Der Liberalismus als Weltanschauung und politische Ideologie mit dem Ziel, die Freiheit des Einzelnen in den Mittelpunkt politischer Überlegungen zu stellen und staatliche Be-vormundung im größtmöglichen Umfang zu verhindern, ist das bedeutsamste Identitäts-merkmal und argumentative Fundament der FDP, dessen geistige Ursprünge bis ins 17. Jahrhundert in England zurückreichen (Rudzio 2006: 132). Aufgrund dieser gemeinsamen Grundausrichtung der Partei sowie dem damit einhergehenden starken Bedürfnis nach programmatischer Fixierung ist die FDP als eine Programmpartei zu bezeichnen, in der Grundsatzprogramme dementsprechend von großer Bedeutung sind (Dittberner 2010: 277). Der Liberalismus zeigt sich im geschichtlichen Verlauf und auch in der jüngeren Geschichte seit Gründung der FDP einem stetigen Wandel der Schwerpunktsetzungen unterworfen. So gelten die siebziger Jahre als die Hochzeit des sozialen Liberalismus in Deutschland. Heute wird der FDP hingegen oft eine thematische Einengung auf den Wirt-schaftsliberalismus vorgeworfen (Plickert 2011). Häufig wird sie als „Steuersenkungspar-tei“ wahrgenommen, die sich eindeutig dem besserverdiendenden Besitzbürgertum der Gesellschaft zugewendet hat (Drach 2011).
Weil der Liberalismus als politische Philosophie in der FDP eine bedeutende Rolle spielt und auch den Grundsatzprogrammen eine große Bedeutung zukommt soll in dieser Arbeit der Frage nachgegangen werden, welches Liberalismusverständnis den vier bedeutsamen Grundsatzprogrammen der FDP zugrunde liegt. Ist eine programmatische Einengung auf wirtschaftsliberale Themenfelder auch in den Grundsatzprogrammen zu erkennen und wie hat sich das Liberalismusverständnis in den Programmen der FDP seit ihrer Gründung verändert? Diesen Fragen soll in dieser Arbeit nachgegangen werden. Außerdem sollen die Gründe für die jeweils herausgearbeiteten Veränderungen aufgezeigt werden.
Inhaltsverzeichnis der Grundsatzprogramme der FDP
1. Einleitung
2. Liberalismusauffassungen
3. Die inhaltlichen Schwerpunkte der Grundsatzprogramme der FDP
3.1 Das Berliner Programm von 1957
3.2 Die Freiburger Thesen zur Gesellschaftspolitik von 1971
3.3 Die Kieler Thesen von 1977
3.4 Die Wiesbadener Grundsätze zur liberalen Bürgergesellschaft von 1997
4. Das Liberalismusverständnis in den Grundsatzprogrammen der FDP
4.1 Der Liberalismus im Berliner Programm von 1957
4.1.1 Das Liberalismusverständnis im Berliner Programm
4.1.2 Gründe für die Vermeidung des Liberalismusbegriffs
4.2 Der Liberalismus in den Freiburger Thesen von 1971
4.2.1 Das Liberalismusverständnis in den Freiburger Thesen
4.2.1.1 Das Liberalismusverständnis in der Einleitung
4.2.1.2 Die Thesen zur Gesellschaftspolitik in den Freiburger Thesen
4.2.1.3 Die inhaltliche Analyse der Freiburger Thesen
4.2.1.4 Résumé: Das Liberalismusverständnis in den Freiburger Thesen
4.2.2 Der Weg zum sozialen Liberalismus
4.3 Der Liberalismus in den Kieler Thesen von 1977
4.3.1 Das Liberalismusverständnis in den Kieler Thesen
4.3.1.1 Der Begriff des Liberalismus in den Kieler Thesen
4.3.1.2 Die inhaltliche Analyse der Kieler Thesen
4.3.1.3 Résumé: Das Liberalismusverständnis in den Kieler Thesen
4.3.2 Der Weg zum Wirtschaftsliberalismus der Kieler Thesen
4.4 Der Liberalismus in den Wiesbadener Grundsätze von 1997
4.4.1 Das Liberalismusverständnis in den Wiesbadener Grundsätzen
4.4.1.1 Die vier Fundamente des modernen Liberalismus
4.4.1.2 Die liberale Bürgergesellschaft als Teilhabergesellschaft
4.4.1.3 Résumé: Das Liberalismusverständnis der Wiesbadener Grundsätze
4.4.2 Gründe für die Entstehung der Wiesbadener Grundsätze
5. Fazit
Zielsetzung & thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht, wie sich das Liberalismusverständnis in den vier zentralen Grundsatzprogrammen der FDP seit der Parteigründung gewandelt hat und welche politischen sowie innerparteilichen Faktoren diese programmatischen Veränderungen jeweils motiviert haben.
- Historische Analyse des Liberalismusbegriffs und dessen Bedeutung für die FDP.
- Gegenüberstellung des sozialen Liberalismus (Freiburger Thesen) und des Wirtschaftsliberalismus (Kieler Thesen).
- Untersuchung der programmatischen Anpassungen als Reaktion auf Koalitionskrisen und Wahlergebnisse.
- Analyse der konzeptionellen Entwicklung hin zum modernen Liberalismus in den Wiesbadener Grundsätzen.
Auszug aus dem Buch
4.2.1.1 Das Liberalismusverständnis in der Einleitung
Während das Wort liberal im Berliner Programm von 1957 von nachrangiger Bedeutung ist, kann der Liberalismus als bedeutungsvollstes Element und als Argumentationsbasis der Freiburger Thesen angesehen werden. Die wesentlichen Aussagen zum allgemeinen Liberalismusverständnis werden bereits in der Einleitung des Programms gemacht.
Zunächst wird der Liberalismus in der Einleitung als Träger von Revolutionen und Reformbewegungen lobgepreist, der eine „Demokratisierung des Staates“ (FDP 1971: 5) zum Ziel hatte und letztlich „zu dem als konstitutionelle Demokratie verfaßten freiheitlichen Rechtsstaat unseres Grundgesetzes, mit Minderheitenschutz, Gewaltenteilung und Rechtsbindung aller Staatsgewalt“ (ebd.) geführt hat. Die FDP bekennt sich somit zunächst zu den Belangen des klassischen Liberalismus und beschreibt sich selbst als Beschützer desselben. Interessant wird die Beschreibung des von der FDP verstandenen Liberalismus aber insbesondere anschließend, wenn neben den klassischen liberalen Werten zugleich eine „Demokratisierung der Gesellschaft“ (FDP 1971: 6) gefordert wird, womit ein gewandeltes Liberalismusverständnis einhergeht. Von nun an ist von einem modernen, „Sozialen Liberalismus“ (ebd.) die Rede, wobei dieses Wort im Text extra hervorgehoben ist.
Der Mensch soll zukünftig nicht nur für sich betrachtet Freiheitsrechte gegenüber dem Staat beanspruchen können, sondern auch in der Gesellschaft, in der er sich tatsächlich wiederfindet und welche seine Freiheit ebenfalls einzugrenzen droht. Auf eine gesellschaftliche Erfüllung der staatlich gesicherten Freiheitsrechte, auf individuelle Entfaltungsmöglichkeiten und „soziale Chancen in der alltäglichen Wirklichkeit der Gesellschaft kommt es ihm [, dem Sozialen Liberalismus,] an“ (ebd.). Umgesetzt werden sollen diese Ziele durch die bereits von der FDP vertretene Bildungspolitik durch „gleiche Bildungs und Berufschancen für alle Bürger“ (FDP 1971: 7), sowie im Bereich der Gesellschaftspolitik durch Teilhabe- und Mitbestimmungsrechte in den das Leben bestimmenden Organisationen der Gesellschaft, also Betrieben und Unternehmen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Definiert die Fragestellung zur Entwicklung des Liberalismusverständnisses in den FDP-Grundsatzprogrammen und legt den methodischen Rahmen dar.
2. Liberalismusauffassungen: Bietet einen theoretischen Überblick über verschiedene Strömungen wie klassischen Liberalismus, Ordoliberalismus und sozialen Liberalismus.
3. Die inhaltlichen Schwerpunkte der Grundsatzprogramme der FDP: Fasst die Kernthemen und historischen Kontexte der vier untersuchten Grundsatzprogramme (1957, 1971, 1977, 1997) zusammen.
4. Das Liberalismusverständnis in den Grundsatzprogrammen der FDP: Analysiert detailliert die Begriffsverwendung und inhaltliche Ausgestaltung des Liberalismus in den jeweiligen Dokumenten und beleuchtet die Beweggründe für inhaltliche Wenden.
5. Fazit: Führt die Analyseergebnisse zusammen und bewertet die Kontinuität sowie die programmatischen Anpassungen der FDP über den Untersuchungszeitraum hinweg.
Schlüsselwörter
FDP, Grundsatzprogramme, Liberalismus, sozialer Liberalismus, Wirtschaftsliberalismus, Berliner Programm, Freiburger Thesen, Kieler Thesen, Wiesbadener Grundsätze, politische Ideologie, Parteigeschichte, Gesellschaftspolitik, Bürgergesellschaft, Reformpartei, Rechtsstaat.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die programmatische Entwicklung der FDP anhand ihrer vier wichtigsten Grundsatzprogramme zwischen 1957 und 1997.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum steht der Wandel des Liberalismusverständnisses, insbesondere der Wechsel zwischen sozialliberalen und wirtschaftsliberalen Schwerpunktsetzungen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Es soll geklärt werden, wie sich das Verständnis von Liberalismus in den Programmen gewandelt hat und welche politischen Hintergründe (z.B. Koalitionsentscheidungen) dafür ausschlaggebend waren.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit nutzt eine politikwissenschaftliche Dokumentenanalyse zur Untersuchung der Begriffsverwendung und inhaltlichen Gewichtung innerhalb der Parteiprogramme.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine inhaltliche Darstellung der Programme und eine tiefgehende Analyse des Liberalismusverständnisses in den jeweiligen Epochen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie FDP, Grundsatzprogramme, Liberalismus, sozialer Liberalismus und politische Parteigeschichte definiert.
Warum wurde im Berliner Programm 1957 der Begriff "Liberalismus" weitgehend vermieden?
Dies wird als Folge der innerparteilichen Spaltung zwischen dem linksliberalen und dem nationalliberalen Flügel in der Gründungsphase gedeutet.
Wie unterscheiden sich die Freiburger Thesen 1971 von den Kieler Thesen 1977 inhaltlich?
Während die Freiburger Thesen einen starken Fokus auf sozialen Liberalismus und Mitbestimmung legten, verschob sich der Schwerpunkt in den Kieler Thesen deutlich hin zu einem ordoliberalen Wirtschaftsliberalismus.
Welche Rolle spielen die Wiesbadener Grundsätze 1997 für die Identität der FDP?
Sie dienen als Versuch einer inhaltlichen Vereinigung verschiedener liberaler Strömungen und präsentieren die FDP als moderne Reformpartei.
- Arbeit zitieren
- Andreas Hundler (Autor:in), 2012, Die Entwicklung des Liberalismusverständnisses in den Grundsatzprogrammen der FDP, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/193626