Die seit den 1980er Jahren immer schneller voranschreitende Globalisierung hat zur Integration der Volkswirtschaften vieler Entwicklungsländer (EL) in die internationale Produktion und den Welthandel geführt. Dabei ist jedoch von Land zu Land unterschiedlich, ob diese Integration die Entwicklung aller wirtschaftlichen Sektoren fördert und zur Verminderung der Armut beiträgt oder ob sie die Not der Bevölkerung sogar noch vergrößert. Denn die Öffnung der Märkte und Liberalisierung des Handels bedeutet auch eine Zunahme an ausländischen Direktinvestitionen durch Transnationale Konzerne (Transnational Corporations, TNCs) sowie die Verstärkung der internationalen Arbeitsteilung.
Die erhöhte wirtschaftliche Aktivität von TNCs in Entwicklungsländern bedingt auf der einen Seite zwar wirtschaftliches Wachstum. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Negativeffekte, die unter anderem an der sozialen Situation einzelner Bevölkerungsgruppen erkennbar sind. In Indien beispielsweise müssen Kleinbauern als Folge der internationalen Arbeitsteilung von der Subsistenzwirtschaft (der gebrauchswertorientierten Produktion für den Eigenbedarf sowie lokale und regionale Märkte) zur kommerzialisierten Form der Landwirtschaft übergehen, um größere Mengen für den Export zu produzieren. Dafür Anbau bedarf es heutzutage jedoch einer kapital- und chemikalienintensiven Methode des Landbaus sowie des Gebrauchs von gentechnisch verändertem Saatgut, wodurch Transnationale Agrarkonzerne profitieren.
Einer dieser Konzerne ist Monsanto, ein Transnationales Agrarunternehmen mit Sitz in den USA, der in Indien u.a. die gentechnisch veränderte Bt-Baumwolle (oder auch Bt cotton) vertreibt. Laut Konzern steigert Bt cotton den Ertrag und verringert die Kosten für Bauern, sodass es aktiv zur Armutsminderung beiträgt. Doch seit einigen Jahren häufen sich Beiträge in Presse und Literatur, die Sorte halte nicht das, was sie verspreche, sondern führe vor allem unter den Kleinbauern Indiens zu hohen Schulden und sogar Selbstmord. Monsanto hingegen mache durch den Verkauf des Saatguts Millionengewinnen. Anhand dieses Beispiels diskutiert die vorliegende Arbeit, ob und inwieweit die Tätigkeiten Transnationaler Konzerne positive oder negative Folgen für Entwicklungsländer haben.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Dimensionen der Dependenztheorie
2.1 Entstehungsgeschichte und theoretischer Ursprung
2.2 Kernaussagen
2.3 Modelltheoretisches Fundament
2.4 Theoretische Ansätze
2.4.1 Strukturalistischer Ansatz
2.4.2 Die Ausbeutungsthese
2.4.2.1 Indirekte Ausbeutung
2.4.2.2 Direkte Ausbeutung
2.5 Merkmale Transnationaler Konzerne
2.6 Die dependenztheoretische Sicht auf Transnationale Konzerne
3 Transnationale Konzerne in Entwicklungsländern – Das Beispiel Indien und Bt cotton
3.1 Die Rolle Transnationaler Agrarkonzerne in Entwicklungsländern
3.2 Indien – Schwellen- oder Entwicklungsland?
3.3 Geschichte des indischen Agrarsektors von der Kolonialzeit bis heute
3.4 Was ist Bt cotton?
3.5 Die Einführung von Bt cotton in Indien
3.6 Der Misserfolg von Bt cotton in Andhra Pradesh
3.6.1 Finanzielle und soziale Folgen für die indischen Kleinbauern
3.6.2 Die wirtschaftlichen Gewinne Monsantos
4 Die Konsequenzen der wirtschaftlichen Tätigkeit Transnationaler Konzerne in Entwicklungsländern – Globalisierungsproblem oder Folge struktureller Abhängigkeit?
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht anhand des Fallbeispiels der Einführung von Bt-Baumwolle durch den Konzern Monsanto in der indischen Provinz Andhra Pradesh, inwieweit die Tätigkeiten transnationaler Konzerne positive oder negative Folgen für Entwicklungsländer haben, wobei die Aktualität der Dependenztheorie als analytischer Rahmen kritisch geprüft wird.
- Analyse der theoretischen Dimensionen der Dependenztheorie
- Charakterisierung transnationaler Konzerne und deren Rolle in der Peripherie
- Untersuchung des Agrarsektors in Indien unter dem Einfluss gentechnisch veränderter Sorten
- Diskussion der sozioökonomischen Auswirkungen auf indische Kleinbauern
- Bewertung der Konzernstrategien und deren Beitrag zur strukturellen Abhängigkeit
Auszug aus dem Buch
3.6.1 Finanzielle und soziale Folgen für die indischen Kleinbauern
Wie in Kapitel 3.5 angesprochen, sind die Kleinbauern Indiens zur Bewirtschaftung ihrer Ackerfläche auf das sogenannte contract farming angewiesen, so auch beim Anbau von Bt cotton. Um ihre ein bis zwei Hektar Land bestellen und Baumwolle produzieren zu können, müssen sie sowohl Saatgut, Dünger und Pflanzenschutzmittel als auch Transport und Vermarktung der Ernte sowie weitere mit dem Anbau verbundene Kosten tragen (vgl. Robin 2008, 292; Qayum/Sakkhari 2006, 7). Hierfür nehmen sie bei den Händlern, die mit Monsanto kooperieren und das Bt-Saatgut verkaufen, Kredite auf.
Dabei hängt es von der zu bestellenden Fläche, der Anzahl der benötigten Saatgut-Päckchen (in einer Saison kann eine mehrmalige Aussaat durch schlechte Wetterbedingungen notwendig sein) und des übrigen Inputs ab wie hoch die Kredite am Ende der Saison letztendlich sind (vgl. Robin 2008, 292). Die Summe kann insgesamt zwischen 15 Tsd. und 60 Tsd. Rupien liegen (vgl. ebd.). Ferner sind die Zinsen, welche die Händler generell für einen Kredit verlangen, sehr hoch und betragen teilweise bis zu 48 Prozent (vgl. ebd., 292; Shiva/Emani/Jafri 1999, 603), sodass hierdurch ein weiterer Kostenfaktor entsteht. Außerdem haben viele Bauern einen Teil der Fläche, die sie bewirtschaften, gepachtet (vgl. Shiva/Jafri 1998, 35f.). Es kommen also neben den Zahlungen für Kredit und Kreditzins noch Pachtgebühren zu den Schulden der Bauern hinzu. Zwar sind dies Kosten, die unabhängig vom angebauten Produkt anfallen. Allerdings sind sie im Fall von Bt cotton aufgrund des Preises für Saatgut und Pestizide höher als beim Anbau anderer Nutzpflanzen. Mit den Einnahmen aus dem Verkauf der Bt-Ernte, die für einen Kleinbauern mit zwei Hektar Land, wie Kapitel 3.6 zeigt, 30,000 Rupien oder weniger betragen, ist es zudem für viele von ihnen unmöglich, die Schulden zu begleichen bzw. gar Geld für die folgende Saison zurückzulegen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung stellt die Globalisierung und die Rolle transnationaler Konzerne als Ausgangspunkt dar und führt in das Fallbeispiel der gentechnisch veränderten Baumwolle in Indien ein.
2 Dimensionen der Dependenztheorie: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen der Dependenztheorie, ihre Modelle sowie die kritische Sichtweise auf transnationale Akteure.
3 Transnationale Konzerne in Entwicklungsländern – Das Beispiel Indien und Bt cotton: Hier wird die Rolle von Agrarkonzernen in Entwicklungsländern analysiert und die Einführung von Bt-Baumwolle in der indischen Provinz Andhra Pradesh als Fallstudie detailliert betrachtet.
4 Die Konsequenzen der wirtschaftlichen Tätigkeit Transnationaler Konzerne in Entwicklungsländern – Globalisierungsproblem oder Folge struktureller Abhängigkeit?: In diesem Teil werden die Ergebnisse der Arbeit in die Globalisierungsdebatte eingeordnet und die Relevanz der Dependenztheorie für das Fallbeispiel kritisch hinterfragt.
5 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass die Dependenztheorie trotz ihrer theoretischen Defizite wertvolle Erklärungsansätze für die negative Dynamik zwischen Konzerninteressen und der wirtschaftlichen Situation von Kleinbauern liefert.
Schlüsselwörter
Dependenztheorie, Transnationale Konzerne, Monsanto, Bt-Baumwolle, Indien, Entwicklungsländer, Kleinbauern, Agrarsektor, Ausbeutung, strukturelle Abhängigkeit, Globalisierung, Kapitalabfluss, gentechnisch verändertes Saatgut, Landwirtschaft, contract farming
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Rolle transnationaler Konzerne in Entwicklungsländern und analysiert kritisch, ob deren wirtschaftliche Aktivitäten zu Entwicklung führen oder strukturelle Abhängigkeiten verstärken.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen umfassen die Dependenztheorie, die Strategien transnationaler Agrarkonzerne im globalen Süden und die sozioökonomischen Auswirkungen auf die landwirtschaftliche Produktion in Indien.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Untersuchung?
Die Forschungsfrage zielt darauf ab, zu klären, ob die Tätigkeiten transnationaler Konzerne (speziell am Beispiel von Monsanto in Indien) positive oder negative Folgen für Entwicklungsländer haben und inwieweit die Dependenztheorie diese Phänomene heute noch adäquat erklären kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine theoretische Auseinandersetzung mit der Dependenztheorie sowie eine fallstudienbasierte Analyse unter Verwendung von Primär- und Sekundärliteratur zu Monsanto und der indischen Agrarwirtschaft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische fundierte Einleitung der Dependenztheorie und eine empirische Fallstudie zur Einführung von Bt-Baumwolle in Andhra Pradesh, welche die finanziellen und sozialen Konsequenzen für Kleinbauern beleuchtet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Schlüsselbegriffe sind Dependenztheorie, transnationale Konzerne, Bt-Baumwolle, strukturelle Abhängigkeit, Kleinbauern, Agrarkonzerne und Ausbeutung.
Welche Rolle spielt Monsanto in der vorliegenden Untersuchung?
Monsanto dient als konkretes Fallbeispiel für einen transnationalen Konzern, der durch Monopolstellungen, Patentkontrolle und "contract farming" die landwirtschaftlichen Strukturen in der indischen Peripherie maßgeblich beeinflusst.
Warum wird Bt-Baumwolle in dieser Arbeit besonders hervorgehoben?
Bt-Baumwolle wird als technologische Innovation von Monsanto diskutiert, die unter dem Versprechen höherer Erträge eingeführt wurde, in der Praxis jedoch oft zu hoher Verschuldung, Verlusten und sozialen Krisen bei Kleinbauern führte.
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- Caroline Schiller (Author), 2011, Die Rolle transnationaler Konzerne in Entwicklungsländern am Beispiel der indischen Landwirtschaft - Zur Aktualität der Dependenztheorie , Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/202785