Ziel dieser Arbeit ist es, die Leibesphänomenologie Schmitz’ wiederzugeben und ihr Verhältnis zur wissenschaftlichen Methode sowie deren Anwendung auf den menschlichen Körper (in Form der Neuroprothetik) darzustellen, um schließlich zu zeigen, dass diese Synthese ein hinreichend holistisches Theoriefundament liefert, um die Technisierung des Menschen in Bahnen zu leiten, die seinem Wesen angemessen bleiben – sodass der Mensch die Angst vor dem Sechs-Millionen-Dollar-Mann (und dessen erweiterten Versionen) verliert.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Der beseelte Leib. Schmitz’ Position
2.1 Ontologie
2.1.1 Objektive und subjektive Sachverhalte
2.1.2 Situationen
2.1.2.1 Die persönliche Situation und die persönliche Welt
2.1.3 Allgemeine Gegenstände
2.2 Der Leib
2.2.1 Engung und Weitung
2.2.2 Der Richtungsraum
2.2.3 Einleibung
2.3 Der Übergang zur Körperlichkeit
3 Der Körper als Baustelle
3.1 Analogien zwischen Leib und Körper
3.2 Die Technik und der Körper
3.3 Möglichkeit und Grenzen von Neuroprothesen
3.4 Die Verortung des Leibs im wissenschaftlichen Kontext
4 Der Leib-Körper-Holismus
4.1 Der Radikale Konstruktivismus als Paradigma zur Neubewertung der Objektivität
4.1.1 Konsequenzen aus dem Radikalen Konstruktivismus
5 Ausblick: Holistische Veränderung
Zielsetzung und Themen
Ziel der Arbeit ist es, die Leibesphänomenologie von Hermann Schmitz mit der wissenschaftlichen Praxis der Neuroprothetik zu verknüpfen, um ein holistisches Theoriefundament zu schaffen, das die Technisierung des Menschen ethisch und philosophisch in Bahnen lenkt, die seinem Wesen angemessen bleiben.
- Leibesphänomenologie nach Hermann Schmitz als philosophische Grundlage
- Kritische Auseinandersetzung mit der naturwissenschaftlichen Reduktion des Körpers
- Analyse von Neuroprothesen und technischen Möglichkeiten der Körpererweiterung
- Vermittlung zwischen phänomenologischem Leibverständnis und objektiver Körperwissenschaft
- Theorie des Radikalen Konstruktivismus als Brückenschlag für eine neue Sicht auf den Menschen
Auszug aus dem Buch
3.2 Die Technik und der Körper
Heidegger bestimmt das Wesen der Technik (das Ge-stell) als eine Auslegungstendenz bezüglich der Natur (als Bestand) durch den Menschen dergestalt, dass jene herausgefordert, d. h. auf ihre Nützlichkeit hin entworfen wird. Was auf diese Weise ausgelegt wird, bringt sich nicht selbst hervor und kann daher (in seiner fertig-transformierten Gestalt) immer anders ausfallen. Darum muss diese Zielgestalt vor der Verfertigung vollständig entworfen werden. Im Zuge der wissenschaftlichen Reduktion des Menschen auf seinen Körper (mitsamt des Gehirns) kann dieser aufgrund seiner materiell gleichartigen Beschaffenheit als Teil der Natur betrachtet werden. Heideggers Ansatz in eine andere Richtung weiterdenkend, kann man nun fragen: Wie nah kann uns die Technik sprichwörtlich auf den Leib rücken? Ich habe das Nervensystem als das Medium der Kommunikation und Verbindung (durch Wahrnehmung, Spüren und handlungstechnische Kontrolle) zwischen Umwelt und Bewusstsein bestimmt. Da der Ort des Bewusstseins, das Gehirn, noch unzureichend erforscht ist, kann sich das Verständnis und damit die Nachahmung und Nutzbarmachung des Körpers bislang „nur“ auf das periphere Nervensystem beschränken. Das Forschungsgebiet dieser derzeit äußersten Nähe der Technik ist die Neurotechnologie bzw. Neuroprothetik. Um ein Bild ihres Anwendungsgebiets zu vermitteln, werde ich im Folgenden einige Beispiel aus der aktuellen Forschung auflisten.
Neuroprothesen sind technische Ersatzteile, die von ihrer Grundidee her die ausgefallene oder beeinträchtigte Funktion eines Körperteils wiederherstellen sollen. Ihre Herstellung beruht auf dem Prinzip der Bionik, der Nachahmung der Natur durch technische, also vom Menschen hergestellte Mittel. Ihr spezielles Einsatzgebiet konzentriert sich auf das Nervensystem, mit dem Ziel, eine direkte Kontrolle des Menschen über artifizielle Gegenstände und eine direkte Kommunikation mit ihnen zu ermöglichen. Dies geschieht dadurch, dass die Neuroprothesen mit Teilen des Nervensystems über eine geeignete Schnittstelle (ein Neuro-Interface) in direkte Wechselwirkung treten. Dabei gibt es zwei verschiedene Arten:
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Arbeit führt in die Problematik der Technisierung des menschlichen Körpers ein und stellt die Frage nach der Bewahrung des menschlichen Wesens im Lichte der Leibesphänomenologie.
2 Der beseelte Leib. Schmitz’ Position: Einführung in die Ontologie der Neuen Phänomenologie, wobei Begriffe wie subjektive Sachverhalte, Situationen und das Phänomen des Leibes grundlegend erläutert werden.
3 Der Körper als Baustelle: Untersuchung der technischen Eingriffsmöglichkeiten am Körper durch Neuroprothetik sowie die Analyse der Analogien zwischen dem Leib-Verständnis und dem physiologischen Körper.
4 Der Leib-Körper-Holismus: Zusammenführung von phänomenologischer und naturwissenschaftlicher Sichtweise mittels der Theorie des Radikalen Konstruktivismus.
5 Ausblick: Holistische Veränderung: Reflexion über die Sinnhaftigkeit der menschlichen Existenz angesichts der Möglichkeit, den Körper durch Technik grundlegend zu verändern.
Schlüsselwörter
Leibesphänomenologie, Hermann Schmitz, Neuroprothetik, Technikphilosophie, Radikaler Konstruktivismus, Leib-Seele-Problem, Bionik, Körperlichkeit, In-der-Welt-sein, Neurotechnologie, Objektivität, Subjektivität, Mensch-Maschine-Schnittstelle, Identität, Anthropologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die philosophischen Implikationen der technologischen Veränderbarkeit des menschlichen Körpers, insbesondere durch Neuroprothesen, basierend auf Hermann Schmitz’ Leibesphänomenologie.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die phänomenologische Leib-Theorie, die neurobiologische Forschung zur Körperfunktion, die moderne Neurotechnologie und die erkenntnistheoretische Perspektive des Radikalen Konstruktivismus.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, ein holistisches Theoriefundament zu entwickeln, welches die Technisierung des Körpers in eine Form bringt, die das menschliche Wesen achtet und die Angst vor einer rein technokratischen Zukunft mindert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin/der Autor verwendet eine phänomenologische Methode nach Hermann Schmitz, kombiniert mit Analogieschlüssen zwischen biologischen Befunden und leibphilosophischen Strukturen sowie einer hermeneutischen Einordnung durch den Radikalen Konstruktivismus.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Erläuterung der Neuen Phänomenologie, die Beschreibung der aktuellen Möglichkeiten der Neuroprothetik und die Synthese beider Bereiche, um eine neue Perspektive auf den Menschen als "leibliches und körperliches Wesen" zu gewinnen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Leibesphänomenologie, Neuroprothetik, Radikaler Konstruktivismus, Leib-Körper-Holismus und Technisierung.
Was bedeutet der Begriff "Leibesinseln" im Kontext der Arbeit?
Leibesinseln bezeichnen Bereiche des eigenen Leibes, in denen Spüren stattfindet – ein flächenloses, voluminöses Erleben, das sich vom mathematisch-koordinierbaren Raum des "Körpers" unterscheidet.
Wie unterscheidet der Autor zwischen "Leib" und "Körper"?
Der Leib ist die phänomenologische Ebene des Spürens und der Sinnstiftung, während der Körper als objektiver, wissenschaftlich messbarer Gegenstand aufgefasst wird, der durch materielle Reduktion zugänglich ist.
Welche Rolle spielt der Radikale Konstruktivismus bei der Lösung des Leib-Körper-Problems?
Er dient als Brücke, indem er zeigt, dass sowohl objektive (wissenschaftliche) als auch subjektive (leibliche) Beschreibungen der Welt kontextabhängige Interpretationen sind, wodurch der scheinbare Widerspruch zwischen Geist und Materie aufgelöst werden kann.
- Arbeit zitieren
- Tassilo Weber (Autor:in), 2012, Wer hat Angst vorm Sechs-Millionen-Dollar-Mann?, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/201394