Einleitungsgedanke: Der Medea-Mythos
Medea, ein Mythos, der die Menschen seit bereits über zweieinhalbtausend Jahren bewegt und fasziniert: Durch alle Epochen setzte Medea ihre ikonographische Präsenz durch1. So inspirierte sie seit ihrer ersten Erwähnung an der Schwelle des 7. vorchristlichen Jahrhunderts in der Theogonie Hesiods2 immer wieder zum Neuerzählen ihrer Geschichte.
Der Sage nach ist Medea eine kolchische Königstochter, die dem Führer des Argonautenzuges Jason, einem Königssohn aus Iolkos, mit ihren Zauberkräften hilft, das Goldene Vlies zu entführen, weswegen er nach Kolchis gesandt worden war. Medea verliebt sich in Jason und flieht nach dem Verrat an ihrem Vaterland mit ihm. Nachdem die beiden auch aus Iolkos vertrieben werden, als Opfer einer Intrige des Pelias, Jasons Onkel, finden sie in Korinth Asyl. Dort werden sie freundlich empfangen von König Kreon. Sie leben hier einige Jahre lang glücklich bis Jason sich in die Königstochter Kreusa, auch Glauke genannt, verliebt und seine gedemütigte Gattin Medea verlässt. Daher sinnt diese auf Rache. Euripides, welcher 431 v.Chr. das erste Drama über Medea verfasste, dichtete ihr den Mord an ihren eigenen beiden Söhnen an3, mit welchem sie bezweckte, ihren untreuen Ehemann für immer zu vernichten. Dieser gelungene dramaturgische Kunstgriff ging dauerhaft in den Mythenstoff um Medea ein und wurde in späteren Medea-Bearbeitungen meist fester Bestandteil der Handlung4. So wurde aus der ursprünglich zauberkundigen Helferin eine böse Hexe und skrupellose Verbrecherin.
Doch gegen Ende der 70er Jahre setzte ein bis heute anhaltender „Medea-Boom“ ein, wobei feministisch orientierte Medea-Texte mit ungewohnten Perspektiven spielen und den Mythos neu erzählen5. So zum Beispiel die Autorin Christa Wolf: In ihrer 1996 geschriebenen Fassung der Medea hält sie sich nicht an die Vorgaben des Euripides, sondern sie nimmt Medea in Schutz.
Diese Arbeit wird nun in ihrem weiteren Verlauf die euripideische Medea mit Christa Wolfs „Medea. Stimmen“ verglichen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitungsgedanke: Die Faszination des Medea-Mythos
1. Gattungsspezifische Unterschiede zwischen Roman und gespieltem Drama
2. Thematische Unterschiede
2.1 Euripides
2.1.1 Medeas besondere Aktivität im Drama: Rolle, Lebensvorstellungen, Lösungen
2.1.2 Intention des Euripides
2.2 Christa Wolf
2.2.1 Medeas besondere Aktivität im Roman: Rolle, Lebensvorstellungen, Lösungen
2.2.2 Bezug der Figur Medea zu Christa Wolfs Biographie
3. Vergleich der Motive und Themen von Euripides’ „Medea“ mit Christa Wolfs „Medea. Stimmen“
4. Literaturbetrieb in der DDR
Schlussgedanke: Bedeutung des letzten Ausrufes der Medea in Christa Wolfs Roman
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, den antiken Medea-Mythos in der Fassung des Euripides mit der literarischen Bearbeitung durch Christa Wolf zu vergleichen, um zentrale Unterschiede in der Charakterisierung der Protagonistin sowie in der zugrunde liegenden Motivik herauszuarbeiten.
- Gattungsspezifische Analyse von griechischer Tragödie und modernem Roman.
- Gegenüberstellung der unterschiedlichen Medea-Interpretationen bei Euripides und Wolf.
- Untersuchung der Machtstrukturen und des Sündenbockmechanismus in beiden Werken.
- Kontextualisierung von Christa Wolfs Werk im Literaturbetrieb der DDR.
- Analyse autobiographischer Parallelen zwischen Christa Wolf und der Figur Medea.
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Medeas besondere Aktivität im Roman: Rolle, Lebensvorstellungen, Lösungen
Christa Wolf modelliert den Medea-Mythos sehr stark: Sie verändert den mythischen Inhalt, indem sie neues hinzuerfindet und sie erweitert das Personal, so dass eine multiperspektivische Geschichte entsteht. Sechs verschiedene Sichtweisen transportieren die Handlung und ergänzen somit Medeas Aussagen und stellen Medea in Frage. Die Geschichte wird durch einzelne Monologe aufgerollt, nämlich die der Medea, des Jason, des Akamas, des Leukon, der Agameda und schließlich der Glauke.
Christa Wolf erörtert die Vorgeschichte in Kolchis, vor allem Medeas Familienproblematik sehr intensiv.
Medea flieht mit Jason aus ihrer Heimat Kolchis, einem Stadtstaat mit matriarchalischen Verhältnissen, da sie dort nicht mehr bleiben kann, weil ihr Vater Medeas Bruder ermordete, um an der Macht zu bleiben. Doch das Verlassen ihrer Heimat wird Medea von den Kolchern als Verrat ausgelegt. Auf dem Weg nach Korinth heiraten Medea und Jason und Medea ist bei ihrer Ankunft in Korinth gerade mit ihren Zwillingen schwanger. Sie erhofft sich eine bessere Welt, welche sie meint in Korinth finden zu können. Doch nach einiger Zeit verlässt Jason seine Frau wegen einer möglichen Karriere als Thronfolger Korinths und er bändelt mit der Königstochter Glauke an.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Gattungsspezifische Unterschiede zwischen Roman und gespieltem Drama: Dieses Kapitel erläutert die Grundstruktur der antiken griechischen Tragödie und stellt diese der narrativen Form von Christa Wolfs Werk gegenüber, das durch innere Monologe geprägt ist.
2. Thematische Unterschiede: Hier werden die inhaltlichen Abweichungen zwischen Euripides' Drama und Wolfs Roman detailliert untersucht, insbesondere im Hinblick auf Medeas Handeln und ihre Rolle in der jeweiligen Gesellschaft.
3. Vergleich der Motive und Themen von Euripides’ „Medea“ mit Christa Wolfs „Medea. Stimmen“: Dieses Kapitel analysiert zentrale Motive wie Heimatlosigkeit und die Subjekt-Objekt-Problematik, wobei der Kontrast zwischen der rachsüchtigen Medea bei Euripides und der als Opfer inszenierten Medea bei Wolf im Vordergrund steht.
4. Literaturbetrieb in der DDR: Der Abschnitt beleuchtet Christa Wolfs Werdegang und die politische Situation für Schriftsteller in der DDR, um das Verständnis für ihre Medea-Interpretation und deren autobiographische Bezüge zu vertiefen.
Schlüsselwörter
Medea, Euripides, Christa Wolf, griechische Tragödie, Mythos, DDR, Literatur, Identität, Macht, Patriotismus, Subjekt, Objekt, Fremdheit, Emanzipation, Schlüsselroman.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit vergleicht die antike Tragödie des Euripides mit dem modernen Roman „Medea. Stimmen“ von Christa Wolf, um zu zeigen, wie sich die Sicht auf die Medea-Figur über die Jahrtausende gewandelt hat.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Rolle der Frau in patriarchalischen Systemen, der Sündenbockmechanismus, Machtmissbrauch sowie die politischen Parallelen zwischen dem Mythos und der DDR-Zeit.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, herauszuarbeiten, dass Medea bei Euripides als "Furie" dargestellt wird, während Christa Wolf sie als eine würdevolle, gewaltlose Helferin zeichnet, die an ihrer Umgebung scheitert.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Autorin verwendet eine komparatistische Analyse, indem sie die beiden literarischen Texte in Bezug auf ihre Motivik, Struktur und Entstehungsgeschichte gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die gattungsspezifischen Unterschiede, danach die thematischen Differenzen sowie die biographischen und politischen Bezüge zur DDR-Historie detailliert analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Medea, Mythos, Identität, Macht, DDR-Literaturbetrieb und die Gegenüberstellung von Antike und Moderne.
Inwiefern spielt der "Sündenbockmechanismus" in Christa Wolfs Interpretation eine Rolle?
In Wolfs Roman wird deutlich, wie die Korinther Medea aus Selbstschutz beschuldigen, um eigene moralische Verfehlungen und ein vertuschtes Verbrechen (den Mord an der Königstochter Iphinoe) zu kaschieren.
Wie deutet die Autorin das Ende des Romans von Christa Wolf?
Das Ende wird als Ausdruck der Resignation und Hoffnungslosigkeit interpretiert, wobei die abschließenden Worte Medeas weniger als tatsächliche Fragen, sondern als existenzielle Aussagepunkte über eine Welt verstanden werden, in der ein freies Leben nicht möglich scheint.
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- Laura Ostermaier (Author), 2006, Medea - Ein Vergleich der Werke von Euripides und Christa Wolf, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/193310