Die Mexikanerin Margo Glantz ist ein Beispiel dafür, dass Migrationserfahrungen Spuren hinterlassen. Die Suche nach diesen Spuren – welche im Zeichen des jüdischen Migrationshintergrunds ihrer Eltern steht – hat sie in einem sprachlichen Kunstwerk mit dem Titel "Las genealogías" wiedergegeben. Darin versucht Margo Glantz, die Geschichte ihrer Eltern und das für sie fremde, aber auch als Teil der eigenen Identität erfahrbare jüdisch-russisch-ukrainische Erbe zu bewahren (Gronemann & Sieber 2007: 270). Somit handelt es sich auch um eine Suche nach ihrer eigenen Identität, die mit der Aufgabe verknüpft ist, die Instabilität, welche sie als eigene Lebensbedingung anerkennt, zu erforschen (Kanzepolsky 2008). Dies ist auch aus folgender Textstelle, die am Ende des Prologs steht, herauszulesen:
Y todo es mío y no lo es y parezco judía y no lo parezco y por eso escribo – éstas – mis ge-nealogías. (A:21)
Nach einer kurzen, nicht umfassenden Vorstellung der Person Margo Glantz und Las genealogías und einem Abriss der jüdischen Migrationsgeschichte Mexikos werden die Begriffe Identität und Migration diskutiert. Diese Theoriediskussion bildet die Basis für die folgende Analyse der Identitätsdiskurse im Werk. Dort besteht das Ziel darin aufzuzeigen, wie die Autorin die Suche nach ihrer Identität literarisch darstellt. Dafür wird in einem ersten Schritt die Betrachtung des Werks in Zusammenhang mit der Gattung der Autobiografie wichtige Aufschlüsse geben. In einem zweiten Schritt wird untersucht, welche Komponenten bei der Konstruktion der persönlichen Identität des autobiografischen Ichs eine Rolle spielen. Im Fazit werden schliesslich die gemachten Beobachtungen zusammengefasst.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Margo Glantz und Las genealogías
1.2 Jüdisches Exil in Mexiko
2 Begriffsdiskussionen
2.1 Migration, Exil und Diaspora
2.2 Identität
3 Textanalyse
3.1 Literarische Form und autobiografisches Schreiben
3.2 Komponenten der Identitätskonstruktion
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Konstruktion jüdisch-mexikanischer Identität in Margo Glantz' Werk "Las genealogías". Dabei wird analysiert, wie die Autorin durch eine spezifische, fragmentarische literarische Form und unter Einbeziehung biografischer und kultureller Komponenten ein hybrides Identitätsverständnis literarisch inszeniert.
- Analyse der Autobiografie als identitätsstiftendes Medium
- Diskussion theoretischer Konzepte zu Migration, Exil und Diaspora
- Untersuchung der Rolle von Familienerinnerungen und kulturellem Gedächtnis
- Betrachtung der Intertextualität im Werk
- Analyse der identitätsbildenden Wirkung von Religion, Sprache und Nationalität
Auszug aus dem Buch
3.1 Literarische Form und autobiografisches Schreiben
Las Genealogías verfügt über mehrere Charakteristiken, die auf eine spezielle Form von Autobiografie hinweisen. Vor allem sein kollektiver Charakter stellt da kanonische Konzept der Autobiografie in Frage, denn der Text wird durch Glantz Familie kreiert und von ihr geteilt. So nimmt das autobiografische Ich in Las genealogías eine dezentrale Position ein, was bedeutet, dass Glantz nicht nur als Erzählerin ihrer eigenen Lebensgeschichte fungiert, sondern auch als Sammlerin verschiedener vergangener Stimmen. Die Erzählerin legt den Fokus auf die Lebensgeschichten ihrer Eltern und Vorahnen, wobei die Angaben zu ihrem eigenen Leben an sekundärer Stelle zu stehen kommen. Dadurch zeigt sich das Ich als Medium der Aufzeichnung, Speicherung und literarischen Transformation von Lebensgeschichten und tritt selbst an den Rand.
Das Ich in Margo Glantz' autobiografischem Text kann in diesem Zusammenhang als rhythmisches oder auch als „positorisches“ Ich bezeichnet werden, das zwar den familiären Erinnerungsprozess anstösst, jedoch in dessen Verlauf immer wieder neue Positionen einnimmt, welche wechselnd eingenommen, besetzt und wieder verlassen werden. So tritt die Erzählerin nicht nur als Sammlerin der Familienerinnerungen auf, sondern nimmt wechselnde Rollen als Vermittlerin, autobiografische Ich-Erzählerin, Stimme im Dialog mit den Eltern und Kommentatorin ein.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel führt in Margo Glantz und ihr Werk ein, beleuchtet den historischen Kontext des jüdischen Exils in Mexiko und legt die Forschungsziele sowie die methodische Herangehensweise fest.
2 Begriffsdiskussionen: Hier werden zentrale theoretische Begriffe wie Migration, Exil, Diaspora und Identität definiert und für die anschließende Werk-Analyse in einen diskurstheoretischen Rahmen eingebettet.
3 Textanalyse: Das Kapitel analysiert einerseits die hybride literarische Form des Werkes als Autobiografie und untersucht andererseits die spezifischen Komponenten wie Religion, Sprache und Nationalität, die zur Identitätskonstruktion beitragen.
4 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass Glantz eine hybride, fragmentarische Identität jenseits starrer Dichotomien als "Brücke" zwischen Kulturen inszeniert.
Schlüsselwörter
Margo Glantz, Las genealogías, Identität, Autobiografie, Migration, Exil, Diaspora, jüdisches Exil, Mexiko, Identitätskonstruktion, kulturelle Identität, Familiengeschichte, Hybridität, Stuart Hall, Erinnerungskultur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der literarischen Auseinandersetzung von Margo Glantz mit ihrer eigenen jüdisch-mexikanischen Identität in ihrem Werk "Las genealogías".
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen sind Migration, das jüdische Exil in Mexiko, autobiografisches Schreiben, kulturelles Gedächtnis sowie die Konstruktion von Identität durch Sprache, Religion und Herkunft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Glantz die Suche nach ihrer Identität literarisch gestaltet und welche Rolle die Gattung der Autobiografie sowie bestimmte Identitätskomponenten dabei spielen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Textanalyse durchgeführt, die durch kulturwissenschaftliche und diskurstheoretische Ansätze, insbesondere das Konzept der Identität nach Stuart Hall, gerahmt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Begriffsdiskussion und eine detaillierte Textanalyse, die sowohl die hybride Form des Werkes als auch die inhaltlichen Identitätskomponenten Religion, Nationalität und Sprache untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Identitätskonstruktion, Autobiografie, Migration, Hybridität und kulturelles Gedächtnis charakterisiert.
Wie unterscheidet sich "Las genealogías" von einer klassischen Autobiografie?
Es handelt sich um eine "neue" oder "andere" Autobiografie mit kollektivem Charakter, die nicht linear, sondern fragmentarisch aufgebaut ist und die Autorin als dezentrales, suchendes Ich zeigt.
Welche Rolle spielt der Übergang vom Dialog zum Monolog im Werk?
Dieser Übergang markiert eine Entwicklung hin zur verstärkten Selbstbetrachtung und Reflexion der Erzählerin, während sie weiterhin bruchstückhaft die Geschichte ihrer Eltern verarbeitet.
Wie geht Margo Glantz mit ihrer religiösen Identität um?
Sie beschreibt einen lockeren Umgang, indem sie Elemente des Judentums und des Katholizismus in ihrem Alltag nebeneinander stellt, sich aber weder streng jüdisch noch rein mexikanisch-christlich definiert.
Warum spielt die Sprache eine zentrale Rolle für die Identität der Autorin?
Da die Autorin weder Jiddisch, Ukrainisch noch Russisch spricht, festigt die spanische Sprache ihre Identität als Mexikanerin und gleichzeitig ihre Distanz zur jüdisch-russischen Abstammung ihrer Eltern.
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- Elisabeth Buff-Scherrer (Author), 2012, Identitätsdiskurse in Maro Glantz' "Las genealogías", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/197878