„Aber bei den Leuten angenommen zu sein, da fehlt es.“
Migranten und Migrantinnen erster bzw. zweiter Generation erfahren oftmals, wie schwer es sein kann, sich als integriertes Mitglied eines Einwanderungslandes zu fühlen. Nicht selten wird ihre teilweise äußerliche und sprachliche „Andersartigkeit“ von einem Teil einer Gesellschaft dazu genutzt, um sie auf ihre fremde Herkunft zu verweisen bzw. aufmerksam zu machen. Dieses kann oft mit weiteren ethnischen Vorurteilen verbunden sein, die jedoch nicht immer isoliert als einzelne Urteile oder Aussagen existieren müssen. Auch auf gesellschaftlicher Ebene zeigen sich übergeordnete Aussagesysteme, die in einem Wechselwirkungszusammenhang mit den Einstellungen von Personen stehen. So finden sich Vorurteile, Ansichten und Einstellungen als objektivierte und „materialisierte“ Vorkommnisse der Gesellschaft in beispielsweise einem Gesetzestext oder in einem Schulcurriculum wieder.
Im Folgenden soll anhand der Texte von Kirchhof, ergänzend Mäder, zunächst die gesetzliche Sprachregelung in Deutschland aufgezeigt werden, um dann die Ergebnisse von Leiprecht vergleichend heranzuziehen. So wird versucht zu klären, wie sich hierarchische Sprachvorstellungen und ein monolingualer Habitus im Gesetz darstellen und ob bzw. wie sich diese Strukturen im Alltagsdenken widerspiegeln. Anschließend wird erläutert, wann dieses Alltagsdenken als „alltagsrassistisches“ Denken gesehen werden kann, um dann im letzten Abschnitt Integration als einen von zwei Seiten nötigen, nämlich von den Migranten und der Einwanderungsgesellschaft ausgehenden Prozess zu beschreiben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Begriffsdefinition „autochthon – allochthon“
2. Der Nationalstaat als staatliche Organisation einer Sprachgemeinschaft
2.1 Sprachenpolitischer Umgang mit der Mehrsprachigkeit in Deutschland
2.2 Die Bedeutung der Sprache in der Anpassungsdebatte
2.3 Sprachenfreiheit und Sprachgebietsprinzip
2.4 Sprachanpassung
3. Hierarchie der Sprachen
3.1 Die Stellung der Migrantensprachen
3.2 Der monolinguale Habitus einer multilingualen Gesellschaft
3.3 Minderheitenschutz für Migrantensprachen
4. Macht durch Sprache
4.1 Neuer Rassismus – Alltagsrassismus
4.2 Selbstreflexion der Autochthonen
5. Integration als zweiseitiger Prozess
6. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle der Sprache innerhalb der deutschen Einwanderungsgesellschaft und analysiert, wie gesetzliche Vorgaben sowie ein monolingualer Habitus zu Machtstrukturen und Exklusionsmechanismen führen. Ziel ist es, die einseitigen Anpassungsforderungen an Migranten kritisch zu hinterfragen und ein Verständnis von Integration als zweiseitigen Prozess zu fördern, der die Vielfalt einer multilingualen Gesellschaft anerkennt.
- Sprachenpolitik und der Nationalstaat
- Hierarchisierung von Sprachen in Institutionen
- Alltagsrassismus und sprachliche Identitätszuweisungen
- Integration als wechselseitige Verpflichtung
Auszug aus dem Buch
4.1. Neuer Rassismus – Alltagsrassismus
Im Anpassungsdiskurs muss unterschieden werden zwischen konstruktiven Anpassungsforderungen und scheinbar harmlosen Äußerungen, die allgemeine Negativhaltungen oder nationalistisch-rassistische Tendenzen verbergen. So kann die Forderung nach Sprachanpassung auch verdeckt rassistische, nationalistische, ethnizistische Äußerungen beinhalten. Das Anpassungsargument Sprache kann in Einzelfällen oder von Personengruppen als Deckname genutzt werden. Und das, was rechtlich allgemein anerkannt ist, wird dann ausgedehnt, um weitere negative Bewertungen/ Rassismen zu äußern. Die eindimensional-nationale Orientierung und die damit einhergehende Sprachenhierarchie und Sprachenmacht ist eine weit verbreitete Aufforderung zur einseitigen Anpassung, die die multilinguale gesellschaftliche Realität verkennt bzw. ignoriert.
Anpassung wird dann problematisch, wenn sich eine Seite, hier der autochthone Bevölkerungsteil, das Recht herausnimmt, die Gestaltung der Anpassung zu bestimmen. Der dann resultierende neue Rassismus, auch Alltagsrassismus genannt, nimmt nicht mehr biologische Merkmale als Kriterium, sondern eine kulturelle Zuordnung vor. Das stetige Abgrenzen zeigt, dass viele autochthone Jugendliche, auf Unterschiede aufmerksam machen, anstatt gemeinsame Verhaltensweisen zu suchen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Integration und Definition der verwendeten Begrifflichkeiten „autochthon“ und „allochthon“.
2. Der Nationalstaat als staatliche Organisation einer Sprachgemeinschaft: Analyse des Zusammenhangs zwischen der deutschen Sprache als Integrationsfaktor und den rechtlichen Rahmenbedingungen eines einsprachig konstruierten Nationalstaates.
3. Hierarchie der Sprachen: Untersuchung der institutionellen Bevorzugung bestimmter Sprachen und der Diskriminierung von Migrantensprachen im Schul- und Gesellschaftskontext.
4. Macht durch Sprache: Erörterung der Verbindung von Sprache und Macht sowie der Manifestation von Alltagsrassismus durch kulturelle Abgrenzung und Identitätsrituale.
5. Integration als zweiseitiger Prozess: Plädoyer für ein Integrationsverständnis, das nicht nur Migranten zur Assimilation verpflichtet, sondern auch die Aufnahmegesellschaft zur Respektierung fremder Sprach- und Kulturerfahrungen auffordert.
6. Fazit: Zusammenfassende Reflexion über die Schwierigkeit, in einer mehrsprachigen Gesellschaft eindimensionale Denkmuster zu durchbrechen.
Schlüsselwörter
Integration, Nationalstaat, Mehrsprachigkeit, Alltagsrassismus, Migrantensprachen, Sprachenhierarchie, Assimilation, monolingualer Habitus, Sprache, Einwanderungsgesellschaft, Identität, Diskriminierung, Autochthon, Allochthon, Kultur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die gesellschaftliche und politische Rolle der deutschen Sprache im Kontext der Integration von Migranten und untersucht, wie Sprachenpolitik und Alltagsdenken zu Ausgrenzung führen können.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind der monolinguale Habitus des Nationalstaates, die Hierarchisierung von Sprachen, die Mechanismen des Alltagsrassismus sowie die Notwendigkeit einer beidseitigen Integration.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die einseitige Erwartungshaltung an Migranten zu hinterfragen und aufzuzeigen, wie Sprache als Instrument der Macht und Exklusion genutzt wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer diskursanalytischen Betrachtung von Fachliteratur sowie einer vergleichenden Auswertung empirischer Studien (u.a. Leiprecht), um Einstellungen von Jugendlichen und gesellschaftliche Diskurse zu spiegeln.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung rechtlicher Rahmenbedingungen der Sprachpolitik, die Analyse der institutionellen Sprachenhierarchie in Schulen und die Aufarbeitung von Formen des „neuen Rassismus“ im Alltag.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit maßgeblich?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie „Linguizismus“, „monolingualer Habitus“, „Assimilation“ und „zweiseitiger Integrationsprozess“ definiert.
Wie unterscheidet der Autor zwischen autochthonen und allochthonen Gruppen?
Der Autor definiert autochthon als in Deutschland geborene Personen ohne Migrationshintergrund und allochthon als Personen mit Migrationshintergrund, um eine wertungsneutrale Kategorisierung abseits von „deutsch“ oder „ausländisch“ zu ermöglichen.
Warum wird der „Herr-im-Hause-Standpunkt“ kritisiert?
Dieser Standpunkt wird kritisiert, da er eine einseitige Überlegenheit der Mehrheitsgesellschaft suggeriert und die Vielfalt einer multilingualen Realität durch rigide Assimilationsforderungen unterdrückt.
- Quote paper
- Nika Ragua (Author), 2006, Die Hierarchie der Sprachen, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/204206