„Wenn Balletttänzer tanzen, machen sie [die] Anstrengung [ihrer] Performance vergessen, sie transzendieren, schaffen einen fast religiösen Moment.“
Dieses Zitat des amerikanischen Regisseurs Darren Aronofsky beschreibt die Thematik, mit der sich die vorliegende Fachbereichsarbeit beschäftigt, präzise: Heinrich von Kleist bezeichnete es als Grazie, Friedrich Schiller als Anmut, andere Bezeichnungen sind Natürlichkeit, Authentizität oder Wahrhaftigkeit.
Dabei sind die grundlegenden Fragestellungen, denen diese Arbeit ausgehend von Heinrich von Kleists philosophischem Aufsatz Über das Marionettentheater nachgeht, folgende: Was ist Grazie? Ist Grazie beim Menschen möglich? Und wenn ja, wie kann sie erzeugt werden? Ist Grazie ein Naturzustand, oder braucht es menschliches Zutun, um sie hervorzubringen?
Wie diese Arbeit zeigen wird, beschäftigen derartige Fragen die Menschheit bereits seit Jahrhunderten. Besonders im Bezug auf die Darstellenden Künste sind sie fortwährend aktuell, weswegen diese Fachbereichsarbeit die Schauspielkunst als Beispiel zur Veranschaulichung von Grazie in der Praxis herausgreift.
Vorwort
1 Heinrich von Kleists Aufsatz Über das Marionettentheater
1.1 Über Heinrich von Kleist
1.2 Entstehung des Aufsatzes
1.3 Inhalt des Aufsatzes
1.4 Formale Gesichtspunkte
1.5 Philosophischer Grundgedanke
1.5.1 Der Begriff der Grazie
1.5.2 Die Marionettenfigur
1.5.3 Der Verlust der Grazie
2 Friedrich Schillers Abhandlung Über Anmut und Würde
2.1 Über Friedrich Schiller
2.2 Entstehung der Abhandlung
2.3 Philosophischer Grundgedanke
2.3.1 Anmut
2.3.2 Würde
2.4 Gegenüberstellung von Kleists und Schillers Theorien
3 Anmut und Grazie in den Darstellenden Künsten
3.1 Überblick über die Entwicklung der Schauspielkunst
3.2 Modernes Schauspielen
3.2.1 Das Stanislawski-System
3.2.2 Weiterentwicklungen des Stanislawski-Systems
3.2.2.1 Lee Strasberg
3.2.2.2 Stella Adler
3.2.2.3 Sanford Meisner
3.3 Modernes Schauspielen bei Kleist und Schiller
3.3.1 Schauspielen als Resultat einer schönen Seele
3.3.2 Schauspielen als Resultat von Kontrolle
3.3.3 Schauspielen als „Wieder-Kind-Sein“
3.4 Zusammenfassung
Nachwort
Zielsetzung & Themen
Die Fachbereichsarbeit untersucht den Begriff der „Grazie“ in Heinrich von Kleists Aufsatz Über das Marionettentheater und Friedrich Schillers Abhandlung Über Anmut und Würde. Ziel ist es, diese philosophischen Konzepte auf die modernen Schauspieltechniken zu übertragen und zu ergründen, ob und wie eine mühelose, natürliche Darstellung (Grazie) auf der Bühne erreicht werden kann.
- Philosophische Definitionen von Anmut und Grazie bei Kleist und Schiller
- Gegenüberstellung der Theorien zur menschlichen Grazie
- Historische Entwicklung der Schauspielkunst
- Analyse moderner Schauspieltechniken (z.B. Stanislawski-System, Method Acting)
- Die Vereinbarkeit von Bewusstsein, Kontrolle und natürlicher Darstellung
Auszug aus dem Buch
1.3 Inhalt des Aufsatzes
Kleists Essay handelt von der Begegnung eines Unbekannten, bei dem es sich möglicherweise um den Dichter selbst handelt, mit einem gewissen Herrn C. in einem Marionettentheater der Stadt M. Herr C. ist ein äußerst erfolgreicher Tänzer der städtischen Oper, weswegen ihn der Erzähler verwundert darauf anspricht, weshalb er sich denn von der Kleinkunst des Marionettentheaters belustigen ließe. Herr C. antwortet daraufhin, „daß (sic) ein Tänzer, der sich ausbilden wolle, mancherlei von ihnen [den Marionetten, Anm.] lernen könne.“ Auf der Grundlage dieser Aussage des Herrn C. entwickelt sich nun eine Diskussion zwischen ihm und dem Erzähler über die Grazie der Marionetten. So ist Herr C. der Ansicht, dass die Bewegungen der Marionetten weitaus graziöser seien, als die eines jeden Menschen, selbst des „geschicktesten Tänzers seiner Zeit“, da sich Marionetten niemals zierten. Ziererei entstehe, „wenn sich die Seele (vis motrix) in irgend einem andern Punkte befindet, als in dem Schwerpunkt der Bewegung.“ Dies sei bei Marionetten niemals der Fall, da der Marionettenspieler mittels eines Drahtes nur den Schwerpunkt, also die Essenz einer jeden Bewegung kontrollieren könne und sämtliche übrigen Gliedmaßen der Marionette dementsprechend im Einklang mit der vom Marionettenspieler angestrebten Bewegung einhergehen würden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Heinrich von Kleists Aufsatz Über das Marionettentheater: Dieses Kapitel analysiert Kleists Aufsatz hinsichtlich seiner Entstehung, seines Inhalts und der zentralen philosophischen Thesen zur Grazie und zur Marionettenfigur.
2 Friedrich Schillers Abhandlung Über Anmut und Würde: Hier werden Schillers Verständnis von Anmut als moralischem Verdienst und sein Ideal der schönen Seele beleuchtet sowie seinen Theorien denen Kleists gegenübergestellt.
3 Anmut und Grazie in den Darstellenden Künsten: Dieser Hauptteil verknüpft die theoretischen Überlegungen mit der Geschichte der Schauspielkunst und modernen Systemen wie dem von Stanislawski, um das Spannungsfeld zwischen Bewusstsein und natürlichem Ausdruck zu klären.
Schlüsselwörter
Grazie, Anmut, Heinrich von Kleist, Friedrich Schiller, Über das Marionettentheater, Über Anmut und Würde, Schauspielkunst, Method Acting, Konstantin Stanislawski, Bewusstsein, Sündenfall, Ästhetik, Authentizität, Natürlichkeit, Selbstreflexion
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Fachbereichsarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Suche nach dem Ursprung von Grazie und Anmut in der Kunst, insbesondere im Kontext von Schauspiel und menschlicher Natürlichkeit.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind die philosophische Auseinandersetzung mit Schönheit und Anmut bei Kleist und Schiller sowie deren praktische Anwendung und Relevanz für moderne schauspielerische Techniken.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die philosophischen Theorien von Kleist und Schiller auf das moderne Schauspielen anzuwenden und zu analysieren, wie Darsteller Grazie und Mühelosigkeit erreichen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer literaturgestützten Analyse philosophischer Primärtexte und deren Transfer auf kunsttheoretische Konzepte der Schauspielpraxis.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert neben den Theorien von Kleist und Schiller die historische Entwicklung der Schauspielkunst und beleuchtet moderne Systeme, insbesondere das Stanislawski-System und dessen Weiterentwicklungen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Grazie, Anmut, Schauspielkunst, Ästhetik, Authentizität und Selbstreflexion charakterisieren.
Welche Rolle spielt die Spiegelanekdote bei Kleist?
Die Spiegelanekdote verdeutlicht Kleists Theorie des Verlusts der natürlichen Grazie durch den Erwerb eines reflexiven Bewusstseins, da die Selbstbeobachtung die Unschuld der Bewegung zerstört.
Inwiefern unterscheidet sich Schiller in seinem Grazie-Begriff von Kleist?
Im Gegensatz zu Kleist sieht Schiller Grazie nicht als ein durch den Sündenfall verlorenes Naturprodukt, sondern als eine vom Menschen aktiv durch moralisches Handeln und den freien Geist erwerbbare Eigenschaft.
Warum sind Kinder laut dem Autor oft die besseren Schauspieler?
Kinder sind laut Arbeit deshalb erfolgreich, weil sie nicht „spielen“, sondern „sind“. Sie besitzen eine natürliche Grazie und Fantasie, da sie sich noch nicht in der reflexiven Selbstbeobachtung befinden.
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- René Kmet (Author), 2012, Der Begriff des Verlusts der Grazie bei Heinrich von Kleist im Bezug auf die Darstellenden Künste, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/196161