Auf der Bühne der Epistemologie des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts ist es zu einer signifikanten Umbesetzung gekommen. Ins Rampenlicht der Theoriebildung tritt nun eine Gestalt, die bis dahin weitestgehend zu einer Existenz jenseits zentraler Debatten und Be-trachtungen verurteilt war. Die Gestalt, von der hier die Rede ist, ist die Figur des Dritten. Als Mittler-, Überschreitungs- und Hybridgestalten unterlaufen diese die klassische abendländische binär organisierte Episteme. Effekte oder Figuren des Dritten entstehen in dem Maß, in dem intellektuelle Operationen nicht mehr bloß zwischen den beiden Seiten einer geltenden Unterscheidung hin- und herlaufen, sondern der Akt des Unterscheidens selbst zum Gegenstand und Problem wird.
Im Folgenden möchte ich mich mit zwei konkreten Bewohnern epistemischen Zwischenräume auseinandersetzten, einmal mit Michel Serres Parasiten, bis dato als Schädling aus der Welt der reinen und ordnungsgemäßen Beziehungen eliminiert, und jetzt plötzlich zu theoretischen Würden gelangt, und zum anderen mit der Figur des Cyborgs, originär im Sinne der Konstruktion von Donna Haraway. Mit dem Parasiten und dem Cyborg stelle ich zwei Figuren zur Diskussion, die beide in den epistemischen Nischen zu Hause sind und dort wirken, bzgl. ihrer Struktur und Konzeption jedoch unterschiedlicher nicht sein können, was im Laufe der Untersuchung zu zeigen ist. Mit Blick auf den wissenschaftsphilo-sophischen Kontext muss ich ebenso die Frage stellen, ob die beiden Figuren in dieser Rahmung eine Art Modellcharakter offenbaren, mit dem bestimmte wissenschaftliche Phä-nomene erklärt werden können und wenn ja, welche.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Epistemologie des Parasitären
2.1. Das Phänomen des Parasitären
2.2. Die Logik des Parasitären
2.2.1. Der Begriff
2.2.2. Transformationsräume und Black-box
2.2.3. Der Dritte
2.2.4. Kommunikation - Rauschen
2.2.5. Parasitenlärm - Störung
2.2.6. Was leistet die Logik des Parasitären im Rahmen von Wissenschaft und Philosophie?
3. Die Grenzen verschwimmen. Cyborgs jenseits von Mensch und Maschine
3.1. Das Konzept des Cyborgs
3.2. Cyborgs: Diskurs der Technik-Körper-Grenzüberschreitung
3.2.1. Das Projekt „Cyborg“ im Kontext virtualisierter Kommunikation
3.2.1.1. Stufen natürlicher Identitätsbildung
3.2.1.2. Virtualisierte Identitätsgenese
4. Über Parasiten und Cyborgs… Mein Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die wissenschaftstheoretischen Konzepte des Parasiten (nach Michel Serres) und des Cyborgs (nach Donna Haraway) als zentrale „Figuren des Dritten“, die bestehende dualistische Ordnungen unterlaufen, um ihren Modellcharakter für die Erklärung komplexer technischer und sozialer Phänomene in der Moderne zu analysieren.
- Epistemologie der parasitären Logik und ihre Rolle in Kommunikationssystemen.
- Strukturanalyse des Cyborg-Konzepts als Mensch-Technik-Hybrid.
- Untersuchung der Identitätsbildung in virtualisierten Kommunikationsumgebungen.
- Hinterfragung der Grenze zwischen Mensch und Maschine im Zeitalter der Virtual Reality.
Auszug aus dem Buch
2.2.4 Kommunikation - Rauschen
Serres originäres Kommunikationsmodell setzt sich aus zwei Stationen und einem Kanal zusammen, der beide Stationen verbindet. Der Parasit, der sich dem Fluß der Relation aufpfropft, ist in der Position des Dritten.40 Soweit ist uns alles vertraut. Da Kanal und Parasit nicht zu entkoppeln sind, wird der Kanal zwischen den beiden Stationen ersetzt durch den einfach gerichteten Pfeil des Parasiten.41 Das ist das elementare Glied der Parasitenkette, und jeder Parasit wird seinerseits zum Wirt für einen anderen Parasiten, bis der erste Parasit an die Stelle des letzten tritt und das System mit sich selbst rückkoppelt.42 Mittels der Rückkoppelung des ersten mit dem letzten Parasiten kommt die Dimension des Rauschens zum Vorschein, die Bewegung des Systems zwischen Gabe und Entzug.
Die Parasiten sind stets da, wenn das Signal, das sie vertreibt, nicht da ist: „Nur das deutliche Signal bringt sie [die Parasiten] zum Verschwinden. Sie sind unvermeidlich, ganz wie das Hintergrundrauschen. Das Hintergrundrauschen ist der Grund des Seins, das Parasitentum ist der Grund der Beziehung […]. Das System oszilliert, man kann es leicht konstruieren. Es existiert ganz, es kehrt ins Nichts zurück, je nach dem Geräusch, seiner Länge, seiner Zeit. Das Rauschen, seine Anwesenheit oder sein Fehlen, das Blinken des Signals, produziert das neue System, das heißt die Oszillation.“43
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die epistemologische Bedeutung der „Figur des Dritten“ ein und skizziert das Vorhaben, die Konzepte des Parasiten und des Cyborgs als Gefährten der modernen Wissenschaftstheorie zu untersuchen.
2. Epistemologie des Parasitären: Dieses Kapitel analysiert das Werk von Michel Serres und zeigt auf, wie der Parasit als Störer und konstitutives Element von Kommunikationssystemen die Logik der Relation neu definiert.
3. Die Grenzen verschwimmen. Cyborgs jenseits von Mensch und Maschine: Hier wird Donna Haraways Cyborg-Konzept beleuchtet und in den Kontext von virtuellen Identitätsbildungsmodellen gesetzt, um die Mensch-Maschine-Beziehung zu hinterfragen.
4. Über Parasiten und Cyborgs… Mein Fazit: Das abschließende Kapitel reflektiert den Schreibprozess, fasst die Erkenntnisse über beide Figuren zusammen und bekräftigt die Bedeutung der parasitären Logik für das Verständnis von Systemdynamiken.
Schlüsselwörter
Parasit, Cyborg, Michel Serres, Donna Haraway, Figur des Dritten, Wissenschaftstheorie, Kommunikation, Rauschen, Identitätsbildung, Systemtheorie, Virtual Reality, Black-box, Intersubjektivität, Hybridität, Technikphilosophie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Seminararbeit behandelt die wissenschaftstheoretischen Figuren des Parasiten und des Cyborgs als Konzepte, die abendländische binäre Denkmuster infrage stellen und als „Figuren des Dritten“ neue Perspektiven auf Kommunikation und Identität eröffnen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Arbeit fokussiert sich auf Epistemologie, Kommunikationstheorie, die Philosophie der Technik und die Frage nach der Identitätsbildung in einer zunehmend virtualisierten Umwelt.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Konzepte des Parasiten nach Michel Serres und des Cyborgs nach Donna Haraway zu skizzieren, deren diskursive Attraktivität zu untersuchen und zu prüfen, ob sie Modellcharakter für die Erklärung komplexer wissenschaftlicher Phänomene besitzen.
Welche wissenschaftlichen Methoden finden Anwendung?
Die Arbeit nutzt eine wissenschaftsphilosophische Analyse, die durch die Auseinandersetzung mit Primärtexten (Serres, Haraway) sowie durch den Rückgriff auf systemtheoretische und identitätstheoretische Ansätze (z.B. George H. Mead) geprägt ist.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Analyse der parasitären Logik bei Michel Serres (Relation, Rauschen, Black-box) und die Untersuchung des Cyborg-Konzepts als Mensch-Technik-Hybrid, inklusive eines praktischen Ausblicks auf virtuelle Identitätsgenese.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Parasit, Cyborg, Figur des Dritten, Rauschen, Kommunikation, Systemtheorie, Hybridität und Virtual Reality.
Inwiefern beeinflusst Michel Serres’ Parasiten-Konzept die Kommunikationsanalyse?
Serres bricht mit linearen Kommunikationsmodellen und definiert den Parasiten als konstitutives Element jeder Relation; Kommunikation ist für ihn untrennbar mit Rauschen und der ständigen Gefahr der Unterbrechung durch den „Dritten“ verbunden.
Kann ein künstlicher Agent nach dem vorgestellten Modell als Cyborg gelten?
Die Arbeit argumentiert, dass ein intelligenter Agent zwar im engeren Sinne mangels organischer Anteile kein Cyborg ist, im weiteren Sinne jedoch als Mensch-Technik-Beziehung, die über menschliche Identitätsbildungsmodelle erlernt, als Cyborg konzipiert werden kann.
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- Dipl.-Ing. Dipl.-Wirtschaftsing. Karin Ulrich (Author), 2012, Der Parasit und der Cyborg: Zwei Gefährten in den Wissenschaftstheorien des 20. und 21. Jahrhunderts und zwei Fährten, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/203940