Der Auftrag der Schule in einer demokratischen Gesellschaft ist es unter anderem, den Lernenden zu unterstützen, Verantwortung zu übernehmen, Reflektionsfähigkeit, Solidarität und Toleranz zu üben, selbstbestimmt leben zu können und sich als Persönlichkeit zu entwickeln (vgl. Schulgesetz NRW 2006; Oelke 2005, S. 649 - 654) . Jeder Mensch hat im kritisch-kommunikativen Sinne das Recht auf Bildung in Ausrichtung auf kommunikative Bildungsvollzüge (vgl. Klafki 1999a, S. 13 ff.).
Der klassisch-dirigistische Schulunterricht hat jedoch zumeist ungünstige Auswirkungen sowohl auf das unmittelbare als auch auf das spätere Verhalten von Schülern. So wird das Lernen von Selbstbestimmung, Selbstverantwortung sowie sozial verantwortlichem Gebrauch der persönlichen Freiheit durch häufiges und ausgeprägtes Dirigieren des Lehrers im Unterricht erheblich eingeschränkt (vgl. Tausch/Tausch 1998, S. 332; Krause 2006a; Mader 2006) .
Wer als Schüler im traditionellen Schul- und Bildungssystem Erfolg haben möchte, hat nolens volens einen Weg zu finden, den Ansprüchen der Lehrer gerecht zu werden. Er muss lernen, den Lernstoff so zu präsentieren, wie es die Prüfer hören und lesen möchten, um die Prüfung zu bestehen. Dieses prüfungsbezogene Lernen hat eine lediglich kurze Halbwertzeit und wird den gesellschaftlichen Anforderungen nicht gerecht, da hierdurch die Entwicklung der personalen und soziokommunikativen Kompetenzen marginalisiert wird (vgl. Heyse 1997, S. 116 ff.; Dohmen 1996, S. 1ff.; MSW 1998, S. 44 f.; Klafki 1999b, S. 46f.; Leidhold 2001, S. 429ff.).
Die immensen sozialen, technischen, ökonomischen und beruflichen Veränderungsprozesse machen es jedoch notwendig, dass die Schüler als aktiv und kritisch Lernende in ihrer Handlungskompetenz gestärkt werden. Eine solche Zielsetzung geht mit einer Abkehr vom traditionellen Lernbegriff und von der Belehrungskultur einher und rückt statt dessen die Konzipierung und Umsetzung von Lernsituationen in den Vordergrund, in denen Fragen, Erfahrungen und Probleme der Schüler eine prominente Rolle spielen und die auf den Erwerb von Fähigkeiten und Einstellungen im Sinne umfassender fachlicher und persönlicher Kompetenzen abzielen (vgl. Büscher 2006, S. 10 ff.; Jäger 2006, S. 6 - 39) .
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Das Modell der personenzentrierten Psychotherapie nach Carl Rogers
2.1. Menschenbild und Grundlagen des Konzeptes
2.2. Basisvariablen
2.2.1. Empathie
2.2.2. Kongruenz
2.2.3. Uneingeschränkte Akzeptanz
2.3. Die Rolle des Therapeuten in der Gesprächspsychotherapie
3. Charakteristika des personenzentrierten Lernens
4. Auswirkungen des personenzentrierten Lernens auf den Lehrer und dessen Arbeit
4.1 Auswirkungen auf Selbstverständnis und Rollendefinition
4.2 Aus-, Fort- und Weiterbildung zur Entwicklung der Personalkompetenz
4.3 Veränderung der Schülerrolle
4.4 Auswirkungen auf den Unterricht
4.5 Schulorganisatorische Auswirkungen
5. Widerstände und Grenzen bei der Umsetzung personenzentrierten Unterrichts
6. Eklektizistisch-integrativer Ansatz aus Personenzentrierung und Lernzielorientierung
7. Resümee, Diskussion und Ausblick
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht das Potenzial des personenzentrierten Ansatzes nach Carl Rogers für den Schulunterricht, insbesondere im Hinblick auf eine Veränderung der Lehrerrolle von einem direktiven Experten hin zu einem Lernbegleiter. Dabei wird analysiert, wie trotz der strukturellen Anforderungen des traditionellen Schulsystems eine Integration humanistischer Prinzipien möglich und sinnvoll sein kann.
- Analyse des personenzentrierten Modells nach Carl Rogers (Empathie, Kongruenz, Akzeptanz)
- Untersuchung der Auswirkungen dieses Ansatzes auf die Rolle und das Selbstverständnis von Lehrkräften
- Herausarbeitung der notwendigen Kompetenzentwicklung für Lehrpersonen
- Diskussion der Widerstände und strukturellen Grenzen bei der Implementierung im aktuellen Schulalltag
- Erörterung eines eklektizistisch-integrativen Ansatzes als pragmatische Lösung für die Schulpraxis
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Empathie
Empathie bedeutet, dass sich der Therapeut darum bemüht, die Gefühls-, Wahrnehmungs- und Erfahrungswelt des Klienten aus dessen Perspektive zu sehen und ihm das Wahrgenommene möglichst präzise und konkret über aktives Zuhören und Feedback mitzuteilen. Das aktive Zuhören und Verbalisieren der emotionalen Erlebnisinhalte des Klienten mit eigenen Worten bieten dem Therapeuten die Möglichkeit zu überprüfen, ob er den Klienten verstanden hat. Der Klient kann in dieser Zeit seine Gedanken und Gefühle präzisieren und Missverständnisse korrigieren.
Gewöhnlich erleben Menschen ein bewertendes Verständnis durch andere Menschen. Wenn der Therapeut hingegen den Klienten zu verstehen versucht, ohne analysieren oder beurteilen zu wollen, kann ein Klima des Wachsens der Persönlichkeit entstehen.
In der Gesprächstherapie bedeutet dies, dass sich der Therapeut bei jeder Äußerung des Klienten vergegenwärtigt, wie die jeweils darin ausgedrückte phänomenale Welt des Klienten aussieht und sich für ihn anfühlt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Darstellung des Auftrags der Schule in einer demokratischen Gesellschaft und die Notwendigkeit, den Schüler als aktiv Lernenden in den Mittelpunkt zu rücken.
2. Das Modell der personenzentrierten Psychotherapie nach Carl Rogers: Erläuterung des menschenbildlichen Hintergrunds und der drei zentralen Basisvariablen (Empathie, Kongruenz, uneingeschränkte Akzeptanz) des personenzentrierten Ansatzes.
3. Charakteristika des personenzentrierten Lernens: Übertragung der psychotherapeutischen Prinzipien auf pädagogische Lernprozesse und Abgrenzung von traditionellen Unterrichtsmodellen.
4. Auswirkungen des personenzentrierten Lernens auf den Lehrer und dessen Arbeit: Untersuchung der Konsequenzen für die Lehrerrolle, die notwendige Aus- und Weiterbildung sowie die veränderte Schülerrolle.
5. Widerstände und Grenzen bei der Umsetzung personenzentrierten Unterrichts: Analyse der gesellschaftlichen und schulstrukturellen Barrieren, die einer konsequenten Umsetzung des Ansatzes entgegenstehen.
6. Eklektizistisch-integrativer Ansatz aus Personenzentrierung und Lernzielorientierung: Vorschlag einer kombinierten Vorgehensweise, die humanistische Werte mit den Anforderungen einer lernzielorientierten Schulkultur verknüpft.
7. Resümee, Diskussion und Ausblick: Kritische Reflexion der Umsetzbarkeit des Modells und Plädoyer für einen pragmatischen, integrativen Weg in der Schulpraxis.
Schlüsselwörter
Personenzentrierter Ansatz, Carl Rogers, Lehrerrolle, Unterrichtsentwicklung, Empathie, Kongruenz, uneingeschränkte Akzeptanz, Schülerzentrierung, Schulentwicklung, Lernzielorientierung, Personalkompetenz, Humanistische Pädagogik, Reformpädagogik, Signifikantes Lernen, Intersubjektivität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Übertragbarkeit des personenzentrierten Ansatzes von Carl Rogers aus der Psychotherapie auf den schulischen Unterricht und untersucht, wie dieser die Rolle der Lehrkraft transformieren kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert auf das Menschenbild Rogers', die Bedeutung der Basisvariablen im Unterricht, die Veränderung der Lehrer- und Schülerrollen sowie die strukturellen Widerstände im modernen Schulsystem.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es zu klären, welche Konsequenzen der personenzentrierte Ansatz für die professionelle Haltung von Lehrern hat und ob eine Integration in den bestehenden Schulalltag möglich ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf einer umfassenden Literaturanalyse wissenschaftlicher Fachpublikationen, Studien und didaktischer Konzepte basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die theoretischen Grundlagen nach Rogers, die praktischen Auswirkungen auf Unterricht und Rollenverständnis sowie die Grenzen und Widerstände, auf die Lehrkräfte bei der Umsetzung treffen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Personenzentrierung, Lehrerrolle, Schülerzentrierung, Empathie, Kongruenz, Schulentwicklung und die Integration von Lernzielorientierung.
Inwieweit lässt sich das Modell konkret in der Schule umsetzen?
Eine konsequente Umsetzung ist laut Autor schwierig, da schulstrukturelle Rahmenbedingungen wie Leistungsdruck und Lernzielvorgaben dagegenstehen. Er plädiert daher für eine eklektizistisch-integrative Lösung.
Warum lehnt der Autor eine radikale Umsetzung des Ansatzes ab?
Aufgrund der Komplexität und der unterschiedlichen Erwartungen an die Institution Schule hält der Autor eine radikale Umsetzung für in der Schulpraxis illusorisch und teilweise sogar problematisch.
- Quote paper
- Karsten Hartdegen (Author), 2006, Der personenzentrierte Ansatz von Carl Rogers im Schulunterricht und seine Auswirkungen auf die Lehrerrolle, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/205117