Die Summe der Eins ist Dreizehn - wie kann das sein? Hätten wir das früher unserem Mathematiklehrer gesagt, er hätte wohl bestenfalls darüber gelacht. Es sei denn, er wäre in die Symbolik der Hebräischen Bibel eingeweiht gewesen. Ihr ist dieses Buch gewidmet und den tieferen Bedeutungsschichten, welche die Bibel unabhängig von allen historischen Bedingtheiten und Entwicklungsständen enthält.
Symbole sind hier als sinnliche Zeichen gemeint, die auch zu Trägern geistiger Inhalte werden. Es sind Sinnbilder, die auf nicht direkt beobachtbare Seiten der Wirklichkeit verweisen. Dieser Technik bedienen sich auch die Naturwissenschaften. Dort werden Formalismen und Modelle verwendet, um bestimmte Wirklichkeitsausschnitte symbolisch zu repräsentieren. In der Bibel erfüllt die Sprache diese Funktion - zum Teil sichtbar in der Textstruktur und zum Teil erfassbar über die Zahlenwerte der hebräischen Buchstaben. So ist z. B. die Summe der 1 in der Tat 13, weil echad, das Wort eins im Hebräischen, aus drei Buchstaben besteht, deren Werte 1 (Aleph), 8 (Cheth) und 4 (Daleth) zusammen 13 betragen. Der Mathelehrer hätte also staunend feststellen können, daß sein Schüler mit der Eins und der Dreizehn bereits zwei wichtige Symbole für den einen Gott kennt. Das Wissen um diese Strukturen ordnet das Leben in Seins- aber auch in Sinnzusammenhänge ein. Das unterscheidet das biblische Weltbild doch sehr von vielen anderen Systemen, die wir uns schaffen, um uns in der Welt zu orientieren: es gibt dem Leben auch Sinn.
Eine Grundthese des Buches ist, dass die biblischen Geschichten durch verschiedene mythologische Bedeutungsräume wandern und ihre Protagonisten Beispielgestalten sind, die immer auch etwas vom Menschsein überhaupt aussagen. Im Verlauf der Geschichten verändern sich diese Räume und nehmen immer mehr Formen an, die unserer Erfahrungswelt entsprechen. Ausgehend von den ersten Menschen im Paradiesgarten, die noch völlig konturlose Urgestalten sind, wird über eine bestimmte Anzahl von Generationen das Menschliche immer weiter ausdefiniert und bekommen die beteiligten Figuren auch immer individuellere Züge. Dieser Ablauf wird vor allem anhand des Pentateuchs nachgezeichnet, da er das gesamte symbolische System bereits enthält. Der Verlauf ist in erster Linie nicht chronologisch zu verstehen; er spricht vielmehr verschiedene Wirklichkeitsschichten an, die mehr oder weniger vordergründig immer präsent sind - in der Außenwelt wie in der Innenwelt unseres Erlebens.
Inhalt
Vorwort
Schema des hebräischen Alphabets
Aufbau der Bibel
Die Schöpfung : Kosmische Ordnung und menschliche Lebenswelt
Die Sintflut – in eine neue Weltzeit schwimmen
Archiv der Völker : Vom Menschen zur Menschheit
Abraham und Isaac oder Vom männlichen und weiblichen Prinzip
Jacob und Esau oder Von Leib und Seele
Joseph : Fall und Aufstieg eines Träumers
Auszug aus Ägypten : Weg zur Gemeinschaft
Am Sinai – wenn sich Himmel und Erde berühren
Der Tempel als Abbild der Raumzeit – die Welt steht Kopf
Rein oder nicht rein, das ist hier die Frage
Wandern in der Wüste – ein Leben lang
An der Grenze zwischen den Welten
Statt eines Nachworts
Exkurs 1: Jacobs Segen und der Tierkreis
Exkurs 2: Der Dekalog
Exkurs 3: Von den dreizehn Eigenschaften Gottes
Exkurs 4: Schma‘ Jissrael – Vom Hören und Verstehen
Exkurs 5: Der Segen des Moses und das Land
Zielsetzung & Themen
Dieses Buch bietet eine Einführung in die Symbolik der Hebräischen Bibel und untersucht, wie Zahlen, Buchstaben und die hebräische Sprachstruktur verborgene Bedeutungsebenen und eine geistige Grundordnung im biblischen Kosmos offenbaren. Ziel ist es, dem Leser einen neuen Zugang zur Thora zu ermöglichen und aufzuzeigen, wie diese alten Texte auch heute noch eine lebendige Orientierung bieten.
- Symbolik von Zahlen und hebräischen Buchstaben
- Die komplementäre Dualität von männlichen und weiblichen Prinzipien
- Strukturen der Schöpfung und ihre Entsprechungen zur modernen Physik
- Verbindung von individueller Lebensgestaltung und allgemeiner Schöpfungsordnung
- Interpretation der Erzählungen der Erzeltern und der Wüstenwanderung als spiritueller Entwicklungsweg
Auszug aus dem Buch
Die Schöpfung : Kosmische Ordnung und menschliche Lebenswelt
Am Anfang war der große Knall, der Urknall. So lautet die heute noch immer am weitesten verbreitete Theorie über den Beginn des physischen Universums. Ob das zugleich der Endpunkt der Kontraktion eines früheren Universums war oder ein absoluter Anfang, wissen wir bislang nicht. Das ist übrigens auch in der Bibel nicht klar geregelt. Geregelt ist, daß die Schöpfung den Rahmen setzt für alles, was in unserer Lebenswelt passieren kann und wird. Die Schöpfung verleiht auch dem gesamten ersten Buch des Pentateuchs seinen Namen: Genesis. Eine stille, ungeschriebene Voraussetzung gibt es aber doch, ohne die die Dynamik des gesamten Prozesses nicht verstanden werden kann. Nennen wir sie einmal so: die Geschichte der Welt und des Menschen nimmt ihren Ausgang in der Einheit bei Gott. Vielleicht können wir uns das als eine unvorstellbar große Konzentration von Energie vorstellen. Aus diesem Zustand, noch vor der Existenz von Raum und Zeit, kanalisiert sich die erste Schöpfungstat: „Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde“; das ist der „Urknall“ des biblischen Kosmos.
Dabei entsteht nicht einfach eine Welt. Mit Himmel und Erde wird eine grundlegende Dualität geschaffen. Am Anfang war die Zwei. Zeitangaben werden hier noch nicht gemacht. Erst danach wird der weitere Verlauf der Schöpfung in einer Folge von Tagen erzählt. Sechs Tage dauert sie, und am siebten ist sie vollendet. Es ist allerdings fraglich, wie weit es sich bei den Tagen tatsächlich um Zeitangaben handelt. Sie enthalten wohl vielmehr die Information über eine Struktur; und die ist auch in jeder Bibelübersetzung sichtbar (Genesis 1:1-2:4).
Zusammenfassung der Kapitel
Die Schöpfung : Kosmische Ordnung und menschliche Lebenswelt: Einführung in die biblische Weltschöpfung als Prozess der Entstehung von Dualität aus der Einheit bei Gott.
Die Sintflut – in eine neue Weltzeit schwimmen: Analyse der Flutgeschichte als symbolischen Übergang zwischen zwei Weltordnungen und die Bedeutung des Schiffsbaus.
Archiv der Völker : Vom Menschen zur Menschheit: Untersuchung der Genealogien, die den Weg von der Gattung Adam bis hin zu Noah und den Völkern nachzeichnen.
Abraham und Isaac oder Vom männlichen und weiblichen Prinzip: Darstellung der Erzeltern als Prototypen, die das Zusammenspiel von männlichen und weiblichen Urprinzipien verkörpern.
Jacob und Esau oder Von Leib und Seele: Betrachtung der Zwillingsbrüder als Verkörperungen der Grundanteile von Leib und Seele im Menschen.
Joseph : Fall und Aufstieg eines Träumers: Josephs Geschichte als Sinnbild für das Schicksal eines Träumers und die Entwicklung hin zur gemeinschaftlichen Bestimmung.
Auszug aus Ägypten : Weg zur Gemeinschaft: Die Erzählung des Exodus als Aufbruch der Israeliten aus der Enge Ägyptens zu einer kollektiven Schicksalsgemeinschaft.
Am Sinai – wenn sich Himmel und Erde berühren: Die Offenbarung am Berg Sinai als zentrales Ereignis der Gesetzgebung und spirituellen Neuausrichtung.
Der Tempel als Abbild der Raumzeit – die Welt steht Kopf: Deutung des Stiftszeltes und Tempels als symbolisches Abbild der biblischen Welt- und Raumzeitordnung.
Rein oder nicht rein, das ist hier die Frage: Untersuchung der Reinheitsgebote als Instrumente zur Strukturierung des Lebens und zum Umgang mit der heiligen und profanen Sphäre.
Wandern in der Wüste – ein Leben lang: Interpretation der vierzigjährigen Wüstenwanderung als Lebensweg und Vorbereitung auf das gelobte Land.
An der Grenze zwischen den Welten: Zusammenfassende Betrachtung der spirituellen Grenzsituationen zwischen der Welt der Dualität und der Hoffnung auf Einheit.
Schlüsselwörter
Hebräische Bibel, Symbolik, Thora, Schöpfung, Einheit bei Gott, Dualität, Genesis, Exodus, Leben und Seele, Zahlenwerte, Hebräisches Alphabet, Weltbild, Offenbarung, Bund, Schabbat.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in diesem Buch grundsätzlich?
Das Buch bietet eine fundierte Einführung in die Symbolik der Hebräischen Bibel und erläutert, wie durch die Struktur des hebräischen Textes und Zahlenwerte ein tieferes Verständnis der biblischen Kosmologie gewonnen werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten gehören die Schöpfungsgeschichte, die Bedeutung biblischer Gestalten als symbolische Prototypen, das Verhältnis von Mensch und Welt sowie das Verständnis von Reinheit und Heiligkeit.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, dem Leser aufzuzeigen, dass die Bibel nicht nur eine historische Sammlung von Erzählungen ist, sondern ein komplexes symbolisches System, das eine zeitlose geistige Grundordnung vermittelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt die Analyse der hebräischen Sprachstruktur und der Zahlenwerte der Buchstaben (Gematrie), um symbolische Bezüge innerhalb der Texte der Tora freizulegen und in den Kontext religiöser und philosophischer Überlieferungen zu setzen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die fünf Bücher Mose im Detail, von der Erschaffung der Welt über die Erzählungen der Erzeltern bis hin zur Wüstenwanderung und dem Bau des Heiligtums.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind unter anderem Symbolik, Einheit bei Gott, Dualität, Genesis, Tora und Schöpfungsordnung.
Wie erklärt das Buch die Symbolik der Zahlen und Buchstaben?
Jeder hebräische Buchstabe besitzt einen festen Zahlenwert und eine Bedeutung. Die Kombination dieser Buchstaben im Text der Bibel verweist laut Autor auf tieferliegende symbolische Zusammenhänge, die über das wörtliche Verständnis hinausgehen.
Welche Bedeutung kommt dem Tempel in der Argumentation zu?
Der Tempel wird als physisches Abbild der biblischen Raumzeitordnung begriffen. Seine Architektur und die Rituale im Tempel dienen dazu, das Verhältnis zwischen Gott und Mensch zu formalisieren und die Gemeinschaft spirituell zu festigen.
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- Dr. phil. Jona Kirchner (Author), 2014, Die Summe der Eins ist Dreizehn, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/202775