Die Ausgangsfragestellung der vorliegenden Arbeit war, ob signifikante Unterschiede bestehen in der Ausdrucksfähigkeit und Argumentationsweise beim Sprechen über ästhetische Gegenstände zwischen Studenten, die ein künstlerisch-musisches Fach studieren oder aus einem anderen Fachbereich kommen. Die Zielsetzung der Untersuchung war recht offen gehalten, da ihre Möglichkeiten sehr stark von dem Material abhingen, das während des Interviews entstehen würde. Folgende Aspekte sollten untersucht werden:
- Vokabular
- Bildlichkeit
- Emotionale Anteile der Aussagen
- Mögliche Einordnung der Aussagen in die Kategorien nach Martin Seel
[...]
Alle Teilnehmer wurden darauf hingewiesen, dass sie in der Transkription anonymisiert und dass ihnen, wenn sie möchten, die Ergebnisse der Untersuchung zugänglich gemacht werden würden. Die Dauer des Interviews war aufgrund des großen Materialangebots zeitlich nicht begrenzt, um jedoch den Aufwand des Transkribierens überschaubar zu halten, umfasst die Aufnahme eineinhalb Stunden der Diskussion. Diese dauerte nach Ende der Aufnahme noch länger an.[...]
Von den zur Auswahl stehenden sechs Musikstücken und fünf Kunstwerken wählten die Teilnehmer insgesamt fünf Diskussionsgegenstände aus: Picassos Gemälde "Guernica", Liszts Klavierstück "La campagnella", Kagels experimentelle Komposition "Two man orchestra", Ligetis Chorwerk "Lux aeterna" und Mondrains "Gemälde No. 9".
Inhaltsverzeichnis
1. Thema und Rahmenbedingungen der Untersuchung
2. Bezüge zu bestehenden Modellen: Martin Seels Kunst der Entzweiung
3. Die Untersuchung
3.1 Picasso
3.2 Kagel
3.3 Ligeti
4. Fazit
4.1 Fachinterne Teilnehmer
4.2 Fachfremde Teilnehmer
4.3 Schlüsse
Zielsetzung & Themen der Untersuchung
Die Arbeit untersucht, ob signifikante Unterschiede in der Ausdrucksfähigkeit und Argumentationsweise beim Sprechen über ästhetische Gegenstände zwischen Studierenden künstlerisch-musischer Fächer und fachfremden Studierenden bestehen. Ziel ist es, durch die qualitative Analyse von Gruppendiskussionen zu erforschen, wie Vokabular, Bildlichkeit und emotionale Anteile die ästhetische Urteilsbildung beeinflussen und wie fachübergreifender Austausch zu Erkenntnisgewinnen führen kann.
- Vergleich der Argumentationsstrukturen facheigener und fachfremder Studierender.
- Anwendung der Kategorien von Martin Seel (Kommentar, Konfrontation, Kritik) auf die Diskussion.
- Analyse der Rolle von Emotionen und Vorwissen bei der ästhetischen Wahrnehmung.
- Untersuchung von Diskursdynamiken in fächerübergreifenden Gruppen.
- Reflexion über die gesellschaftliche Relevanz von Kunst- und Musikstudiengängen.
Auszug aus dem Buch
3.2 Kagel
Mod: Und was fandest du genau gut?
KS 1: Ich fand die Tüftelei sehr geil. Weil ich bin halt Produktdesigner, ich fand das ganz schön so ..(lacht) Ich find, das war ganz niedlich gemacht, waren viele Details drin, ja. Und man merkt ja schon dadurch... da hingen ja auch Sachen rum, die keine Musik gemacht haben. Also zum Beispiel dieser Wikingerhelm mit diesem Zeug dran, ja? [unverständlich] Es geht hier ja schon um ne Präsentation.
b) [45:50]
MS 2: das kommt auf die Notation an. Beziehungsweise... ich mein, bei vielen Komponisten jetzt, klar, bei Kagel zum Beispiel aber auch bei anderen Komponisten ist auch relativ viel auch improvisatorisch und für den Spieler freigelassen, das muss man dazusagen. Also bei sehr experimenteller Musik bei manchen, tja..
KS 2: Kann ich kurz mal fragen, was heißt denn notiert?
MS 2: Also, in einer Partitur oder so, wie die einzelnen Stimmen notiert sind, ob die genau ausnotiert sind, in Noten, in Notenwerte, in Rhythmen.
KS 2: Ah, ok.
MS 2: Also, genau, Noten - Tonhöhen, Rhythmen, Pausen eben.
KS 2: Also praktisch, ob es Vorgaben gibt, oder improvisiert ist.
MS 2: Genau.
MS 1: Und es gibt ja so Ansätze, also zum Beispiel bei Cage, der hat ein Sternenbild genommen, Instrumente drangeschrieben, und dann guckst du halt, wo dein Punkt ist und als Querflöte denkst du dann, ach hier: Tröt. (lacht) [kurz unverständlich] Das ist auch ne ganz schöne Sache, weil plötzlich, also wenn du ein Blatt hast, und weißt, hey gut Takt vier, dritte Zählzeit bin ich dran, ist was anderes als: oh Gott, jetzt muss ich gucken, wann spielt denn der hinter mir, wann spielt denn der vor mir und dadurch, dass das eben weniger Struktur hat, also weniger...erwartbare Struktur. Weil du ja auch nie weißt, wie ist jetzt genau das Tempo? Das ist dann das, wo du auch freier bist und wo deine Achtsamkeit auch als Musiker stärker gefordert wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Thema und Rahmenbedingungen der Untersuchung: Dieses Kapitel erläutert die Fragestellung nach Unterschieden in der Ausdrucksfähigkeit beim Sprechen über Kunst und definiert das methodische Vorgehen mittels qualitativer Interviews.
2. Bezüge zu bestehenden Modellen: Martin Seels Kunst der Entzweiung: Hier werden die theoretischen Kategorien nach Martin Seel – Kommentar, Konfrontation und Kritik – eingeführt, um ein Gerüst für die Analyse ästhetischer Urteile zu schaffen.
3. Die Untersuchung: In diesem Hauptteil wird der Diskussionsverlauf anhand konkreter Fallbeispiele (Picasso, Kagel, Ligeti) analysiert, wobei die Interaktion zwischen facheigenen und fachfremden Teilnehmern im Zentrum steht.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, beleuchtet die unterschiedlichen Herangehensweisen der Teilnehmergruppen und unterstreicht den Wert des fächerübergreifenden Austauschs als erkenntniserweiternde Methode.
Schlüsselwörter
Ästhetische Erfahrung, Kunst der Entzweiung, Qualitative Interviews, Martin Seel, Fachübergreifende Diskussionen, Kompetenzerwerb, Kommentar, Konfrontation, Kritik, Neue Musik, Picasso, Kagel, Ligeti, Kunstpädagogik, Rezeptionsästhetik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Studierende aus verschiedenen Fachbereichen über ästhetische Gegenstände (Kunst und Musik) sprechen und ob dabei signifikante Unterschiede in der Argumentationsweise auftreten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die ästhetische Wahrnehmung, die verbale Ausdrucksfähigkeit in Bezug auf Kunstwerke sowie der Einfluss von fachspezifischem Vorwissen auf die Urteilsbildung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu analysieren, wie sich der Diskurs über Kunst verändert, wenn Experten und fachfremde Personen gemeinsam über ästhetische Gegenstände sprechen, und welche Erkenntnisprozesse dabei ausgelöst werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die qualitative Forschungsmethode, speziell eine Mischform aus fokussiertem und narrativem Interview, um natürliche Gesprächssituationen in einer Gruppendiskussion zu erfassen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden Aussagen der Studierenden zu Werken von Picasso, Kagel und Ligeti analysiert und anhand von Martin Seels Kategorien (Kommentar, Konfrontation, Kritik) eingeordnet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen ästhetische Erfahrung, Martin Seel, fachübergreifende Diskussionen, qualitative Forschung und die Unterscheidung zwischen facheigenen und fachfremden Teilnehmern.
Wie beeinflusst Vorwissen die ästhetische Urteilsbildung?
Die Analyse zeigt, dass fachinterne Studierende stärker den "Kommentar" nutzen, um Wissen über den Kontext einzubringen, während fachfremde Studierende häufiger über Emotionen und subjektive Assoziationen ("Konfrontation") kommunizieren.
Warum ist der fächerübergreifende Austausch laut Autorin sinnvoll?
Er führt zu einem Wissenszuwachs, schult die sprachliche Ausdrucksfähigkeit und zwingt die Fachschaften dazu, die eigene Sichtweise zu hinterfragen und die gesellschaftliche Relevanz der eigenen Disziplin zu reflektieren.
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- Britta Baier (Author), 2012, Zum sprachlichen Kompetenzerwerb durch fächerübergreifende Diskussionen, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/205424