Udo Hartmanns Buch “Das palmyrenische Teilreich” ist die überarbeitete Fassung seiner Dissertation, die im Wintersemester 1999/2000 vom Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften der Freien Universität Berlin angenommen wurde. Die Dissertation behandelt die Entstehung des Sonderreichs der Dynasten aus der syrischen Oasenstadt Palmyra im Osten des Römischen Reiches zur Zeit der Soldatenkaiserzeit (235-285) und bietet eine umfassende Darstellung der Geschichte des palmyrenischen Teilreichs unter den Dynasten Odaenathus und Zenobia. Ziel des Autors ist es, die historische Rolle des Teilreichs in einer Gesamtschau der Krise des 3. Jahrhunderts auszuwerten. Die Krise, in der sich das Römische Reich zum Zeitpunkt der “Gründung” des palmyrenischen Teilreichs befand, war geprägt durch die veränderte Lage an der Ostgrenze, da die Sasaniden eine aggressive Politik gegen Rom führten. Hinzukamen permanente Einfälle äußerer Feinde an unterschiedlichen Grenzen und die Instabilität der kaiserlichen Regierung. Demzufolge fanden zahlreiche Usurpationen und schnelle Herrscherwechsel statt, in deren Zusammenhang sich eine regionale Herrschaft im Orient herausbildete. Im Jahr 260 wird der Romkaiser Valerianus durch den Sasaniden Shapur gefangengenommen; zur gleichen Zeit entsteht das palmyrenische Teilreich. Dieses palmyrenische Teilreich stellt ein Herrschaftsgebiet eines formal legitimierten Machthabers, der unter Anerkennung der Superiorität des Augustus in Rom kaiserliche Aufgaben in einem Reichsteil als Kaiserstellvertreter im Interesse der Sicherheit des Gebietes unternimmt, dar. Daher findet die Regentschaft formal im Auftrag des Kaisers statt. Das palmyrenische Teilreich präsentiert als Sonderreich die Problemlage und Bedrohung an den Grenzen des Römischen Reiches und insbesondere die Schwäche der Zentrale Rom. Um das Thema umfassend zu bearbeiten, nutzt Udo Hartmann die unterschiedlichsten Quellen und wertet die gesamte Forschungsliteratur aus, um eine Rekonstruktion der Ereignisse zu erstellen.
Inhaltsverzeichnis des Buches
Vorwort
I. Das Problem des palmyrenischen Teilreichs
II. Die Überlieferung
1. Die antiken Autoren
2. Die orientalischen Schriftquellen
3. Die Primärquellen
III. Die Oasenstadt Palmyra
IV. Der Herrscher von Palmyra
1. Die neue Macht in Persien
2. Die Krise in Palmyra
3. Der Aufstieg des Exarchen Odaenathus
4. Der Konsular Odaenathus
5. Die Familie des Odaenathus
V. Die Machtübernahme des Odaenathus im Orient
1. Die Katastrophe des Jahres 260
2. Die Usurpation der Söhne des Macrianus
3. Der neue Machthaber im Osten
VI. Der sonnengesandte Löwe
1. Der erste Perserkrieg des Odaenathus
1. Hintergründe und Datierung des Krieges
2. Der Vorstoß nach Ktesiphon
3. Die Annahme des Königstitels
2. Der römische Orient unter der Herrschaft des Odaenathus
1. Die Orientprovinzen unter Odaenathus
2. Die Haltung der Orientalen im Spiegel des Sibyllinischen Orakels
3. Die Oasenstadt Palmyra in den 60er Jahren
3. Der zweite Perserkrieg und der Gotenzug des Odaenathus
4. Die Ermordung des Odaenathus
VII. Die Chronologie der Jahre 268-276
VIII. Die Regentschaft der Zenobia
1. Die Herrschaftsphasen des Vaballathus
2. Die Ausdehnung der Herrschaft über den Orient
1. Die Sicherung der palmyrenischen Macht in Syrien
2. Die Sicherung der Ostgrenze
3. Die angeblichen Verbündeten der Zenobia im Orient
4. Die Besetzung von Arabien und Ägypten
5. Die Belagerung des Viertels Bruchium
6. Der gescheiterte Vorstoß nach Westkleinasien
3. Das Reich der Zenobia
1. Das östliche Teilreich
2. Der palmyrenische Hof der Königin
3. Die manichäischen Missionare in Palmyra
4. Zenobia und Paulus von Samosata
5. Die Juden im palmyrenischen Teilreich
6. Zenobia in der arabischen Legendentradition
IX. Aurelianus und Zenobia
1. Der neue illyrische Kaiser
2. Die Usurpation des Vaballathus
3. Der Feldzug des Aurelianus gegen Zenobia
1. Der Vormarsch nach Syrien
2. Der Fall Palmyras
3. Der Sieger über Zenobia
X. Der zweite Orientzug des Aurelianus
1. Die Usurpation des Antiochius in Palmyra
2. Der „Firmus“-Aufstand in Ägypten
XI. Der restitutor orbis und die besiegte Königin
1. Der restitutor orbis Aurelianus
2. Das Schicksal der Zenobia
3. Ein spätantiker Epilog
XII. Das palmyrenische Teilreich und die Krise des 3. Jahrhunderts
Appendix I. Die Inschriften der palmyrenischen Dynasten
Appendix II. Zenobia und ihr Reich in der Neuzeit
Zielsetzung & Themen
Das Buch untersucht die Entstehung und den Untergang des palmyrenischen Teilreichs während der Krise des 3. Jahrhunderts. Der Autor analysiert, wie Odaenathus und Zenobia als lokale Dynasten unter dem Vorwand der kaiserlichen Sicherheit eine eigenständige Machtstruktur im Osten des Römischen Reiches etablierten, und bewertet deren Rolle innerhalb der gesamtrömischen Reichskrise.
- Die politische Rolle der Dynasten Odaenathus und Zenobia
- Transformation des Römischen Reiches in der Krise des 3. Jahrhunderts
- Militärische Strategien und Grenzsicherung in Palmyra
- Die Quellenlage zu den palmyrenischen Herrschern
- Die Auseinandersetzung mit Aurelianus und das Ende des Teilreichs
Auszug aus dem Buch
Die Oasenstadt Palmyra
Die Handelsstadt Palmyra wurde in der ersten Hälfte des ersten Jahrhunderts in das Römische Reich integriert. Zunächst war es eine Provinzstadt unter der Aufsicht eines syrischen Statthalters mit einer Verfassung. Später wurde sie zur Colonia durch Kaiser Caracalla. Eine Colonia war ein Gebiet, das im Krieg erobert wurde und oftmals dann als militärischer Vorposten zur Kontrolle und Niederhaltung der besiegten Gegner, die weiterhin im Umland der Colonia siedelten, diente. Caracalla gab allen Palmyrener das Römische Bürgerrecht und änderte die Verfassung damit um. Die Oasenstadt Palmyra besaß eine Sonderrolle in der Provinz Syria; als Handelsstadt brachte sie den Palmyrenern durch den Aufbau einer Handelsinfrastruktur an der Grenze mit ihrem Fernhandel großen Reichtum. Eine besondere Beziehung pflegte sie dabei mit dem parthischen Orient.
Um die Sicherheit der Karawanenwege zu gewährleisten organisierten die Palmyrener ein dichtes Sicherheitssystem in der Steppe der Palmyrene mit einer dort eigenständig agierenden Miliz. Für die Römer war diese Organisation eines Sicherheitssystems ein wichtiger Eckpfeiler ihrer Grenzsicherung, allerdings überließen sie den Schutz der Wüstengrenze völlig den Palmyrenern. Das Handelszentrum erstreckte sich von Syrien bis Mesopotamien. Durch den Handel blühte in Palmyra eine eigenständige Kultur auf unter dem Profit vom Zusammenschluss von Stämmen mit unterschiedlicher ethnischer Herkunft. Der Fernhandel ermöglichte aber auch sowohl die Errichtung diverser Prachtbauten in der Oase als auch die Finanzierung des Systems zur Kontrolle der Steppe.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Das Problem des palmyrenischen Teilreichs: Einführung in die thematische Problematik des Sonderreichs innerhalb der Reichskrise.
II. Die Überlieferung: Analyse der antiken, orientalischen und primären Quellen zur Geschichte Palmyras.
III. Die Oasenstadt Palmyra: Darstellung der Entwicklung Palmyras zur Handelsmetropole und deren Sonderrolle in der Provinz Syria.
IV. Der Herrscher von Palmyra: Untersuchung des Aufstiegs des Odaenathus vor dem Hintergrund der Bedrohung durch die Sasaniden.
V. Die Machtübernahme des Odaenathus im Orient: Analyse der politischen Instabilität nach der Gefangennahme von Kaiser Valerianus im Jahr 260.
VI. Der sonnengesandte Löwe: Behandlung der Herrschaft des Odaenathus, seiner Perserkriege und der Ermordung.
VII. Die Chronologie der Jahre 268-276: Klärung der zeitlichen Abläufe nach dem Tod des Odaenathus.
VIII. Die Regentschaft der Zenobia: Analyse der Machtausdehnung und der Strukturen unter der Regentschaft von Zenobia.
IX. Aurelianus und Zenobia: Darstellung der militärischen Auseinandersetzung zwischen Aurelianus und Zenobia im Jahr 272.
X. Der zweite Orientzug des Aurelianus: Behandlung der Revolten im Jahr 273, darunter die Usurpation des Antiochius.
XI. Der restitutor orbis und die besiegte Königin: Analyse des Begriffes restitutor orbis und des Schicksals von Zenobia.
XII. Das palmyrenische Teilreich und die Krise des 3. Jahrhunderts: Interpretation der historischen Bedeutung des Teilreichs für die Reichskrise.
Schlüsselwörter
Palmyra, Odaenathus, Zenobia, Römische Reichskrise, 3. Jahrhundert, Sasaniden, Kaiser Valerianus, Aurelianus, Orientprovinzen, Vaballathus, Teilreich, Grenzsicherung, Exarch, Restitutor orbis, Antike Kulturkontakte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in diesem Buch grundsätzlich?
Das Buch bietet eine umfassende wissenschaftliche Darstellung der Entstehung und Geschichte des palmyrenischen Teilreichs während der Zeit der Soldatenkaiser im 3. Jahrhundert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Aufstieg der lokalen Dynasten Odaenathus und Zenobia, die militärische Rolle Palmyras an der Grenze zum Sasanidenreich und die politische Krise Roms.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die historische Rolle des palmyrenischen Teilreichs als Sonderreich in einer Gesamtschau der Krise des 3. Jahrhunderts zu bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor führt eine Quellenanalyse durch, indem er antike literarische Quellen sowie epigraphische, numismatische und papyrologische Primärquellen auswertet und mit der modernen Forschungsliteratur abgleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt chronologisch die Machtübernahme durch Odaenathus, die Expansion unter Zenobia, die Konflikte mit Rom und schließlich die Niederschlagung durch Aurelianus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Palmyra, Reichskrise, Dynastie, Odaenathus, Zenobia, Sasaniden, Aurelianus und restitutor orbis.
Welche Bedeutung hatte das Amt des Exarchen für Palmyra?
Als Exarch erhielt Odaenathus militärische Sondervollmachten zur Sicherung der Palmyrene, was den Aufstieg seiner Familie zur faktisch selbstständigen Macht ermöglichte.
Wie bewertet der Autor die Rolle der Primärquellen im Anhang?
Er nutzt sie als notwendiges Korrektiv zu den oft lückenhaften schriftlichen Quellen, merkt jedoch an, dass die visuelle Vorstellungskraft durch die wenigen Abbildungen nur begrenzt unterstützt wird.
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- Josephine Ottersbach (Author), 2008, Rezension zu: "Das palmyrenische Teilreich" von Udo Hartmann, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/196884