Mit der Pleite der amerikanischen Bank Lehman Brothers im September 2008 schien die
mittlerweile vieldiskutierte Finanzkrise ihren Lauf zu nehmen. Die Bankkonzerne und somit
deren Bilanzen fielen ins besondere Augenmerk der Öffentlichkeit und prompt gab es
zahlreiche Thesen und Meinungen über die Ursachen und Auswirkungen der weltweiten
Krise. Es wurden Lösungen diskutiert, Bilanzierungsregeln kurzfristig geändert und
Wirtschaftsgipfel einberufen, um die Stabilität des globalen Finanzsystems sicherzustellen
und die drohende Rezession auf den Weltmärkten abzuwenden. Somit waren es vor allem die
in den Bilanzen der Finanzinstitute zu findenden Finanzinstrumente und deren Bewertung
zum beizulegenden Zeitwert, die in den Fokus der Kritik gerieten. Eine Vielzahl von
Vertretern öffentlichen Interesses machten das Fair Value Accounting (FVA), in anderen
Worten die Bilanzierung mit einem Bewertungsansatz zum beizulegenden Zeitwert,
verantwortlich für die Wirtschaftskrise und hofften auf eine baldige Rückkehr zur Bewertung
nach dem Anschaffungskostenprinzip, so wie es in Deutschland im Handelsgesetzbuch
(HGB) vorgesehen ist. Es gibt einige Gegner der Fair Value (FV)-Bewertung, die davon
überzeugt sind, dass eben diese zur Finanzkrise beigetragen hat. Durch die Abwendung vom
FV erhofften sie sich eine Loslösung der artifiziell erschaffenen Volatilität der Finanzmärkte
von den Bilanzen und damit einhergehend von der Gewinn- und Verlustrechnung (GuV). Im
Hinterkopf ist zu behalten, dass sich Anfang der 1990er Jahre viele deutsche und europäische
Unternehmen im Rahmen der Globalisierung an ein internationales Kapitalmarktpublikum
anpassen mussten und hierfür die vom damaligen International Accounting Standards
Committee (IASC) entwickelten International Accounting Standards (IAS) heranzogen.
Diese Entwicklung nahm die Europäische Kommission dann 2002 zum Anlass für ihre schon
früheren Bestrebungen zur gemeinsamen Harmonisierung der Rechnungslegungsvorschriften
in Europa und legte die zu diesem Zeitpunkt in International Financial Reporting Standards
(IFRS) umbenannten IAS als Grundlage fest. Somit wurde das International Accounting
Standards Board (IASB) – damals IASC – zum reglementierenden Institut, welches auf die
Kritik und den politischen Druck im Rahmen der Finanzkrise in Bezug auf die FV-Bewertung
bei Finanzinstrumenten reagieren musste.[...]
Inhaltsverzeichnis
1. Problemstellung
2. Konzeption und Bedeutung des Fair Values für Finanzinstrumente nach IAS 39
2.1 Allgemeine Vor- und Nachteile des Fair Value Accountings
2.2 Bewertung der Finanzinstrumente vor und ab der Krise
2.2.1 Klassifizierung und Umwidmung vor der Krise
2.2.2 Änderungen durch die Nacht-und-Nebel-Aktion des IASB
2.2.3 Auswirkungen auf die Bilanzen der Bankkonzerne
3. Das aufsichtsrechtliche Eigenkapital bei Finanzinstitutionen
3.1 Die Ermittlung auf Basis des IFRS-Konzernabschlusses
3.2 Die Prudential Filters
3.3 Kritische Würdigung
4. Fair Value, Eigenkapitalregulierung und Prozyklizität
5. Zukunft des Fair Value Accountings
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die kontroverse Rolle des Fair Value Accountings (FVA) während der Finanzkrise 2008 und prüft, ob sich dieser Bewertungsansatz bei der Bilanzierung finanzieller Vermögenswerte von Banken als ungeeignet erwiesen hat. Ein zentrales Ziel ist die Analyse des Einflusses der FVA-Bewertung auf das aufsichtsrechtliche Eigenkapital der Institute sowie der Zusammenhang zwischen Rechnungslegungsvorschriften und der beobachteten Prozyklizität im Finanzsystem.
- Konzeptionelle Grundlagen und Kritik des Fair Value Accountings
- Anpassung der Bilanzierungsregeln durch die "Nacht-und-Nebel-Aktion" des IASB
- Ermittlung des aufsichtsrechtlichen Eigenkapitals auf Basis von IFRS
- Rolle der "Prudential Filters" zur Entkoppelung von Rechnungslegung und Bankenaufsicht
- Zusammenhang zwischen Eigenkapitalregulierung und systemischer Prozyklizität
Auszug aus dem Buch
2.1 Allgemeine Vor - und Nachteile des Fair Value Accountings
In der Wirtschaftspresse tauchte vermehrt die Aussage auf, dass es einen herrschenden Konsens darüber gebe, dass das FVA der Grund für die Finanzkrise sei. Wieso aber kommt dieser Vorwurf zustande, wenn man bedenkt, dass der FV in einem perfekten, sich im Gleichgewicht befindlichen Markt allen geforderten Ansprüchen gerecht würde? Befürworter des FVA sind entgegen diesem Vorwurf davon überzeugt, dass die jeweils gegebenen Marktverhältnisse optimal abgebildet und somit zeitgenaue Informationen widergespiegelt werden. Aus diesem Argument heraus lassen sich ebenfalls ein Transparenzzuwachs und eine bessere Grundlage für Marktentscheidungen ableiten. Wie bereits aufgeführt, zielt das IASB mit seinen Rechnungslegungsidealen genau auf diese Anforderungen ab, denn die Informationen über die tatsächliche wirtschaftliche Lage stehen hier im Vordergrund.
Wenn durch die Bilanzen die genauen Marktwerte jeder einzelnen Aktiva- und Passivaposition dargestellt würden, gäbe es keine Informationsasymmetrien mehr, sondern vollkommene Transparenz. Die Rechnungslegung könnte als perfekt angesehen werden, was sie somit allerdings überflüssig machte. Da wir uns aber in der Realität auf unvollkommenen Märkten befinden, kann das IASB lediglich versuchen, die Informationsungenauigkeit so klein wie möglich zu halten, um Fehlentscheidungen zu minimieren. Der FV wäre also hier das Mittel zum Zweck. Weitergehend lässt sich konstatieren, dass aufgrund von Unvollkommenheiten alle Rechnungslegungsinstitute vor dem Trade-off stehen, sich bei der Entwicklung von Standards zwischen Relevanz und Verlässlichkeit entscheiden zu müssen. Deshalb stützen Gegner des FVA ihre Argumente auf die Fehlanreize, die von den Zeitwerten ausgehen, da es nicht immer relevante Informationen bereitstellt. Dies trifft speziell dann zu, wenn Marktpreise wegen Arbitrage oder Irrationalitäten nicht deckungsgleich mit den fundamentalen Preisen sind und verlässlichere Werte hier aussagekräftiger wären. Wie eingangs im Kapitel 2 beschrieben, lässt die mark-to-model Methode zu, dass die beizulegenden Zeitwerte fehlerhaft und nicht dem Markt entsprechend ermittelt werden könnten und somit zu einer Verzerrung der tatsächlichen Lage führten, insbesondere dann, wenn wir uns auf illiquiden oder inaktiven Märkten befinden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Problemstellung: Dieses Kapitel führt in die Debatte um das Fair Value Accounting als mögliche Ursache der Finanzkrise ein und formuliert die Forschungsfrage bezüglich der Tauglichkeit dieses Bewertungsansatzes.
2. Konzeption und Bedeutung des Fair Values für Finanzinstrumente nach IAS 39: Hier werden die methodischen Grundlagen der Fair-Value-Bewertung sowie die Kritik daran erörtert, ergänzt durch eine Analyse der Bewertungskategorien und der regulatorischen Anpassungen während der Krise.
3. Das aufsichtsrechtliche Eigenkapital bei Finanzinstitutionen: Das Kapitel beleuchtet, wie Banken ihr regulatorisches Eigenkapital ermitteln und welche Rolle "Prudential Filters" spielen, um die Volatilität aus dem IFRS-Abschluss von der Aufsicht zu entkoppeln.
4. Fair Value, Eigenkapitalregulierung und Prozyklizität: Die Analyse konzentriert sich auf die Wechselwirkungen zwischen Bilanzierungsvorschriften und der prozyklischen Wirkung auf die Kreditvergabe und das Finanzsystem.
5. Zukunft des Fair Value Accountings: Es erfolgt ein Ausblick auf die Weiterentwicklung des Rechnungslegungswerks hin zu IFRS 9 und die damit verbundenen Herausforderungen bei der Umklassifizierung.
6. Fazit: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass das FVA zwar ökonomische Effekte hat, jedoch nicht allein für die Krise verantwortlich gemacht werden kann, und empfiehlt, systemische Risiken über Aufsichtsregeln statt über Änderungen der Rechnungslegung zu steuern.
Schlüsselwörter
Fair Value Accounting, Finanzkrise, IFRS, IAS 39, Eigenkapitalregulierung, Banken, Prozyklizität, Marktwert, Bilanzierung, Prudential Filters, Rechnungslegung, Finanzinstrumente, Volatilität, Aufsichtsrecht, IFRS 9.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Auswirkungen des Fair Value Accountings (FVA) auf die Bilanzen von Banken während der Finanzkrise 2008 und untersucht dessen Einfluss auf das aufsichtsrechtliche Eigenkapital.
Welches ist das zentrale Thema der Arbeit?
Zentrales Thema ist die kritische Auseinandersetzung mit der Bewertung finanzieller Vermögenswerte zum Zeitwert und die Frage, inwieweit diese Praxis zu systemischen Problemen oder einer Verschärfung der Krise beigetragen hat.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, ob sich das FVA durch die Finanzkrise und deren Implikationen als "nicht tauglich" herausgestellt hat und ob eine Rückkehr zur Bewertung nach Anschaffungskosten eine sinnvolle Lösung darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Analyse der IFRS-Rechnungslegungsvorschriften sowie die Auswertung empirischer Befunde deutscher Banken, um die Auswirkungen der Umklassifizierungsmaßnahmen von 2008 zu beurteilen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der theoretischen Konzepte des Fair Value, die Analyse der spezifischen Bankenaufsichts-Regeln (wie Prudential Filters) und die Untersuchung der Prozyklizität in Abhängigkeit von den Rechnungslegungsmethoden.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Fair Value, IFRS, Finanzinstrumente, Eigenkapitalregulierung, Prozyklizität und Prudential Filters.
Welchen Einfluss hatten die Änderungen durch die "Nacht-und-Nebel-Aktion" des IASB?
Diese Änderungen ermöglichten es Banken, Finanzinstrumente schneller umzugliedern, um negative Auswirkungen der Zeitwertbewertung auf das Eigenkapital während der Marktverwerfungen zu begrenzen.
Warum wird das FVA oft als "Sündenbock" der Krise bezeichnet?
Kritiker führen an, dass die Zeitwertbewertung in Krisenzeiten zu einer Abwärtsspirale führt, da fallende Marktpreise Banken zu weiteren Abschreibungen zwingen, was das Vertrauen im Finanzsektor schwächt.
- Quote paper
- Elisa Kaupel (Author), 2012, Fair Value Accounting und Finanzkrise: Wenn Bankbilanzierungen zur Gefahr werden, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/195864