„Bar Kochba war ein Held, der keine Niederlage kennen wollte. Als der Sieg ihn verließ, wusste er zu sterben. Bar Kochba ist die letzte weltgeschichtliche Verkörperung des kriegsharten waffenfrohen Judentums. Sich unter Bar Kochbas Anrufung zu stellen, verrät Ehrgeiz.“
(Max Nordau, 1909)
Dieses Zitat entstammt Max Nordaus Zionistischen Schriften aus dem Jahr 1909 und wurde seinerseits, der er, Mitbegründer der Zionistischen Weltorganisation, Schriftsteller und Politiker, gleichermaßen als Vertreter des sogenannten Muskeljudentums des beginnenden 20. Jahrhunderts galt, anlässlich der Gründungsfeier eines jüdischen Turnvereins in Berlin, welcher den Namen „Bar Kochba(r)“ trug, erstmalig verwendet. Neben den obligatorischen Segenswünschen, der Verein möge in Zukunft „blühen und gedeihen und zu einem an allen Mittelpunkten jüdischen Lebens eifrig nachgeahmten Vorbilde werden“, impliziert dieses Zitat eine Bezugnahme auf die Person Bar Kochbas, welcher in seiner historischen Einordnung noch immer im Zwiespalt betrachtet wird. In der Namensgebung des Turnvereins wurde ein Rückgriff vollzogen auf eine als ruhmreich verklärte jüdische Vergangenheit, für die Bar Kochba als Mann der Stärke zur damaligen Zeit stand und welche als mentale Akquirierung die Geschicke der Vereinsmitglieder stärken sollte. Der zeitgenössische deutsch-jüdische Historiker für Neuere Geschichte und Politologe an der Bundeswehruniversität München, Michael Wolffsohn, betont, dass in der jüdisch-israelischen Geschichtsschreibung bzw. in den offiziellen israelischen Schulbüchern die Person Bar Kochba noch heute als eine Art „Held“ dargestellt wird. Die römischen bzw. frühchristlichen Historiographen hingegen stellen seine Person, seine Strenge gegenüber seinen Anhängern, seine Skrupellosigkeit und Grausamkeit heraus und zeichnen ein entgegengesetztes, von messianischem Fanatismus geprägtes Bild dieser bislang eher in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung stiefmütterlich behandelten historischen Persönlichkeit. Unter anderem der Persönlichkeitsaspekt und die messianische Intention Bar Kochbas sollen in dieser Arbeit ebenfalls in kritischen Kontext thematisiert werden.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Hauptteil
1. Die Vorgeschichte: Judäa und die Diasporajuden seit dem Fall Jerusalems 70 n. Chr.
1.1 Die Provinz Judaea nach der Katastrophe – Die Folgen des Ersten Jüdischen Krieges (66-73 n. Chr.)
1.2 Der Aufstand der Diasporajuden (115-117 n. Chr.)
2. Kritische Reflexion möglicher Ursachen der Bar Kochba-Erhebung
2.1 Die Neugründung Jerusalems als römische Garnisonsstadt Aelia Capitolina
2.2 Das Beschneidungsverbot Hadrians
3. Der Messianismus in der Person Bar Kochbas als auslösendes Moment?
3.1 Die historische Persönlichkeit Bar Kochba
3.2 Kritische Auseinandersetzung mit dem messianischen Anspruch Bar Kochbas
3.3 Bar Kochbas Beziehung zu den Rabbinen – Verschiedene Strömungen innerhalb des jüdischen Staates
4. Der Bar Kochba-Aufstand – Die für das römische Heer verlustreichen Anfangsjahre
4.1 Römische Verluste anhand der Auswertung von Militärdiplomen
4.1.1 Militärdiplome für Auxiliarverbände
4.1.2 Flottendiplome der classis Misenensis
4.2 Der Ausbruch des Aufstands – Historische Einordnung und Quellenlage
4.3 Hinweise zum Aufstandsablauf aus historiographischen Quellen
4.4 Außergewöhnliche Notmaßnahmen der römischen Administration
4.4.1 Zwangsaushebungen im italienischen Kernland
4.4.2 Atypische Versetzungsmaßnahmen innerhalb des römischen Militärapparats und die Akklamation Hadrians
4.5 Indizien für die Vernichtung einer gesamten Legion
5. Das Ende des Aufstand bis zum Fall von Bethar und die Folgen für die Provinz Judaea und die Juden
5.1 Wiederaufbaumaßnahmen am Tempel als Streitpunkt der Wissenschaft und die Bedeutung der Beteiligung von Fremdvölkern am Aufstand
5.2 Das Aufstandsgebiet aus geographisch-territorialen Gesichtspunkten und anhand von Münzzeugnissen
5.3 Die unmittelbaren Folgen für Judaea und seine Bewohner
III. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Ursachen, den Verlauf und die Auswirkungen des Bar Kochba-Aufstands (132-135/36 n. Chr.) im Kontext der römischen Herrschaft über Judäa, wobei sie insbesondere aktuelle epigraphische und archäologische Forschungsergebnisse, wie etwa Militärdiplome, zur kritischen Neubewertung der Ereignisse heranzieht.
- Analyse der sozio-politischen und religiösen Ursachen der Rebellion.
- Untersuchung der Rolle des Messianismus und der Persönlichkeit Bar Kochbas.
- Evaluierung römischer Militärverluste und administrativer Gegenmaßnahmen mittels Militärdiplomen.
- Beurteilung der demographischen und politischen Folgen für die Provinz Judaea nach der Niederschlagung.
Auszug aus dem Buch
4.1.1 Militärdiplome für Auxiliarverbände
Ein von Peter Weiß bereits 1997 publiziertes Diplom beinhaltet unter diesen genannten Gesichtspunkten drei bemerkenswerte Aspekte, welche eine recht exakte Datierung und damit eine historische Einordnung möglich machen. Zur Provenienz des Diploms ist nichts bekannt. W. Eck spekuliert angesichts zahlreicher Neufunde in dieser Weltgegend über den Donauraum im Bereich des östlichen Balkan.
Zum einen ist der Einheitskommandant, Aper aus dem umbrischen Hispellum - in besagtem Militärdiplom ist er in leicht phonetischer Abwandlung als Hespell erwähnt -, bereits vorher in Erscheinung getreten, u.a. in einer Grabinschrift in Hispellum, die er seinem Bruder widmete, aus einer Weihinschrift aus Hispania citerior, in der er als Praefectus Alae tituliert wird und darüber hinaus aus einem Militärdiplom aus Dakien als Kommandant der in Dacia superior beheimateten Cohors I Vindelicorum milliaria.
Des Weiteren lässt sich mit Syria Palaestina die Provinz exakt bestimmen, der die Konstitution galt. Die beiden noch erhaltenen Zahlen IV et VI U[lpia Petreor(um)] intus oben verweisen im Zusammenhang mit der Ala - dass es sich bei dem Truppenteil um eine Ala handelte, lässt sich daraus ablesen, dass der Empfänger [ex]gregale war - auf ein in der Provinz Syria Palaestina stationiertes Truppenkontingent. Die Ala, bei der der Veteran seinen Dienst verrichtet hatte, war somit die [ala VII Phryg(um)].
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Einführung in die Thematik des Bar Kochba-Aufstands und Darstellung der wissenschaftlichen Rezeption unter Berücksichtigung moderner epigraphischer Quellen.
II. Hauptteil: Detaillierte historische Analyse von den Nachwirkungen des Ersten Jüdischen Krieges bis zur militärischen und gesellschaftlichen Transformation Judäas durch den Bar Kochba-Aufstand.
III. Schlussbetrachtung: Zusammenfassende Einordnung des Bar Kochba-Mythos in der zionistischen Ideologie und kritische Reflexion des historischen Erbes.
Schlüsselwörter
Bar Kochba-Aufstand, Römische Geschichte, Judaea, Syria Palaestina, Hadrian, Militärdiplome, Legionen, Auxiliarverbände, Messianismus, Aelia Capitolina, Jüdische Geschichte, Epigraphik, Römische Administration, Diasporajuden, Historische Quellenkritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Bar Kochba-Aufstand gegen das römische Imperium im 2. Jahrhundert n. Chr. und verknüpft dabei klassische historiographische Quellen mit neueren archäologischen und epigraphischen Erkenntnissen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Ursachenforschung, die Rolle des messianischen Anspruchs Bar Kochbas, die militärische Dimension der römischen Reaktion sowie die sozio-demographischen Folgen für die jüdische Bevölkerung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist eine wissenschaftliche Neubewertung des Aufstands durch die Einbeziehung moderner Funde, wie römischer Militärdiplome, um die bisher von lückenhaften literarischen Quellen geprägte Sichtweise zu präzisieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine quellenkritische historische Methode angewandt, die insbesondere epigraphisches Material (Militärdiplome, Inschriften) mit den Aussagen antiker Geschichtsschreiber wie Cassius Dio und Eusebius konfrontiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einordnung der Vorgeschichte, eine Analyse der Ursachen, die Untersuchung des messianischen Anführers, die militärische Logistik der römischen Armee sowie die Folgen für die Provinz.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlüsselwörter umfassen Bar Kochba-Aufstand, Militärdiplome, Hadrian, Judaea, Messianismus und römische Administration.
Wie bewertet der Autor die Rolle des Messianismus?
Der Autor hinterfragt den messianischen Anspruch und untersucht, inwieweit dieser politisch-rational instrumentalisiert wurde oder ob eine religiöse Überzeugung des Anführers im Vordergrund stand.
Welche Bedeutung haben die Militärdiplome für diese Arbeit?
Die Militärdiplome liefern als zeitgenössische, unverfälschte Dokumente entscheidende Belege für die militärischen Verluste, Rekrutierungspraktiken und die Truppenverschiebungen, die in den literarischen Quellen oft nur vage angedeutet sind.
- Arbeit zitieren
- Holger Hufer (Autor:in), 2008, Der Bar Kochba-Aufstand (132-135/36 n.Chr.), München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/191793