Schon in frühen Jahren wurde der Komponist Dmitri Schostakowitsch (19061975) mit politischen Ereignissen konfrontiert, als er als Elfjähriger Zeuge wurde, wie während einer Kundgebung Demonstranten erschossen wurden. Als unmittelbare Reaktion darauf entstand die Komposition „Hymne an die Freiheit“ bzw. „Trauermarsch für die Opfer der Revolution“. Ein Zeichen, zum einen für den frühen Beginn der kompositorischen Fähigkeit, zum anderen für die Verflechtung
von historisch-politischen Ereignissen im Umfeld Schostakowitsch und der Entstehung seiner Werke. Es folgte eine Karriere als Komponist, welche jedoch nicht zuletzt durch folgendes Ereignis immens erschüttert wurde:
1936 besuchte Josef Stalin, sowjetischer Diktator, eine Aufführung von Schostakowitschs Oper „Lady Macbeth von Mzensk“, verließ jedoch seine Ehrenloge nach einer musikalisch umgesetzten Kopulations-Szene. Und dies geschah, ohne dass Stalin vorher noch einmal das Gespräch mit Schostakowitsch als Komponisten suchte, was nicht nur der Abwertung des musikalischen Werkes, sondern in der damaligen Zeit einem Todesurteil gleichkam. Komponisten, welche als sogenannte
Systemfeinde oder Formalisten galten, wurden in nächtlichen Abholaktionen verhaftet, verhört, im schlimmsten Falle wurden sie in Gulags deportiert und ermordet. Auf den Eklat der Aufführung folgte ein (vermutlich von Stalin selbst verfasster) Artikel in der sowjetischen Kulturzeitung Prawda, in dem Schostakowitsch
jegliche musikalische Fähigkeit abgesprochen und ihm stattdessen „Chaos statt Musik“ bescheinigt wurde. Nun stand auch Schostakowitsch im Visier des Geheimdienstes und musste tagtäglich mit seiner Verhaftung rechnen. Anekdoten zufolge verbrachte er die folgenden Nächte stets mit einem gepackten Koffer unter seinem Bett, vernichtete alle ihn erreichenden Briefe, erteilte seinen Kindern die Auflage, unter keinen Umständen außerhalb der Wohnung über das zu sprechen, was sie dort beredeten. Ein beträchtlicher Teil von Verwandten und Freunden Schostakowitschs wurde deportiert oder ermordet.
Dieser Zustand änderte sich auch dann nicht, als die berühmte fünfte Sinfonie Schostakowitschs als vermeintliche „Rückkehr des verlorenen Sohnes“ von Stalin angesehen und er somit offiziell rehabilitiert wurde. Die ständige Angst, erneut in Ungnade fallen zu können, nagte stets am Komponisten.
Inhaltsverzeichnis
1. Dmitri Schostakowitsch – ein biographischer Abriss
2. Schostakowitschs Streichquartett Nr. 8
2.1. Entstehungsgeschichte
2.2. musikalische Aspekte
2.3. Stellenwert des Streichquartettes
3. Ein Quartett gegen den Krieg? Ein Quartett für Schostakowitsch?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Streichquartett Nr. 8 c-Moll op. 110 von Dmitri Schostakowitsch vor dem Hintergrund seiner biographischen Prägung durch politische Repressionen und den Zweiten Weltkrieg. Ziel ist es, zu ergründen, ob das Werk als explizites "Kriegs-Requiem" oder primär als autobiographisches Dokument des Komponisten zu verstehen ist.
- Biographische Kontexte der Komposition
- Analyse der musikalischen Struktur und Zitate
- Untersuchung der Widmungsproblematik
- Deutung der künstlerischen Absicht versus politischer Interpretation
Auszug aus dem Buch
3. Ein Quartett gegen den Krieg? Ein Quartett für Schostakowitsch?
Ob es sich bei diesem Quartett um eine Widmung an die Opfer des Krieges und Faschismus oder vielmehr ein Tondenkmal für Schostakowitsch handelt, ist umstritten. Und auch innerhalb des Werkes gibt es für beide Vermutungen be- und entlastende Aspekte.
Der erste Aspekt, welcher sich bei dieser Fragestellung förmlich aufdrängt, ist die Widmung, welche Schostakowitsch dem Quartett gab. „Im Gedenken an die Opfer des Faschismus und des Krieges“. Eine Widmung, welche sich keinesfalls auf ein Volk, eine Seite des Krieges, ein System festlegt, sondern das Gedenken genalisierend formuliert. Nicht nur der sowjetischen Opfer soll gedacht werden, sondern aller Opfer jeglicher totalitären Systeme. In gewisser Hinsicht lässt sich daraus folgendes ableiten:
Es wird jeglichem Opfer jeglicher Kriege und jeglicher Formen des Faschismus jeglicher politisch-totalitären Systeme gedacht. Ein Aspekt, welcher gerade in Hinblick auf die Verehrung Stalins wegen des Sieges über Hitler, einen Affront gegen die Ideologie und politische Gesinnung der Zeit strebt. Hitler und Stalin werden gleichgesetzt, ebenso ihre Gewalttaten sowie deren Opfer. Es lässt sich somit nicht von der Hand weisen, dass es sich (und sei es nur durch die Widmung) um ein Quartett gegen den Krieg handeln mag. Jedoch gestaltet sich durch die Tatsache, dass auch Schostakowitsch ein Opfer des Krieges bzw. des totalitären Systems des Stalinismus war, die reine Widmung des Quartettes als Werk gegen den Krieg als äußerst schwierig.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Dmitri Schostakowitsch – ein biographischer Abriss: Dieser Abschnitt beleuchtet das Leben des Komponisten unter dem Druck politischer Verfolgung durch das stalinistische Regime und verarbeitet die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs auf seine Biographie.
2. Schostakowitschs Streichquartett Nr. 8: Hier werden die Entstehungsgeschichte des Werkes im Sommer 1960, seine musikalischen Besonderheiten sowie der diskursive Stellenwert der Komposition im Gesamtwerk dargelegt.
3. Ein Quartett gegen den Krieg? Ein Quartett für Schostakowitsch?: Das Schlusskapitel analysiert kritisch die Intention hinter der Widmung und diskutiert, ob das Quartett als objektives Mahnmal oder als zutiefst privates, autobiographisches Dokument zu interpretieren ist.
Schlüsselwörter
Dmitri Schostakowitsch, Streichquartett Nr. 8, Stalinismus, Totalitarismus, Musikgeschichte, Kriegsopfer, Autobiographie, Musikalische Analyse, c-Moll, D-Es-C-H, Erinnerungskultur, Politische Unterdrückung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Streichquartett Nr. 8 von Dmitri Schostakowitsch und hinterfragt die Deutungsebenen zwischen politischer Widmung und persönlichem Lebenszeugnis.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Themenfelder umfassen die biographische Aufarbeitung des Lebens unter Diktaturen, die musikalische Formensprache und die Interpretation von Widmungen in der klassischen Musik.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist die Klärung der Forschungsfrage, ob das Quartett primär als Gedenken an externe Kriegsopfer oder als autobiographisches Bekenntnis des Komponisten zu verstehen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine musikwissenschaftliche Analyse mit biographischer und historischer Kontextualisierung kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die biographische Einleitung, die Analyse der Entstehungsgeschichte und musikalischen Aspekte des Quartetts sowie die abschließende kritische Interpretation der Werkintention.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere die Identität des Komponisten, der Stalinismus, das D-Es-C-H Motiv und der Stellenwert von Musik in politischen Kontexten.
Wie steht Schostakowitsch zu seiner eigenen Widmung?
Er sah das Werk später ambivalent; während die öffentliche Widmung offiziell blieb, deutete er in privaten Briefen an, dass es sich um eine Art persönliches Vermächtnis handelte.
Warum wird das Quartett oft als „Dresdener Quartett“ bezeichnet?
Der Titel entstand im Umfeld der Entstehung, da Schostakowitsch 1960 die zerstörte Stadt Dresden im Rahmen von Filmaufnahmen besuchte, was das Quartett thematisch beeinflusste.
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- Florian Leiffheidt (Author), 2012, Dmitri Schostakowitsch: Streichquartett Nr. 8 c-Moll. Ein Quartett gegen den Krieg?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/194497