In dieser Arbeit wird die Frage nach dem Einfluss und der Bedeutung von regionalen politischen Prozessen auf politische Systeme aus einer akteurszentrierten Perspektive behandelt. Untersucht wird, inwieweit die politischen Eliten in Katalonien im Rahmen des Diskurses über ein neues Autonomiestatut Einfluss auf das nationale Gesamtsystem nehmen. Aus Sicht einer regionalen Elitenforschung wird davon ausgegangen, dass eine Betrachtung regionaler Eliten in Spanien besonders erkenntnisreich ausfallen kann. Dies ist dadurch begründet, dass das politische System einerseits seit der Phase der Transition durch einen weitgehend konsolidierten demokratischen Grundkonsens der politischen Eliten und andererseits durch das Autonomiestreben einzelner Regionen und einer ausgeprägten regionalen Interessenpolitik bestimmt ist. Daraus ergibt sich die leitende Fragestellung dieser Arbeit: Welchen Einfluss und welche Bedeutung haben regionale Eliten innerhalb konsolidierter politischer Systeme?
Um dies herauszufinden, werden anhand des Diskurses über ein neues Autonomiestatut in Katalonien die Positionen und Outcomes des politischen Handelns der regionalen und nationalen Eliten bestimmt. Im Hinblick auf mögliche Ergebnisse werden folgende Hypothesen aufgestellt:
1. Es wird davon ausgegangen, dass sich auf der subnationalen Ebene jedes politischen Systems regionale Elitenkonsense bilden, die zwar in Abhängigkeit zu dem allgemein gültigen nationalen Elitenkonsens stehen, jedoch nicht mit diesem gleichgesetzt werden sollten.
2. Die regionalen Elitenkonsense müssen keinesfalls systemkonform sein. Politische Konsense regionaler Eliten können maßgebliche Vorgaben der nationalen Konsensbildung verletzten bzw. neue politische Vorgaben schaffen.
3. Regionale Eliten haben maßgeblichen Einfluss auf die Struktur und die Entwicklung nationaler politischer Systeme. Abweichende Konsensbildung auf regionalen Ebenen kann unter bestimmten Voraussetzungen auch in Demokratien zur Systemtransformation führen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Problem- und Fragestellung
1.2 Forschungs- und Quellenstand
1.3 Konzept und Aufbau der Arbeit
2. Erforschung von Eliten in der politischen Soziologie
2.1 Begriffserklärungen
2.2 Macht- und Funktionseliten
2.3 Neuere Typologien und Methoden
2.4 Supranationale und regionale Elitenforschung
3. Regionale Eliten in der konsolidierten Demokratie Spaniens
3.1 Die politische Kultur der „konsensuell geeinten Eliten“
3.2. Vom Einheits- zum polarisierenden Autonomiestaat
3.3 Voraussetzungen des katalanischen Nationalismus
4. Das katalanische Autonomiestatut als Untersuchungsobjekt
4.1 Eckpunkte der gesellschaftlichen Debatte
4.1.1 Anlass und Beginn des politischen Diskurses
4.1.2 Die parlamentarische und plebiszitäre Ratifizierung
4.1.3 Parteipolitische und zivilgesellschaftliche Reaktionen
4.2 Analyse des (Eliten-)Diskurses
4.2.1 Der Ratifizierungsprozess
4.2.2 Das Volksreferendum
4.2.3 Das Verfassungsgerichtsurteil
4.3 Schlussfolgerungen
4.3.1 Auswertung der empirischen Ergebnisse
4.3.2 Rückschlüsse auf den theoretischen Rahmen
4.3.3 Desiderate einer vergleichenden Elitenforschung
5. Fazit: Demokratie 2.0 – Spanien heute
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Einfluss und die Bedeutung regionaler politischer Eliten auf nationale politische Systeme in konsolidierten Demokratien. Zentral ist dabei die Forschungsfrage, wie regionale Eliten innerhalb eines bestehenden, demokratischen Systems abweichende Konsensmuster bilden und dadurch Prozesse der Systemtransformation beeinflussen können.
- Analyse des Elitenmodells von John Higley im regionalen Kontext.
- Untersuchung des Diskurses über das neue katalanische Autonomiestatut als Fallbeispiel.
- Erforschung des Verhältnisses von regionalen zu nationalen Eliteninteressen.
- Bewertung der Stabilität konsolidierter Demokratien gegenüber regionalen Autonomiebestrebungen.
- Reflexion über die Rolle der Masse und soziale Protestbewegungen (Demokratie 2.0).
Auszug aus dem Buch
2. Erforschung von Eliten in der politischen Soziologie
Der Mensch lebt seit den ersten bekannten Konstituierungen gesellschaftlicher Grundformen in hierarchischen Strukturen. Dies trifft genauso auf einfache Eingeborenen-Gemeinschaften zu wie auf die sokratisch-platonische Vorstellung des Philosophenherrschers in der Polis, die repräsentativen Demokratien der Moderne und auch die klassenlosen Gesellschaft im Marxismus. Jede Gesellschaft und jedes System des politisch geregelten Zusammenlebens basiert auf einer vergleichsweise großen Masse an Mitgliedern und einer reduzierten Anzahl Anführer bzw. einer Elite.
Das wissenschaftliche und öffentliche Interesse an gesellschaftlich-exponierten Gruppen hat in den letzten zwanzig Jahren stetig zugenommen. Dies beruhte nicht zuletzt auf den Transformationsprozessen der 90er Jahre in den post-sozialistischen Staaten. Viele Untersuchungen gingen davon aus, dass ohne Veränderungen in den Elitepositionen und dem Wandel der Elitestrukturen, die Transition „von einem politischen System in ein anderes nur schwer vorstellbar gewesen wäre, weil Eliten häufig als Ausdruck und Symbol der politischen Machtstrukturen betrachtet werden“.
Die wissenschaftliche Betrachtung von Eliten lässt sich laut Barbara Wasner in drei Bereiche einteilen. Sie verweist zum einen auf die Allgemeinen Soziologie, in der die Existenz von Eliten immer auch Ausdruck einer sozialen Ungleichheit sind und Eliten als Teil gesellschaftlicher Sozialstrukturen untersucht werden. Im Bereich der Speziellen Soziologie wird eine begrenzte Anzahl an Merkmalen von Elitenmitgliedern betrachtet, wie etwa Verhaltens-, Karriere- oder Kommunikationsmuster, die für empirische Studien von Bedeutung sind. Den dritten Teilbereich bildet nach Wasner die Politische Soziologie, wobei Eliten als ein integraler Bestandteil der Analyse politischer Systeme gelten, da zentrale Aspekte der Herrschaftsausübung, Projektion von Macht und Einfluss auf die Gesellschaft, sowie Fragen der Legitimität, der Repräsentativität und der Elitezirkulation eine wichtige Rolle gerade in demokratietheoretischen Analysen spielen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Stellt die Forschungsfrage nach dem Einfluss regionaler Eliten auf das politische Gesamtsystem anhand des katalanischen Autonomiestatuts.
2. Erforschung von Eliten in der politischen Soziologie: Bietet einen Überblick über klassische und moderne Elitentheorien sowie Ansätze zur Untersuchung subnationaler Elitenstrukturen.
3. Regionale Eliten in der konsolidierten Demokratie Spaniens: Analysiert die politische Kultur des spanischen Konsenses seit der Transition und den Wandel hin zum Autonomiestaat.
4. Das katalanische Autonomiestatut als Untersuchungsobjekt: Detaillierte Fallstudie über den Diskurs, die Ratifizierung und die politischen Auswirkungen des neuen Autonomiestatuts.
5. Fazit: Demokratie 2.0 – Spanien heute: Reflektiert die aktuelle politische Lage, einschließlich der Proteste der Bewegung des 15. Mai, vor dem Hintergrund der etablierten Elitenkonstellationen.
Schlüsselwörter
Regionale Eliten, Elitenforschung, Katalonien, Autonomiestatut, Demokratische Transition, Transformation, Elitenkonsens, Politische Soziologie, John Higley, Machtelite, Regionalisierung, Dezentralisierung, Spanien, Demokratie 2.0, Politische Diskurse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Einfluss regionaler Eliten auf die Stabilität und den Wandel politischer Systeme, insbesondere am Beispiel Spaniens und Kataloniens.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Elitensoziologie, Transformationsforschung, Regionalisierungsprozesse, politische Kultur und die Dynamik von Elitenkonsensen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu analysieren, wie regionale Eliten in einer konsolidierten Demokratie wie Spanien durch regionale Autonomieprojekte den nationalen politischen Konsens beeinflussen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine Diskurs- und Dokumentenanalyse der wichtigsten politischen Akteure und Entscheidungsphasen im Kontext des katalanischen Autonomiestatuts.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die theoretischen Grundlagen der Elitenforschung, die politische Entwicklung Spaniens zur konsolidierten Demokratie sowie den spezifischen Prozess des katalanischen Autonomiestatuts zwischen 2003 und 2010.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Schlüsselwörtern gehören regionale Eliten, Elitenkonsens, katalanisches Autonomiestatut, Transformation und Dezentralisierung.
Warum wurde gerade Katalonien als Fallbeispiel gewählt?
Katalonien eignet sich aufgrund seiner starken historischen Identität und der ausgeprägten Autonomiebestrebungen, die sich über drei Wahlperioden in einem intensiven Diskurs widerspiegeln.
Welche Rolle spielt die Bewegung des 15. Mai für die Schlussfolgerungen?
Die Bewegung des 15. Mai verdeutlicht eine wachsende Distanz zwischen der Bevölkerung und den etablierten Eliten, was als Kritik am bestehenden Elitenkonsens interpretiert wird.
- Quote paper
- Vega Barrio (Author), 2011, Das katalanische Statut, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/197257