zu massiven kirchenrechtlichen Konflikten führte.
Welche Bedeutung kommt der Ordination von Pfalzgraf zu?
Sie gilt als bedeutendes Ereignis im ostpreußischen Kirchenkampf, da sie den Bruch mit dem staatskonformen Kirchenregiment manifestierte und das "Priestertum aller Gläubigen" in einer Notsituation praktisch umsetzte.
Welches Fazit lässt sich zum Schicksal der Beteiligten nach 1945 ziehen?
Viele Akteure der Bekennenden Kirche, darunter Pfalzgraf, erfuhren auch in der Nachkriegszeit wenig Anerkennung für ihren Einsatz, da in der Kirche der Fokus auf Wiederaufbau und restaurative Strukturen rückte.
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- Prof. Dr. Ulrich Schoenborn (Author), 2012, Kirche und Nationalsozialismus in Ostpreußen, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/205894