Die vorliegende Arbeit soll versuchen, einige der scheinbar unzähligen Bezüge in Alan Moore’s Comic "The League of Extraordinary Gentlemen" zur Viktorianischen Literatur des neunzehnten Jahrhunderts herzustellen und zu erläutern. Die Vielschichtigkeit von Alan Moores’ Werk zeichnet sich nicht nur durch die sehr originelle Kombination verschiedenster Protagonisten aus literarischen Werken des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts, sondern auch durch die Bezugnahme auf die Publikationsformen der damaligen Zeit aus und arbeitet parallel zu der eigentlichen Geschichte der „Liga“ in höchst selbstreflektiver Weise auch die Entwicklung der Bildgeschichte und des Comics an sich auf. Die Protagonisten der LOEG sind allesamt aus Romanen des 19. Jahrhunderts entlehnt und bilden mit ihren starken Egos eine sehr heterogene Gruppe, deren Aufgabe der Schutz des Empires vor seinen Feinden ist (In Band I: Prof. Moriarty; in Band II: Marswesen).
Die Gestaltung der einzelnen Sammelbände (Band I und II bestehen ursprünglich aus jeweils 6 Einzelheften) wurde zudem dem Layout bekannter Literaturmagazine der Zeit – wie z.B. dem Strand Magazine – nachempfunden, was bedeutet, dass die LOEG nicht nur aus den Bildgeschichten der „Liga“ an sich bestehen, sondern zudem z.B. auch illustrierte Geschichten, die weitere Abenteuer von einzelnen Protagonisten der LOEG erzählen (wie z.B. Allan Quatermain), oder auch originale Werbeanzeigen der Zeit enthalten.
Jeder Aspekt der Gestaltung der LOEG – sei es die Auswahl der Protagonisten, die Etablierung eines bestimmten Weltbildes, das Setting, die Einbindung weiterer Geschichten oder die Illustration der Bände durch originale Werbeanzeigen – unterliegt somit dem Versuch, auf Ebene der Comicliteratur eine Art Gesamtkunstwerk zu schaffen, das in jedem seiner Bestandteile die Literatur des ausgehenden 19. Jahrhunderts adaptiert, widerspiegelt aber auch weiterentwickelt. Die Art und Weise in der dies geschieht soll im Folgenden, auch mit Hilfe zahlreicher Illustrationen, herausgearbeitet werden. Als Gegenstand für diese Untersuchungen dienen die beiden Hardcover-Ausgaben The League of Extraordinary Gentlemen Volume I und The League of Extraordinary Gentlemen Volume II .
Inhaltsverzeichnis
1.1 Einleitung
1.2 Literatur und Gesellschaft des Viktorianischen Zeitalters
2.1 Das Figurenuniversum der LOEG
2.2 Das Verhältnis der LOEG-Protagonisten zu ihrer literarischen Vorlage
2.2.1 Allan Quatermain
2.2.2 Dr. Jekyll / Mr. Hyde
3.1 Alan Moores’ LOEG als Reflektion auf die Entwicklung der Bildgeschichte und des Comics
3.1.1 Die Penny Dreadfuls
3.2 Nachahmung der Penny Dreadfuls in der LOEG
3.2.1 Weitere gestalterische Aspekte der Nachahmung viktorianischer Literatur in der LOEG
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die vielfältigen Bezüge in Alan Moores Comic „The League of Extraordinary Gentlemen“ (LOEG) zur Literatur des 19. Jahrhunderts. Dabei wird analysiert, wie das Werk durch die Kombination literarischer Protagonisten und die Anlehnung an historische Publikationsformen der damaligen Zeit ein eigenständiges Gesamtkunstwerk schafft und gleichzeitig die Entwicklung der Bildgeschichte reflektiert.
- Analyse der literarischen Adaption bekannter Charaktere aus dem 19. Jahrhundert.
- Untersuchung des Einflusses viktorianischer Literaturmagazine und Penny Dreadfuls auf das Layout.
- Reflektion über das Verhältnis zwischen literarischer Vorlage und comic-spezifischer Interpretation.
- Darstellung der LOEG als reflektierendes, eigenständiges Werk der Comicliteratur.
- Aufarbeitung der Entwicklung der Bildgeschichte innerhalb des Mediums Comic.
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Allan Quatermain
Allan Quatermain ist die Hauptfigur von zahlreichen Abenteuerromanen des Autors H. Rider Haggard. Erstmals wurde diese Figur in dem 1885 erschienenen Roman King Solomon’s Mines eingeführt. In der Fortsetzung Allan Quatermain von 1887 (viele andere Quatermain-Romane fungieren als Prequels) stirbt Allan an einer im Kampf zugezogenen Verletzung. Alan Moore scheint den Helden zahlreicher Abenteuer wiederzubeleben, da die Handlung der LOEG 12 Jahre später, also 1898 einsetzt. Dieser Zeitspanne wird jedoch auch Rechung getragen, indem der im Comic dargestellte Quatermain als halbtoter, opiumabhängiger Greis (siehe Abb.1) in die Geschichte eingeführt wird.
Zudem wird Quatermain, der männlich, virile Held zahlreicher Kämpfe und Abenteuer (siehe Abb.2) von einer Frau aus seinem selbsterwählten Kerker der Sucht befreit – eine zusätzliche Demütigung dieses männlichen Prototyps und ein typisches Merkmal für Alan Moores’ Vorliebe für gebrochene und allzu menschliche Helden. Die Vergänglichkeit des Lebens aber auch des eigenen Ruhmes wird im Allan Quatermain der LOEG sehr schön sichtbar und zeigt einen interessanten Wandel in der Comicliteratur ab 1980, in der mit Genuss die unfehlbaren Helden vergangener (Comic-)Zeiten demontiert werden, wie es zum Beispiel in Frank Millers’ The Dark Knight Returns (1986) oder natürlich in Alan Moores’ Watchmen (1986/87) geschieht, wo ebenfalls eine Gruppe von (Super-)Helden demontiert wird. Die Figur des Allan Quatermain wird jedoch nicht nur in eine später einsetzende Geschichte transportiert, sondern in ein neu erschaffenes alternatives Universum der Fiktion, in der die literarische Figur Quatermain als „reale“ Person existiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1.1 Einleitung: Die Einleitung definiert das Ziel, die Bezüge von Alan Moores LOEG zur viktorianischen Literatur zu erläutern und das Werk als reflektiertes Gesamtkunstwerk einzuordnen.
1.2 Literatur und Gesellschaft des Viktorianischen Zeitalters: Dieses Kapitel skizziert den historischen und sozialen Kontext des ausgehenden 19. Jahrhunderts, einschließlich der technologischen Einflüsse auf die Literaturproduktion.
2.1 Das Figurenuniversum der LOEG: Es wird die Auswahl der Protagonisten aus Werken des 19. Jahrhunderts erläutert und ihre Rolle im Kanon der „Liga“ beleuchtet.
2.2 Das Verhältnis der LOEG-Protagonisten zu ihrer literarischen Vorlage: Hier wird der Abgleich zwischen den Originalvorlagen und Moores Interpretation der Charaktere zur Herausarbeitung der kreativen Eigenständigkeit durchgeführt.
2.2.1 Allan Quatermain: Analyse von Allan Quatermain als gebrochener, opiumabhängiger Held und dessen Allegorie auf den Niedergang des Empires.
2.2.2 Dr. Jekyll / Mr. Hyde: Untersuchung der Figur des Dr. Jekyll und Mr. Hyde sowie der Ähnlichkeit von Hyde zur Comicfigur des Hulk.
3.1 Alan Moores’ LOEG als Reflektion auf die Entwicklung der Bildgeschichte und des Comics: Untersuchung der LOEG als Meta-Reflektion über die Entwicklung des Comics und die Bedeutung der Penny Dreadfuls.
3.1.1 Die Penny Dreadfuls: Historischer Abriss über die „Penny Dreadfuls“ und deren Rolle als populäre Lesestoffe für die Arbeiterklasse im 19. Jahrhundert.
3.2 Nachahmung der Penny Dreadfuls in der LOEG: Dokumentation der expliziten stilistischen Anlehnungen an die Penny Dreadfuls innerhalb des Comics.
3.2.1 Weitere gestalterische Aspekte der Nachahmung viktorianischer Literatur in der LOEG: Analyse zusätzlicher Elemente wie Editorial Letters und authentischer Werbeanzeigen zur Konstruktion historischer Authentizität.
4. Fazit: Zusammenfassende Einschätzung des Werkes als Höhepunkt der modernen Comicliteratur durch seine mediale Selbstbezüglichkeit.
Schlüsselwörter
The League of Extraordinary Gentlemen, Alan Moore, Kevin O’Neill, Viktorianische Literatur, Penny Dreadfuls, Literaturadaption, Comicgeschichte, Allan Quatermain, Dr. Jekyll und Mr. Hyde, Selbstreflektivität, Gesamtkunstwerk, Bildgeschichte, 19. Jahrhundert, Medienkultur, Intertextualität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert die verschiedenen Bezüge des Comics „The League of Extraordinary Gentlemen“ zur viktorianischen Literatur des 19. Jahrhunderts und untersucht, wie Alan Moore diese literarischen Einflüsse kreativ in sein Werk integriert.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Publikation?
Die zentralen Themen umfassen die literarische Adaption bekannter Romanfiguren, die Anlehnung an historische Publikationsformen wie die Penny Dreadfuls und die Entwicklung der Bildgeschichte als reflektierte Kunstform.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, dass die LOEG nicht bloß eine Sammlung literarischer Zitate ist, sondern durch die spezifische Gestaltung und psychologische Vertiefung der Figuren eine originäre und eigenständige Comic-Literatur darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse herangezogen?
Es wird eine komparative Analyse zwischen den ursprünglichen literarischen Vorlagen (z.B. von Stevenson oder Haggard) und deren Darstellung im Comic angewandt, ergänzt durch die Untersuchung historischer Kontexte und Gestaltungsmittel.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil der Untersuchung im Fokus?
Der Hauptteil konzentriert sich auf das Figurenuniversum, den Vergleich der Protagonisten mit ihren literarischen Wurzeln sowie die Untersuchung des Comic-Layouts und der Einbindung historischer Werbeanzeigen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Inhalt charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie intertextuelle Literaturadaption, mediale Selbstbezüglichkeit, viktorianische Ära, Penny Dreadfuls und Comic-Kunst definieren.
Wie unterscheidet sich der Allan Quatermain in der LOEG von seiner literarischen Vorlage?
Im Gegensatz zum heroischen Bild der Vorlage wird Quatermain in der LOEG als ein vom Opium gezeichneter Greis dargestellt, der als Allegorie für das untergehende britische Empire fungiert.
Warum wird die Figur des Edward Hyde in der Analyse mit dem „Hulk“ verglichen?
Die Untersuchung zeigt, dass O’Neills visuelle Gestaltung des Hyde auf eine bereits für Comic-Kontexte adaptierte Figur wie den Hulk verweist, womit sich ein reflektierter Kreis zwischen Literaturvorlage und moderner Bildsprache schließt.
- Arbeit zitieren
- Bachelor of Arts Christoph Hurka (Autor:in), 2010, Alan Moores "The League of Extraordinary Gentlemen" als Reflektion der viktorianischen Literatur und des Mediums Bildgeschichte, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/198004