Wenn in früherer Zeit der Ausdruck Epidemie gebraucht wurde, verbargen sich dahinter Erkrankungen wie Cholera oder die Pest. Krankheiten, welche heute keine bedeutende Prävalenz mehr besitzen, aber durch ein anderes Phänomen ersetzt wurden.
Der Rückenschmerz, besonders in seiner chronischen Ausformung, ist zu einem ausufernden, sozioökonomischen Problem der hoch entwickelten Nationen geworden (vgl. Göbel, 2001, S. 93). Grönemeyer (2006, S. 15) zeigt einige wichtige Fakten auf, welche die Brisanz der Situation verdeutlichen:
• 71,5 Millionen Arbeitstage fallen wegen Rückenschmerzen jährlich in Deutschland aus
• 35 Prozent der jüngeren Bevölkerung haben vorgefallene oder degenerierte Bandscheiben
• In Deutschland werden jährlich 60.000 Bandscheiben operiert
Rückenleiden bedeuten folglich nicht nur für das Individuum eine Bedrohung, sondern fordern explizit das Gesundheitssystem und seine Partner heraus. Sowohl Ärzte, Therapeuten und medizinisches Personal, als auch die Kostenträger stehen den wachsenden Inzidenzraten bisher nahezu machtlos gegenüber. Treffend äußert sich Waddell (zitiert nach Grönemeyer, 2006, S. 19), dass „[…] Rückenschmerzen die medizinische Niederlage des 20. Jahrhunderts seien“.
Eine Ursache jener unbefriedigenden Lage kann in einem vorherrschenden, kausalen Denkmodell gesehen werden. Der Glaube eines „[…] linearen Zusammenhanges zwischen körperlicher Schädigung und empfundenem Schmerz bzw. einhergehender Funktionseinschränkung […]“ (Kröner-Herwig, 1999, S. 68) ist weitestgehend in den Köpfen aller Beteiligten verankert.
Ziel der vorliegenden Arbeit soll es sein, das gerade erwähnte, medizinisch geprägte Modell zu hinterfragen, um im Anschluss die Partizipationsmöglichkeiten eines kognitiv-behavioralen Ansatzes zu beleuchten. Hypothetisch lässt sich fixieren, dass der „mehrdimensional“ (Kröner-Herwig, 1999, S. 68) ausgerichtete Ansatz das Problem Rückenschmerz wirkungsvoller behandeln kann, als dies herkömmliche Methoden vermögen. Ob es sogar möglich ist, mithilfe kognitiv-verhaltenstherapeutischer Maßnahmen eine vollständige Remission zu erwirken, soll im Laufe der Arbeit erörtert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Terminologie
2.1 Psychologische Therapie
2.2 Was bedeutet Schmerz?
3. Die Medizin auf dem Prüfstand
3.1 Vorstellungen des Arztes
3.2 Vorstellungen des Patienten
3.3 Schlussfolgerungen
4. Grundideen der kognitiven Verhaltenstherapie
4.1 Mehrdimensionalität
4.1.1 Physiologisch-somatische Komponente
4.1.2 Psychologische Komponente
4.1.3 Behaviorale Komponente
4.1.4 Soziale Komponente
4.2 Selbstkontrollüberzeugung
4.3 Mobilitätsförderung
5. Praktische Umsetzung des kognitiven Verhaltensansatzes
5.1 Diagnostische Phase
5.2 Aufbau eines neuen kognitiven Modells
5.3 Aneignung von Bewältigungsfertigkeiten
5.3.1 Entspannungstraining
5.3.2 Vermittlung von kognitiv-behavioralen Bewältigungsstrategien
5.3.3 Medikamentenreduktion
5.3.4 Aktivitätsmodifikation
5.3.5 Integration von Bezugspersonen
5.4 Anwendung und Transfer
5.5 Aufrechterhaltung und Rückfallprävention
6. Fazit
7. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, das vorherrschende medizinisch geprägte, rein kausale Denkmodell bei der Behandlung von chronischen Rückenschmerzen kritisch zu hinterfragen und die Potenziale eines mehrdimensionalen, kognitiv-verhaltenstherapeutischen Ansatzes aufzuzeigen, um Patienten zu einer aktiven Mitgestaltung ihres Genesungsprozesses zu befähigen.
- Kritische Analyse des traditionellen "unimodalen" Schmerzmodells
- Bedeutung der Kognitionen und Verhaltensmuster bei der Schmerzchronifizierung
- Der Ansatz der Mehrdimensionalität (physiologisch, psychologisch, behavioral, sozial)
- Strategien zur Förderung der Selbstkontrollüberzeugung und aktiven Mobilität
- Strukturierung einer kognitiv-verhaltenstherapeutischen Intervention
Auszug aus dem Buch
3.1 Vorstellungen des Arztes
Dem Arzt als ersten Intervenierenden bei Rückenbeschwerden kommt eine hohe Verantwortung in Bezug auf die weitere Pathogenese zu. Er wird zunächst bestrebt sein, die Triebfeder der geschilderten Probleme anhand organischer Parameter zu fixieren. Seine Ursachenattribuierung wendet sich dabei in den meisten Fällen in Richtung einer Wirbelsäulendegeneration zu. In diesem Nexus werden radiologische Befunde häufig in kausaler Verbindung zu den auftretenden Schmerzen angenommen (vgl. Göbel, 2001, S. 95). Die biomedizinische Betrachtungsweise, welche sich durch eindimensionale Schmerzzuordnung auszeichnet, kann jedoch nicht generalisiert auf sämtliche Beschwerden angewendet werden.
Da es dem Arzt nur in seltensten Fällen möglich ist eine konkrete Wurzel des Schmerzes ausfindig zu machen, besteht seine primäre Intention in der Reduktion des Leids. Hierbei stehen ihm persönliche Erfahrungswerte zur Verfügung, die oftmals eine Medikation begründen. Die Kombination aus empirischem Halbwissen und Hilflosigkeit hat zur Folge, dass die notwendige Ursachenforschung durch schmerzmittelbedingte Ruhigstellung unterdrückt wird. Eine multifaktorielle biopsychosoziale Betrachtungsweise ist weder bekannt, noch wird sie in die Ätiologie mit einbezogen (vgl. Göbel, 2001, S. 95). Die weitgehend partielle Hinwendung zu rein organischen Ursachen des Rückenschmerzes verleitet den Medizinprofessor Dietrich Grönemeyer (2006) zu folgendem Urteil: „Die [...] Medizin hat sich viel zu sehr vom Menschen isoliert und zu sehr den Blick auf die messbaren Details des Körpers gerichtet“ (S. 10).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit thematisiert die sozioökonomische Problematik chronischer Rückenschmerzen und begründet das Ziel, medizinische Standardmodelle durch einen kognitiv-behavioralen Ansatz zu ergänzen.
2. Terminologie: Es werden die für die Arbeit zentralen Begriffe der Psychologie im therapeutischen Kontext sowie das biopsychosoziale Verständnis von Schmerz definiert.
3. Die Medizin auf dem Prüfstand: Das Kapitel analysiert die limitierte Wirksamkeit rein biomedizinischer Sichtweisen von Ärzten und Patienten, die oft zu ineffektiven Behandlungsstrategien wie Ruhigstellung führen.
4. Grundideen der kognitiven Verhaltenstherapie: Hier wird das mehrdimensionale Modell erläutert, das neben somatischen auch psychologische, behaviorale und soziale Faktoren als Ursachen und Aufrechterhalter chronischer Schmerzen identifiziert.
5. Praktische Umsetzung des kognitiven Verhaltensansatzes: Dieses Kapitel skizziert den konkreten therapeutischen Prozess, von der Diagnostik über den Kompetenzaufbau bis hin zur Rückfallprävention.
6. Fazit: Das Fazit bestätigt die Notwendigkeit, Verantwortung vom medizinischen System auf den Patienten zu übertragen, um eine aktive Lebensgestaltung trotz Schmerz zu ermöglichen.
7. Zusammenfassung: Die Arbeit resümiert, dass der kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansatz die bestehenden Interventionsdefizite bei chronifizierten Rückenleiden erfolgreich adressieren kann.
Schlüsselwörter
Rückenschmerz, chronischer Schmerz, kognitive Verhaltenstherapie, Schmerzbewältigung, Mehrdimensionalität, Patientenverantwortung, Vermeidungsverhalten, biopsychosoziales Modell, Schmerzmodell, Selbstkontrollüberzeugung, Mobilitätsförderung, Intervention, Schmerztherapie, Coping, Lebensqualität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der psychologischen Therapie bei chronischen Rückenschmerzen und untersucht, wie der kognitive Verhaltensansatz helfen kann, die Probleme traditioneller, rein medizinisch-biologischer Behandlungsmodelle zu überwinden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Verständnis von Schmerz als multimodales Geschehen, die Rolle von Kognitionen und Vermeidungsverhalten bei Patienten, die Notwendigkeit interdisziplinärer Therapie sowie Strategien zur aktiven Lebensgestaltung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, das medizinisch geprägte, lineare Kausalmodell bei Rückenleiden zu hinterfragen und die Möglichkeiten sowie Potenziale eines mehrdimensionalen, kognitiv-verhaltenstherapeutischen Ansatzes in der Praxis darzulegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine hermeneutisch ausgerichtete Literaturarbeit, die Erkenntnisse aus der psychologischen und medizinischen Fachliteratur systematisch integriert und strukturiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die theoretischen Grundideen des kognitiven Verhaltensansatzes sowie deren praktische Anwendung, inklusive Diagnostik, Aufbau neuer kognitiver Modelle, Vermittlung von Bewältigungsstrategien und Rückfallprävention.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Schlüsselwörter sind unter anderem Rückenschmerz, Chronifizierung, kognitive Verhaltenstherapie, Mehrdimensionalität, Selbstkontrollüberzeugung und Patientenverantwortung.
Warum ist laut Autor eine rein organische Sichtweise auf Rückenschmerzen oft problematisch?
Die rein organische Sichtweise ist oft defizitär, da bei über 85 Prozent der Patienten keine spezifische organische Ursache gefunden werden kann, was dazu führt, dass notwendige psychologische und soziale Faktoren bei der Behandlung vernachlässigt werden.
Welche Rolle spielen Bezugspersonen im beschriebenen Therapieansatz?
Bezugspersonen spielen eine entscheidende Rolle, da sie durch übermäßige Hilfestellung oder eine unbewusste Verstärkung von Vermeidungsverhalten den Heilungsprozess hemmen können; daher müssen sie separat in das Therapiekonzept einbezogen werden.
Was versteht man in der Arbeit unter dem "sekundären Gewinn" bei Schmerzproblematiken?
Der sekundäre Gewinn bezeichnet den Umstand, dass Patienten durch ihre Schmerzsymptomatik eine Entlastung von Alltagsaufgaben oder soziale Aufmerksamkeit erfahren, was das Vermeidungsverhalten ungewollt aufrechterhält oder verstärkt.
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- Master of Arts André Matthias Müller (Author), 2009, Psychologische Therapie bei Rückenschmerz, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/192082