Dem rational handelnden homo oeconomicus wurde sowohl in der Ökonomie als auch in der Soziologie jahrelang nichts weniger zugeschrieben als eine emotionale Facette die sein Handeln beeinflusst. Gefühle wurden als Störfaktoren verurteilt, bis sich die Perspektiven ab 1980 änderten und Emotionen erstmals ins Zentrum soziologischer Analysen rückten (vgl. Flam 2002: 178, 200). Neue Erkenntnisse aus Ökonomie und Neurowissenschaften stimmen heute mit dem aktuellen Forschungsstand der Emotionssoziologie überein, welcher postuliert, dass „wirtschaftliche Organisationen und ihre Akteure Emotionen weder aus ihren Funktionskreisen ausschalten können noch darauf verzichten, Gefühle für ökonomische Zwecke zu nutzen“ (Neckel 2005:420). Die flexible, nach eigenen Wünschen formbare Persönlichkeit ist gar zu einer Art Modetrend verkommen, den die breite Masse dankbar annimmt. Indikatoren dafür seien nicht zuletzt die „Flut von Ratgebern und populären Sachbüchern“ (Neckel 2005: 422), die unter professioneller Aufbereitung eine Anleitung zur Selbst- und Fremdsteuerung bieten. Das käufliche Rezeptwissen zu emotionalem Selbstmanagement sei die „Lösung verschiedenartigster Effizienzprobleme modernen Managements“ (Neckel 2005: 423). Die Untersuchungen von Hochschild und Goleman folgen unterschiedlichen Sichtweisen auf Gefühlsarbeit: Goleman interessiert die Optimierung des beruflichen Erfolgs mit Hilfe von Emotionsarbeit. Dabei stehen vor allem Führungskräfte im Fokus. Hochschild hingegen beschäftigt sich mit der Gefühlsarbeit von Angestellten. Die Fähigkeit, Emotionen nach Wünschen des Arbeitgebers zu unterdrücken, zu modellieren oder neu herzustellen wird bei Hochschild detailliert am Beispiel von Dienstleistungsberufen beschrieben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Gefühlsarbeit
2.1 Gefühlsarbeit bei Arlie Hochschild
2.2 Oberflächenhandeln und Inneres Handeln
3. Emotionale Intelligenz
3.1 Emotionale Intelligenz nach Daniel Goleman
3.2 Die vier Dimensionen Emotionaler Intelligenz
4. Vergleich und kritische Betrachtung
5. Abschluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, die unterschiedlichen Ansätze zur Gefühlsarbeit von Arlie Hochschild und zur emotionalen Intelligenz von Daniel Goleman im beruflichen Kontext zu vergleichen, Gemeinsamkeiten sowie unvereinbare Elemente herauszuarbeiten und kritische Positionen zu diesen Konzepten zu beleuchten.
- Soziologische Analyse der Gefühlsarbeit in Dienstleistungsberufen
- Konzept der emotionalen Intelligenz als Instrument der Führungskräfteentwicklung
- Methoden der Gefühlssteuerung: Oberflächen- und tiefgreifendes Handeln
- Kritische Reflexion der wissenschaftlichen Fundierung und moralisch-ethischen Implikationen
- Instrumentalisierung von Emotionen als ökonomisches Erfolgsmerkmal
Auszug aus dem Buch
2.2 Oberflächenhandeln und Inneres Handeln
Allgemein gilt: Um sich im Beruf normkonform verhalten zu können, muss die Diskrepanz zwischen authentischem Gefühl und Gefühlsregel mit Hilfe von Gefühlsarbeit überkommen werden. „Die Gefühlsregeln sind Normen, die sich auf Gefühle beziehen“ (Flam 2002: 129). Sie geben nicht nur vor in welchen Situationen auf eine bestimmte Art und Weise gefühlt werden soll, sondern bestimmen formal auch Intensität und Dauer des Erlebens. Bei dieser bewussten Selbststeuerung kommen expressive, kognitive und physische Techniken zum Einsatz die das normkonforme Erleben und Ausdrücken von Gefühlen garantieren sollen.
Zur Erläuterung zieht Hochschild das Theaterschauspiel und die dort angewandten Darstellungstechniken heran. Sie schreibt jedem Akteur die Fähigkeit zu, „auf zwei verschiedene Arten [zu] schauspielern“ (Hochschild 1990: 53). Zum einen kann durch expressives „Oberflächenhandeln“ (Surface Acting) der äußere Gefühlsausdruck verändert werden. Ein Lächeln zeugt beispielsweise von Freundlichkeit, kann aber lediglich eine aufgesetzte Mimik sein um negative Emotionen zu überspielen. Zum anderen befähigt „Inneres Handeln“ (Deep Acting) durch Einflussnahme auf das eigene Erleben, den gewünschten Ausdruck als Ergebnis seiner Gefühlsarbeit authentisch herzustellen weil er mit dem künstlich erzeugten Gefühl zusammenfällt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Vorstellung der beiden Konzepte von Hochschild und Goleman sowie Einordnung der Fragestellung in den Kontext der modernen Emotionssoziologie und Ökonomie.
2. Gefühlsarbeit: Erläuterung von Hochschilds konstruktivistischem Ansatz, bei dem Arbeitsanforderungen im Dienstleistungssektor zur bewussten Modellierung von Gefühlen führen.
3. Emotionale Intelligenz: Detaillierte Darstellung des Goleman’schen Modells, das emotionale Kompetenzen als zentralen Erfolgsfaktor für Führungskräfte definiert.
4. Vergleich und kritische Betrachtung: Synoptische Gegenüberstellung beider Ansätze unter Hervorhebung ihrer konstruktivistischen Gemeinsamkeiten sowie der Divergenz bezüglich negativer Emotionen und wissenschaftlicher Validität.
5. Abschluss: Fazit über die zunehmende Kommerzialisierung und Instrumentalisierung von Emotionen in der Arbeitswelt unter kritischer Hinterfragung der Grenzen zwischen professioneller Steuerung und menschlicher Identität.
Schlüsselwörter
Gefühlsarbeit, Emotionale Intelligenz, Emotionssoziologie, Arlie Hochschild, Daniel Goleman, Dienstleistungsberufe, Selbstmanagement, Authentizität, Unternehmenskultur, Gefühlsregeln, Deep Acting, Surface Acting, Führungskompetenz, Instrumentalisierung, Arbeitswelt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Emotionen im beruflichen Alltag durch organisationale Anforderungen oder individuelles Selbstmanagement gesteuert und instrumentalisiert werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die soziologische Theorie der Gefühlsarbeit bei Hochschild und das psychologisch fundierte Modell der emotionalen Intelligenz von Goleman.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist ein vergleichender Diskurs, der Gemeinsamkeiten und unvereinbare Elemente beider Ansätze aufdeckt sowie deren wissenschaftliche und ethische Implikationen hinterfragt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturgestützte Analyse, die verschiedene theoretische Ansätze und Fachpublikationen kontrastiv gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Mechanismen der Gefühlssteuerung, wie das Oberflächen- und Innere Handeln bei Angestellten sowie die Domänen emotionaler Intelligenz bei Führungskräften.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Gefühlsarbeit, emotionale Intelligenz, Authentizität, Selbstmanagement und betriebliche Steuerung.
Wie unterscheidet sich Golemans Sichtweise von Hochschilds Ansatz?
Hochschild fokussiert sich auf den äußeren Druck auf Servicemitarbeiter, während Goleman ein aktives, auf beruflichen Erfolg ausgerichtetes Selbstmanagement bei Führungskräften propagiert.
Welche Rolle spielen negative Emotionen in den beiden Modellen?
Während Hochschild untersucht, wie negative Emotionen im Dienstleistungssektor unterdrückt oder transformiert werden, klammert Goleman diese in seinem idealisierten Modell der emotionalen Intelligenz nahezu vollständig aus.
Warum wird Golemans Modell in der Literatur kritisiert?
Kritiker monieren eine uneinheitliche Begriffsverwendung, eine mangelhafte wissenschaftliche Fundierung und eine einseitige Instrumentalisierung zur Durchsetzung unternehmerischer Interessen.
Welches Fazit zieht die Arbeit bezüglich der Arbeitswelt?
Die Arbeit schließt mit der Feststellung, dass der Umgang mit Emotionen am Arbeitsplatz heute zwar einen hohen Stellenwert hat, dies jedoch kritisch als Teil eines rationalen ökonomischen Kalküls zu betrachten ist.
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- Constanze Schelten-Peterssen (Author), 2011, Emotionen im Arbeitsleben, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/196364