Klassische Exegese zu Ex 2,1-10.
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Für den Text Exodus 2,1-10 liefert die BHS 14 textkritische Angaben. Die Feststellung und kritische Überlegung, sowie die Überprüfung der Textzeugen in den jeweiligen Ausgaben erbrachte keine Abwandlung des Textes der BHS. Im Folgenden sollen exemplarisch einige textkritische Überlegungen erläutern werden, die für ein interpretatorisches Verständnis der Perikope relevant sein könnten:
1a Und es ging ein Mann vom Haus Levi hin b und nahm (sich) die Tochter Levis. 2a Und die Frau wurde schwanger, und gebar einen Sohn, b und sie sah, dass er schön war, c und sie verbarg ihn drei Monate. 3a Und sie konnte ihn nicht mehr verbergen, b und sie nahm für ihn ein Schilfkästchen, und sie verpichte (es) mit Erdharz und Pech. c Und sie legte das Kind in es, d und legte (es) in das Schilf am Rand des Nils. 4a Und seine Schwester stellte sich hin von Ferne um zu wissen, b was mit ihm getan werde. 5a Und die Tochter des Pharao stieg hinab um sich im Nil zu waschen, b und ihre Dienerinnen gingen an der Seite des Nil (entlang). c Und sie sah das Kästchen in der Mitte des Schilfs d und sie sandte ihre Magd hin, und sie nahm es. 6a Und sie öffnete (es), b und sie sah ihn, das Kind. c Und siehe, (der) Knabe weinte, und sie hatte Mitleid mit ihm. d Und sie sagte: e "Das ist eins von den hebräischen Kindern." 7a Und seine Schwester sagte zu der Tochter des Pharao: b "Soll ich gehen und für dich eine stillende Frau von den Hebräerinnen rufen, c damit sie für dich das Kind säugen wird?" 8a Und die Tochter des Pharao sagte zu ihr: b "Geh!" c Und das Mädchen ging, und rief die Mutter des Kindes. 9a Und die Tochter des Pharao sagte zu ihr: b "Trage dieses Kind weg und säuge es für mich! c Und ich werde dir deinen Lohn (dafür) geben." d Und die Frau nahm das Kind und säugte es. 10a Und das Kind wurde groß, b und sie brachte es zur Tochter des Pharao. c Und es wurde für sie zu einem Sohn. d Und sie rief seinen Namen "Mose" (Herauszieher/Retter), und sie sagte: e „Denn vom Wasser habe ich ihn herausgezogen."[...]
Inhaltsverzeichnis
1. Textkritik
2. Formale Analyse
2.1 „Sitz im Buch“ und Kontextanalyse
2.2 Gliederung des Textes
3. Literarkritik
3.1 Literarische Uneinheitlichkeit des Textes
3.2 Literargeschichtliche Interpretation
4. Analyse des Grundtextes
4.1 Formmerkmale des Textes
4.2 Gattungsgeschichte
4.2.1 Analyse der Gattungsmerkmale
4.2.2 Die Sagenart und ihr "Sitz im Leben"
4.3. Formgeschichtlicher Vergleich
4.4 Motiv- und Begriffsgeschichte
4.4.1 Das "Wasser"-Motiv
4.4.2 Das "Verbergen"-Motiv
4.4.3 Der „Hebräer“ - Begriff
5. Redaktionsgeschichte
6. Gesamtinterpretation
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich zum Ziel, eine wissenschaftliche Exegese des Textes Exodus 2,1-10 (Die Geburt des Mose) durchzuführen. Die zentrale Forschungsfrage untersucht dabei sowohl die literarische Beschaffenheit des Textes als auch dessen redaktionelle Erweiterungen, um die Entstehung und theologische Bedeutung der Geburtsgeschichte im Kontext des gesamten Buches Exodus zu verstehen.
- Textkritische Analyse der hebräischen Überlieferung
- Untersuchung der formalen und literargeschichtlichen Struktur
- Gattungsbestimmung als Sage unter Einbeziehung des "Sitz im Leben"
- Vergleichende Analyse mit altorientalischen Sagenmotiven (u.a. Sargon-Legende)
- Interpretation der zentralen Leitmotive (Wasser, Verbergen, Hebräer-Begriff)
Auszug aus dem Buch
4.4.1 Das "Wasser"-Motiv
Als erstes ist das "Wasser"-Motiv zu nennen. מים findet sich in allen natürlichen Bereichen und ist unter anderem im Meer (ים), in Flüssen (נהר) und in Brunnen (באר) vorhanden. Sie alle haben ihren Ursprung im Urozean (תהום) und haben dadurch einen mythologischen Aspekt inne. Eine weitere Geschichte, in der Wasser eine zentrale Rolle spielt, ist die ebenso sagenhafte Erzählung vom Durchzug der Israeliten durch das Schilfmeer (Ex 14). Dabei wird JHWHs Macht über die Naturgewalten und seine besondere Beziehung zu seinem erwählten Volk verherrlicht. Weil JHWH eben diese Macht über das Wasser hat, kann er damit auch alles machen. So ist es auch seine Entscheidung, dass sich in Ex 7 die Schleusen des Himmels öffnen und damit eine Sintflut ausgelöst wird. Des Weiteren spielt das Wasser auch in den Schöpfungserzählungen eine wichtige Rolle. Es ist seine Selbstverständlichkeit, welches es von den anderen Schöpfungen deutlich hervorheben lässt, denn es musste nicht erst geschaffen werden, sondern war schon von Anfang an vorhanden. Von den eben genannten Wassern ist der Fluss Nil (יאר) für die dort lebenden Völker der Bedeutendste.
Man kennt seinen großen Einfluss für die Fruchtbarkeit des Landes und ist sich somit auch den verheerenden Folgen von Wassermangel im Klaren. Wasser wird im Alten Testament unterschiedlich konnotiert: Einerseits wird es sowohl als lebenspendendes Element, als Grundlage jedes Lebens angesehen, aber auch als zerstörerische, todbringende Kraft. Diese beiden unterschiedlichen Charakteristiken verbinden sich in Moses Rettungsgeschichte, da Mose zu Beginn in die gefährlichen Fluten des Nils gesetzt wird, aber später doch noch aus ihnen errettet wird. Das wiederum stimmt mit den Metaphern überein, in denen Gott als Quelle des Lebens bezeichnet wird und Leben spendet: Gott spendet dort Segen und Leben, wo es am meisten gefährdet ist. Durch diese Geschichte wird die zentrale Bedeutung des Nils nicht nur für das Leben der Ägypter, sondern auch für das der Israeliten aufgezeigt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Textkritik: Untersuchung der textkritischen Angaben der BHS für Exodus 2,1-10, die zeigt, dass keine Abweichungen des masoretischen Textes notwendig sind.
2. Formale Analyse: Beschreibung der Einbettung der Perikope in den Kontext des Exodus-Buches sowie eine Gliederung des Textes in narrative Abschnitte.
3. Literarkritik: Analyse der stilistischen Spannungen und der literarischen Uneinheitlichkeit, die auf eine redaktionelle Schichtung des Textes hindeutet.
4. Analyse des Grundtextes: Untersuchung der ursprünglichen Erzählung hinsichtlich ihrer Formmerkmale, Gattung (Sage) und ihrer Motive.
5. Redaktionsgeschichte: Erörterung der Gründe und Funktionen der späteren Zusätze, insbesondere des Schwesternzusatzes, für die theologische Gesamtaussage.
6. Gesamtinterpretation: Synthese der Ergebnisse, die Mose als erwählten Retter und die Bedeutung des Gottesvertrauens im familiären Kreis hervorhebt.
Schlüsselwörter
Exodus, Mose, Geburt, Exegese, Altes Testament, Sage, Ätiologie, Nil, Sargon-Legende, Redaktion, Hebräer, Adoption, Wasser-Motiv, Verbergen-Motiv, Gottesvertrauen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit bietet eine exegetische Analyse der Geburtsgeschichte des Mose in Exodus 2,1-10 und untersucht deren literarische Entstehung sowie ihre theologischen Funktionen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Schwerpunkten zählen die literarische Uneinheitlichkeit des Textes, die gattungskritische Einordnung als Sage sowie die Analyse zentraler Motive wie Wasser und Verbergen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie durch eine redaktionelle Erweiterung der ursprünglichen Wundererzählung ein tieferes theologisches Verständnis der Rettung Moses und seiner Rolle als Befreier Israels erreicht wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es wird eine historisch-kritische Exegese angewandt, inklusive textkritischer, literarkritischer und formgeschichtlicher Methoden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte formale Analyse, die Untersuchung literarischer Brüche, den Vergleich mit außerbiblischen Sagen und eine fundierte Motivgeschichte.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit maßgeblich?
Wichtige Schlüsselbegriffe sind Exegese, Hebräer-Begriff, Sagenart, Redaktionsgeschichte und der Kontext der ägyptischen Unterdrückung.
Inwiefern spielt die "Sargon-Legende" eine Rolle?
Die Sargon-Legende dient als wichtiges Vergleichsbeispiel für die Erzählstruktur der Aussetzung und Rettung eines Kindes, um die Einzigartigkeit der Mose-Erzählung zu untermauern.
Warum wird Mose erst in Ex 6,20 namentlich durch seine Eltern eingeführt?
Die Arbeit verdeutlicht, dass die namentliche Nennung in der Perikope zweitrangig gegenüber der ethnologischen Identifikation als Levi-Nachkomme ist; die Genealogie folgt erst später als strukturierendes Element wichtiger biblischer Persönlichkeiten.
Was ist die Funktion des "Schwesternzusatzes" im Text?
Der Zusatz (Verse 4, 7-10b) ermöglicht es dem Redaktor, die Familie des Mose stärker in die Rettungsgeschichte einzubinden und so eine Familiensage zu schaffen, die von Vertrauen auf Gott zeugt.
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- Julia Gleich (Author), 2011, Exegese Ex 2,1-10 - Die Geburt Mose, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/204193