Seit ihren Ursprüngen besteht die Literatur aus Abschreiben. Während bereits die antiken Dramen als eine fixierte Konfiguration ihrer Mythen gelten müssen, stellen schon die ältesten überlieferten mittelalterlichen Texte nichts anderes als eine Verschriftlichung von zuvor unfixierten und mündlich überlieferten Erzählungen dar. Als Sonderform intertextueller Verfahren erscheint die Montage
als ein allgemeines Merkmal von Textualität, da sie von einem Textbegriff ausgeht, der nicht nur literarische, sondern auch alle anderen Textsorten bis hin zur gesprochenen Alltagssprache umfasst. Jeder Text ist somit nur noch als Bestandteil eines Universums von Texten denkbar, in dem das gesamte soziokulturelle und semiotische Wissen zirkuliert. Bestandteil dieses soziokulturellen Wissens sind auch Kenntnisse und Diskurse benachbarter und anderer wissenschaftlichen Disziplinen wie im Falle der Typhus-Montage der zeitgenössische medizinische Wissensstand, der sich auf den normierten Krankheitsverlauf eines an Typhus erkrankten Patienten bezieht. Das Neue an jener Form literarischer Montage nennt Thomas Mann Amplifikation und meint das Finden im Gegensatz zum Auffinden. Die Geschlossenheit, doch auch die Originalität des literarischen Kunstwerks wird nun partiell aufgehoben. Dem montierten Teil wird eine neue Bedeutung zugewiesen, die Verweisfunktionen der Zeichen einem neuen Objekt zugeordnet, indessen aber die ursprüngliche Bedeutung erhalten bleibt. Durch die Montage „erscheint Wirklichkeit in ihren unvereinbaren Widersprüchen; der idealistische Begriff einer Repräsentierbarkeit essentieller Wirklichkeit ist aufgekündigt“ .
Inhaltsverzeichnis
1. Intertextualität und Montage
2. Krankheit als Verfallsprinzip
3. Die „Typhus-Montage“ in Buddenbrooks
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die literarische Montagetechnik in Thomas Manns Roman "Buddenbrooks", wobei ein besonderer Schwerpunkt auf der Integration medizinischer Wissensbestände zur Darstellung des Krankheitsverlaufs von Hanno Buddenbrook liegt.
- Die Funktion von Intertextualität und Montage in der Literatur
- Krankheit als zentrales Motiv und Verfallsprinzip der Kaufmannsfamilie
- Die Analyse der "Typhus-Montage" als Mittel der Entpersonalisierung
- Das Verhältnis von bürgerlich-kapitalistischer Lebenswelt und individuellem Verfall
- Der Einsatz des "Meyers Konversations-Lexikon" zur Objektivierung des Todes
Auszug aus dem Buch
Die „Typhus-Montage“ in Buddenbrooks
Als „reinste Dekadenz-Figur“ erscheint insbesondere Hanno, der letzte männliche Abkömmling der Familie Buddenbrook. Lebensuntüchtig von Geburt an, den gestellten Anforderungen nicht gewachsen, erweist sich das „körperlich und seelisch dürftig ausgestattete Kind, das sich von Geburt an siech durchs Leben schleppt, das ungeliebt und überfordert unter den harten Augen seiner künstlerisch dilettierenden Mutter am Piano ein wenig Improvisieren lernt“ als ein „Erlösungsbedürftiger“ und flüchtet sich schon bald in Spiel und Musik, besonders in die Musik Richard Wagners.
Bereits Hannos lebensuntaugliche Mutter Gerda zeichnet sich als glühende Wagner-Verehrerin aus mit ihrem „ganzen überschwänglichen und unersättlichen Rausche“, deren Schönheit Hanno „den Mut und die Tauglichkeit zum gemeinen Leben verzehrt“. Der realen Welt entfremdet erscheint bereits Hannos Schülerzimmer eher wie das Abbild einer Mönchsklause denn dem Refugium eines sich in das Leben sukzessive integrierenden Kindes entsprechend, liegt es doch „kalt und kahl, mit seiner Sixtinischen Madonna als Kupferstich über dem Bette […] stumm in dem wankenden Schein der Kerze“.
In seinem Unvermögen zur realen Lebensbewältigung werden Hanno die Sphärenklänge der Musik zur Parallelwelt seines biologischen Niedergangs und zu einem Rückzugsraum aus der ihn gleichsam surreal umgebenden Welt; die Musik „ist im letzten gleichbedeutend mit Verfall, Untergang, Tod“. Einen Übergang zum Leben findet Hanno in der ihn umfangenden, wie dionysisch rauschhaften Parallelwelt nicht: „Es gibt von seinen solipsistischen Musikfeiern aus keinen Zugang zum Leben, die vorgezeichnete Bahn ist nur nach vorne geöffnet, und dort wartet als Ziel der Tod.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Intertextualität und Montage: Das Kapitel erläutert die literaturwissenschaftliche Herleitung der Montagetechnik und definiert sie als ein Verfahren, bei dem heterogene Textteile zur Generierung neuer Bedeutungszusammenhänge montiert werden.
2. Krankheit als Verfallsprinzip: Hier wird untersucht, wie Krankheitssymptome als zentrales Metaphern-System den schleichenden Niedergang der Buddenbrooks und die allgemeine Dekadenz der wilhelminischen Gesellschaft widerspiegeln.
3. Die „Typhus-Montage“ in Buddenbrooks: Dieser Abschnitt analysiert die konkrete Verwendung eines Lexikonartikels über Typhus durch Thomas Mann, um Hannos Sterben objektiviert und entpersonalisiert in den Erzählkontext einzubetten.
Schlüsselwörter
Thomas Mann, Buddenbrooks, Montage, Intertextualität, Hanno Buddenbrook, Typhus, Dekadenz, Verfallsprinzip, Krankheit, Literaturwissenschaft, Meyers Konversations-Lexikon, Erzähltechnik, Medizinalgeschichte, Individuum, Tod.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie Thomas Mann in seinem Roman "Buddenbrooks" die Montagetechnik einsetzt, um den Verfallsprozess der Familie und insbesondere den Tod von Hanno Buddenbrook zu inszenieren.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die Intertextualität, das Motiv der Krankheit als Verfallsanzeiger, die Bedeutung der Musik als Parallelwelt sowie die Nutzung von Sachtexten (Lexikon) im literarischen Werk.
Was ist die primäre Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit fokussiert auf die Funktion der "Typhus-Montage" und wie durch die Integration externer medizinischer Fakten der Tod des Protagonisten Hanno erzählerisch entpersonalisiert wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse angewandt, die intertextuelle Verfahren untersucht und das Verhältnis zwischen fiktionalem Erzählen und faktualen Wissensbeständen beleuchtet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die theoretischen Grundlagen der Montage, die Bedeutung von Krankheit als Metapher in der Buddenbrook-Familie sowie die spezifische Umsetzung der Typhus-Beschreibung durch Mann.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Analyse?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Montage, Dekadenz, Intertextualität und Entpersonalisierung charakterisiert.
Inwiefern spielt das "Meyers Konversations-Lexikon" eine Rolle für die Erzählung?
Es dient als Quelle für die "Typhus-Montage", wobei Thomas Mann durch gezielte Auslassungen und Modifikationen des Sachtextes den klinischen Krankheitsverlauf auf das literarische Schicksal Hannos zuschneidet.
Warum wird Hanno Buddenbrook als "reinste Dekadenz-Figur" bezeichnet?
Er repräsentiert die völlige Lebensuntüchtigkeit und Abkehr von der bürgerlich-kapitalistischen Welt, wobei seine psychische und physische Verfassung in ständiger Übereinstimmung mit dem Untergang der Familie steht.
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- M.A. Matthias Mühlhäuser (Author), 2009, Zur Typhus-Montage in Thomas Manns "Buddenbrooks", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/195110