In der Geschichte gab es immer wieder Kontroversen über die Beschaffenheit von Literatur: Im 17. Jahrhundert war es Charles Perrault, der die damals herrschende Autorität der antiken Schriftsteller angriff und ihnen nicht nur einen unabhängigen Wertanspruch, sondern eine Überlegenheit der neuzeitlichen französischen Literatur entgegenstellte. Um Perraults Aussagen entwickelte sich in der Folge ein Streit, der als Querelle des Anciens et des Modernes bekannt geworden ist. Die Kontroverse wurde in verschiedenen Formen immer wieder aufgenommen, so auch in den verschiedenen Naturalismus- und Realismusdebatten des 19. Jahrhunderts bis hin zur Expressionismusdebatte der 1930er Jahre. Jeweils standen sich dabei Parteien gegenüber, die gewisse Vorstellungen davon hatten, was Literatur zu leisten hat und wie sie zu gestalten ist. In eben dieser Tradition steht der Zürcher Literaturstreit aus dem Jahr 1966. Er entzündete sich an einer Rede von Emil Staiger, die er anlässlich der Entgegennahme des Literaturpreises der Stadt Zürich hielt. In seinem Vortrag Literatur und Öffentlichkeit formulierte Staiger dabei seine Forderungen und Erwartungen an Literatur und provozierte damit eine ganze Generation von Schriftstellern und Literaturwissenschaftlern. Zusammengefasst unterstreicht Staiger die Verantwortung des Schriftstellers gegenüber der Öffentlichkeit und postuliert, die moderne Literatur habe weder ästhetischen noch ethischen Wert. Schon wenige Tage später folgten Reaktionen in der Presse. In der vorliegenden Arbeit wird untersucht, welche Erwartungen an Literatur von den verschiedenen Parteien gestellt werden. Dazu soll analysiert werden, welche Wertmaßstäbe die Kritiker und Befürworter der Rede an Literatur anlegen und mit welchen Argumenten sie ihre Standpunkte verteidigen. Von zentralem Interesse ist die Frage, welche Folgen die Kontroverse hatte und welche Bedeutung ihr innerhalb der damaligen und heutigen Literaturwissenschaft zukommt. Wichtig dafür ist u. a. die Frage, was die Gründe dafür waren, dass der Streit − selbst in nicht-wissenschaftlichen Kreisen – für enormes Aufsehen sorgte. Wie erwähnt, gab es eine Vielzahl an Reaktionen auf die Rede Staigers. Es ist unmöglich, alle Beiträge im Rahmen dieser Arbeit zu berücksichtigen. Zur Untersuchung werden deshalb nur einige der zeitlich unmittelbaren Kommentare herangezogen. Die Texte wurden so ausgewählt, dass ein möglichst repräsentativer Überblick über die verschiedenen Standpunkte gegeben ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Wertungstheorien
3. Analyse der Texte
3. 1 Emil Staiger: Literatur und Öffentlichkeit
3. 2 Reaktionen
3. 2. 1 Funktion von Literatur
3. 2. 2 Ideologieverdacht
3. 2. 3 Methodendiskussion
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Zürcher Literaturstreit aus dem Jahr 1966, ausgehend von der Rede Emil Staigers. Ziel der Analyse ist es, die von den verschiedenen Parteien an die Literatur gestellten Erwartungen sowie die dabei angelegten Wertmaßstäbe zu dekonstruieren und die Bedeutung sowie die Folgen dieser Kontroverse für die zeitgenössische und heutige Literaturwissenschaft kritisch zu hinterfragen.
- Historischer Kontext und Auslöser der Kontroverse
- Theoretische Grundlagen literarischer Wertung nach Winko und Stenzel
- Analyse der Reaktionen auf Staigers Thesen zur Literatur und Öffentlichkeit
- Diskussion über Ideologieverdacht und das Verhältnis von Ethik und Ästhetik
- Reflektion über die wissenschaftliche Relevanz und methodische Einordnung des Streits
Auszug aus dem Buch
3. 1 Emil Staiger: Literatur und Öffentlichkeit
In literaturwissenschaftlichen Kreisen, aber auch in den populären Medien wurde Staigers Rede thematisiert. Angesichts der zahlreichen Reaktionen stellt sich die Frage, womit Staiger die Öffentlichkeit dermaßen provoziert hat. Versucht man die Rede auf die zentralen Aussagen zu reduzieren, ergeben sich drei Grundthesen. Das zentrale Anliegen Staigers ist es, deutlich zu machen, dass „Sittlichkeit“ und „ästhetischer Rang“ in einer untrennbaren Beziehung zueinander stehen. Bloße Individualität und Originalität des Schriftstellers haben demnach keinen ästhetischen Wert, solange sie nicht auf eine sittliche Gesinnung abzielen.
Um seine Ansicht weiter zu erläutern, bezieht sich Staiger im Folgenden auf Schiller und dessen Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen. Zwar hieße es auch dort, dass alles was der Dichter uns geben könne, seine Individualität sei, sein „Geschäft“ sei es dabei jedoch, „diese seine Individualität so sehr als möglich zu veredeln, zur reinsten herrlichsten Menschheit hinaufzuläutern“. Zudem sei der höchste Wert eines Gedichtes „der reine vollendete Abdruck einer interessanten Gemütslage eines interessanten vollendeten Geistes“. Das heißt für Staiger, dass der Autor nicht nur im eigenen, sondern im Namen der gesamten Menschengemeinschaft sprechen müsse. Ein Wille zur Gemeinschaft sei demnach für den Dichter unentbehrlich. Demnach habe der Schriftsteller die Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft, sittliche Werte zu vermitteln.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel verortet den Zürcher Literaturstreit historisch und formuliert die Forschungsfrage bezüglich der Erwartungen an Literatur und der Bedeutung der Kontroverse.
2. Wertungstheorien: Hier werden theoretische Modelle zur literarischen Wertung von Simone Winko und Jürgen Stenzel eingeführt, die als methodisches Instrumentarium für die Analyse dienen.
3. Analyse der Texte: Dieser Hauptteil untersucht detailliert Emil Staigers Thesen, die Reaktionen darauf, die Funktion von Literatur, den Ideologieverdacht sowie die methodische Diskussion innerhalb der Germanistik.
4. Fazit: Das Fazit stellt fest, dass der Literaturstreit primär ein gesellschaftliches Phänomen war, dessen wissenschaftliche Produktivität durch eine zu starke Personalisierung und emotionalisierte Debatte begrenzt blieb.
Schlüsselwörter
Zürcher Literaturstreit, Emil Staiger, Literaturwissenschaft, Literarische Wertung, Moderne Literatur, Öffentlichkeit, Sittlichkeit, Ästhetik, Ideologieverdacht, Max Frisch, Rezeption, Wertungstheorien, Wissenschaftsgeschichte, Kulturverständnis, Werkimmanente Interpretation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse des sogenannten Zürcher Literaturstreits von 1966, der durch eine provokante Rede von Emil Staiger ausgelöst wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Konzepte von literarischer Wertung, das Verhältnis von Ethik und Ästhetik sowie die gesellschaftliche Verantwortung des Schriftstellers im Kontext des kulturellen Umbruchs der 1960er Jahre.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es zu untersuchen, welche Wertmaßstäbe die Beteiligten an Literatur anlegten, wie sie ihre Standpunkte verteidigten und welche Bedeutung die Kontroverse für die Literaturwissenschaft hatte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es werden literaturtheoretische Konzepte zur Wertung (insbesondere von Simone Winko und Jürgen Stenzel) genutzt, um die Argumentationsstrukturen der verschiedenen beteiligten Akteure methodisch zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Staigers Grundthesen, eine detaillierte Analyse der Reaktionen von Kritikern und Befürwortern sowie eine Diskussion zur Methodenfrage in der Germanistik jener Zeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Zürcher Literaturstreit, literarische Wertung, Moderne, Ideologieverdacht und die Rolle der Öffentlichkeit.
Welche Rolle spielt der Begriff der "Entartung" in der Diskussion?
Der Begriff wurde von Staiger verwendet und provozierte bei seinen Kritikern heftige Reaktionen, da er sofort Assoziationen zur nationalsozialistischen Sprachregelung und Kulturpolitik weckte.
Warum wird im Fazit von einem "historischen Vakuum" gesprochen?
Der Autor greift hier eine Beobachtung von Michael Böhler auf, wonach der Streit in einem Vakuum stattfand, da die Beteiligten historische Zusammenhänge – etwa frühere Kontroversen wie die Querelle des Anciens et des Modernes – ignorierten.
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- Ulrike Ziegler (Autor:in), 2012, Der Zürcher Literaturstreit und seine Bedeutung für die Literaturwissenschaft, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/197201