1. Einleitung
Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall spielt die Pädagogik der ehemaligen DDR immer noch eine große Rolle, denn sie hat an den Menschen, die sie erfahren haben, ihre Spuren hinterlassen. Nach und nach werden Stimmen laut, die nach Rehabilitierung verlangen, um dem Leiden der Jugendlichen in den Jugendwerkhöfen Rechnung zu tragen.
In dieser Arbeit möchte ich auf die besondere DDR-Pädagogik in den Jugendwerkhöfen eingehen mit dem Ziel herauszufinden, was die Jugendlichen dort durchmachen mussten, sodass sie heute noch an den Folgen ihres Aufenthaltes dort leiden. Dazu werde ich zunächst den Begriff Jugendwerkhof definieren und dann auf die Geschichte und die Struktur der Jugendwerkhöfe eingehen. Der Grund der Einweisung wie z.B. Schwererziehbarkeit wird von mir ebenfalls beleuchtet. Einen wichtigen Teil macht dann die Umerziehung in den Werkhöfen aus. Inhalte der Umerziehung sind die sozialistische Erziehung mit ihren Eckpfeilern, der Kollektiverziehung, der Arbeitserziehung, der Erziehung zur bewussten Disziplin und zuletzt der Politisch-ideologische Erziehung. Im letzten Teil, der Nachbetreuung, wird dann deutlich werden, ob die DDR-Pädagogik der Jugendwerkhöfe ihr Ziel erreichte oder nicht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definition Jugendwerkhof
3. Geschichte und Struktur der Jugendwerkhöfe
4. Einweisung in die Jugendwerkhöfe
4.1 Schwererziehbarkeit als Einweisungsgrund
5. Umerziehung
5.1 Sozialistische Erziehung
5.1.1 Kollektiverziehung
5.1.2 Arbeitserziehung
5.1.3 Erziehung zur bewussten Disziplin
5.1.4 Politisch-ideologische Erziehung
5.1.5 Nachbetreuung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das pädagogische System und die Umerziehungsmethoden in den DDR-Jugendwerkhöfen, um die Hintergründe für das Leiden der inhaftierten Jugendlichen sowie die langfristigen psychischen und sozialen Folgen ihres Aufenthalts zu beleuchten.
- Definition und historische Entwicklung des Jugendwerkhof-Systems in der DDR
- Kriterien für die Einweisung und die Problematik der sogenannten Schwererziehbarkeit
- Analyse der vier Säulen der Umerziehung: Kollektiv-, Arbeits-, Disziplin- sowie politisch-ideologische Erziehung
- Kritische Reflexion der pädagogischen Ziele im Kontext von Konformität und Unterdrückung
Auszug aus dem Buch
5.1.1 Kollektiverziehung
Wichtigster Erziehungsfaktor in den Jugendwerkhöfen und auch in allen anderen Heimen war die „Erziehung im und durch das Kollektiv“ (Gatzemann 2009, S. 42) nach dem Vorbild Makarenkos. Dieses Vorgehen sollte die „Überwindung des Individualismus und die harmonische Verbindung der eigenen Interessen mit den Interessen der Allgemeinheit sein“ (Jahn 2010, S. 70). Nach Makarenkos Prinzipien erfolgte schließlich auch eine Einteilung in „Kernkollektiv“, „Reserven des Kernkollektivs“ und „Neulinge“ (Gatzemann 2009, S. 43). Das Kernkollektiv bildeten FDJ-Mitglieder, die eine führende Rolle als eine Art Avantgarde übernahmen und die Forderungen der Erzieher mit durchsetzen halfen. Sie galten als das „handelnde Aktiv“ (Jahn 2010, S. 70), übten Einfluss aus und übernahmen zentrale Funktionen. Die Jugendlichen des Kernkollektives besaßen einen „sauberen und wertvollen Charakter […] [und die] pädagogischen Fähigkeiten im Umgang mit ihren Kameraden, durch fachliche Leistungen und gutes fachliches Wissen, durch Organisationtalent und Kollektivbewusstsein“ (Jahn 2010, S. 70f.) Leider kam es (im Einzelfall?) auch vor, dass Kontroll- und Leitungsbefugnisse an Mitglieder des Kernkollektivs abgegeben wurden, die lediglich aufgrund ihrer Brutalität, Körperkraft und Unterdrückungsmaßnahmen eine dominante Position in der Gruppe hatten. Dies stand der Idee der Kollektiverziehung völlig entgegen. (vgl. Gatzemann 2009, S. 43)
Den größten Prozentsatz des Kollektivs bildete die „Reserve“. Dies waren Jugendliche, die, obwohl keine Neulinge, nicht über genügend Kompetenz verfügten, um dem Kernkollektiv anzugehören. Die Reserve akzeptierte die Führungsrolle des Kerns und ergänzte diese. Den sogenannten „Rest“ bildeten die Neuankömmlinge, die sich erst noch in das Kollektiv integrieren sollten und die „besonders schwierigen Jugendlichen“ (Jahn 2010, S. 71).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit thematisiert die DDR-Pädagogik in Jugendwerkhöfen, ihre Auswirkungen auf die Betroffenen und die Notwendigkeit einer Aufarbeitung durch Rehabilitierung.
2. Definition Jugendwerkhof: Erläuterung der Jugendwerkhöfe als Spezialheime der DDR zur Umerziehung Jugendlicher im Alter von 14 bis 18 Jahren mittels kollektiver Methoden.
3. Geschichte und Struktur der Jugendwerkhöfe: Darstellung der historischen Entstehung nach dem Zweiten Weltkrieg und der verschiedenen Heimtypen sowie deren Unterstellung unter die Abteilungen Volksbildung.
4. Einweisung in die Jugendwerkhöfe: Beschreibung des administrativen Einweisungsprozesses ohne Gerichtsverfahren aufgrund staatlich definierter Gefährdungsmomente.
4.1 Schwererziehbarkeit als Einweisungsgrund: Analyse der Kriterien für Schwererziehbarkeit und der Rolle staatlicher Repression bei abweichendem Verhalten.
5. Umerziehung: Untersuchung des sozialistischen Erziehungsauftrags, der Konformität statt Individualität forderte.
5.1 Sozialistische Erziehung: Einordnung des Erziehungsziels, Jugendliche zu „allseitig entwickelten sozialistischen Persönlichkeiten“ zu formen.
5.1.1 Kollektiverziehung: Analyse des Prinzips der Erziehung durch das Kollektiv und der internen Hierarchien (Kern, Reserve, Rest).
5.1.2 Arbeitserziehung: Erörterung der Arbeitserziehung als Mittel zur beruflichen Qualifizierung, das in der Realität oft in Ausbeutung mündete.
5.1.3 Erziehung zur bewussten Disziplin: Darstellung des straffen Regimes und der Disziplinierungsmaßnahmen bis hin zum Arrest.
5.1.4 Politisch-ideologische Erziehung: Beschreibung der Indoktrination durch Unterricht und Freizeitgestaltung mit dem Ziel, politisch angepasste Bürger zu erzeugen.
5.1.5 Nachbetreuung: Analyse des Scheiterns des Wiedereingliederungskonzepts und der Schwierigkeiten ehemaliger Zöglinge im Alltag.
6. Fazit: Zusammenfassendes Urteil, dass das pädagogische Ziel der Jugendwerkhöfe verfehlt wurde und das System Menschenrechte verletzte.
7. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Quellen und Fachliteratur zum Thema.
Schlüsselwörter
DDR-Pädagogik, Jugendwerkhof, Umerziehung, Schwererziehbarkeit, Sozialistische Erziehung, Kollektiverziehung, Arbeitserziehung, Disziplin, Indoktrination, Jugendhilfe, Menschenrechte, Rehabilitierung, Makarenko, Repression, Fehlentwicklung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der pädagogischen Praxis und den Umerziehungsmethoden in den Jugendwerkhöfen der DDR sowie deren negativen Auswirkungen auf die betroffenen Jugendlichen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der Geschichte der Heimeinrichtungen, den Einweisungskriterien, den Methoden der sozialistischen Umerziehung und der schwierigen sozialen Integration nach der Entlassung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das pädagogische System funktionierte und weshalb es das Ziel, die Jugendlichen zu nützlichen Mitgliedern der sozialistischen Gesellschaft zu erziehen, verfehlte und stattdessen Leid verursachte.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin stützt sich auf eine Analyse von Fachliteratur, zeitgenössischen Gesetzen, Richtlinien sowie Berichten über die Situation in den Jugendwerkhöfen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit analysiert?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der vier Säulen der Umerziehung: Kollektiverziehung, Arbeitserziehung, Erziehung zur bewussten Disziplin und politisch-ideologische Erziehung.
Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit am besten?
DDR-Pädagogik, Jugendwerkhof, Umerziehung, Sozialistische Persönlichkeit, Konformität und staatliche Repression.
Warum wurde die Kollektiverziehung in den Heimen als so zentral angesehen?
Sie diente dazu, den Individualismus zu brechen und die Jugendlichen vollständig dem Willen des Kollektivs unterzuordnen, um so eine unkritische Anpassung zu erzwingen.
Was genau bedeutete „Schwererziehbarkeit“ im Kontext der DDR-Behörden?
Der Begriff fungierte als Sammelbecken für alle Abweichungen von der sozialistischen Norm – von schulischen Problemen über Arbeitsverweigerung bis hin zu politisch unerwünschtem Verhalten wie Ausreiseanträgen.
Welche Bedeutung hatte der Arrest in diesem Erziehungssystem?
Der Arrest war das schärfste Disziplinierungsmittel und wurde bei Verstößen gegen die Heimordnung oder Fluchtversuchen angewandt, um durch physische Isolation und Entzug von Privilegien Gehorsam zu erzwingen.
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- Ulla Nachtigall (Author), 2011, Die DDR-Pädagogik in den Jugendwerkhöfen, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/193382